Vom Jungbauern zum Kaufhausbesitzer

Eine Wasserburger Institution feiert runden Geburtstag: Vor 50 Jahren gründete Manfred Gerer das Innkaufhaus

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Vor einem halben Jahrhundert war Willy Brandt noch Bundeskanzler, Apollo 13 hatte ein Problem, die legendären Beatles lösten sich auf und in Wasserburg öffnete ein Kaufhaus seine Pforten. Seit dem 17. Oktober 1970 bedient das Innkaufhaus in der Ledererzeile nahezu ununterbrochen mit Erfolg seine Kunden – was angesichts des weitverbreiteten Ladensterbens als kleines Wunder gelten kann. Für die Wasserburger Stimme berichtet Gründer Manfred Gerer (82), dessen Tochter Sibylle heute Inhaberin ist, über die Anfänge.

Es ist ja nicht so, dass sich Manfred Gerer keine Mühe gab, aber mit 14 Jahren musste der Jugendliche das Gymnasium verlassen. Denn der Vater, ein Viehhändler, beschloss kurzer Hand, dass der Sohn ein Bauer werden müsse. „Und so habe ich eine dreijährige Ausbildung zum Landwirt absolviert und abgeschlossen“, erinnert sich der 82-jährige, „doch das war nie mein Ding.“ Dass anschließend die Mutter sich durchsetzte, die ein Kurzwaren-Geschäft in der Ledererzeile 23 führte, kann im Rückblick durchaus als Initialzündung für das Innkaufhaus gedeutet werden.

 

„Sie hat mir nahegelegt, eine kaufmännische Lehre zu machen“, sagt Manfred Gerer, „und mir eine Lehrstelle bei einem exklusiven Herrenausstatter am Münchner Stachus verschafft. So kam ich quasi vom Misthaufen zur Männermode.“ Mit knapp 20 Jahren beorderte ihn die Mutter zurück nach Wasserburg, „ich brauch dich hier im Laden.“ Und Gerer stellte das Geschäft seiner Mutter auf den Kopf: Herrenanzüge statt Vorhänge war nun die Devise. Weil der Betrieb so gut lief, wurde das Haus bald vergrößert.

 

Das machte den Besitzer der „Wasserburger Lichtspiele“ im Gebäude des heutigen Innkaufhauses (es gab damals in der Altstadt drei Kinos!) aufmerksam, der Manfred Gerer das Haus zur Pacht – später zum Kauf – anbot. „Ich habe es für geeignet erachtet und radikal entkernen lassen“, berichtet Gerer, „vier Etagen wurden reingebaut sowie ein Aufzug.“

 

Am 17. Oktober war es dann schließlich soweit: Die Massen drängelten sich, als das Innkaufhaus eröffnet wurde – was nicht zuletzt auch an Torwartlegende Sepp Maier vom FC Bayern lag, der als Stargast gewonnen werden konnte. „Die Leute waren ganz verrückt, es war ein Wahnsinn“, blickt Gerer (Bildmitte) zurück, „Wasserburg mit seinen damals gerade mal 9.000 Einwohnern, wo es nicht einmal einen Supermarkt gab, hatte plötzlich ein vierstöckiges Kaufhaus mit einem eigenen Lift.“ Mit seinem Sortiment aus Süßwaren, Kochtöpfen, Mode, Gebrauchsartikeln und Möbeln (!) wurde der Geschäftsmann anfangs belächelt („Das geht doch nie“). Doch sein Konzept nach Vorbild der großen Kaufhäuser ging auf. „Wir waren wie der Kaufhof in München, nur kleiner“; sagt Gerer, „das hat richtig eingeschlagen.“

 

Mit Sonderangeboten („Es ging über den Preis“) wurden die Kunden angelockt. Zu den Bestsellern gehörten einmal Damenpullover für fünf Mark und das Kultparfum „4711“. 35 Angestellte waren es zu Beginn, in den Hochzeiten bis zu 80. Damals galt noch die 44-Stunden-Woche bei 14 Tagen Jahresurlaub. Gerer selbst arbeitete von 7 Uhr morgens bis 20 Uhr abends. Bis 2002 stand er im Geschäft und verpachtete es dann an einen Cousin.

 

Dessen Frau, entmutigt durch die Konkurrenz, auch durch das Internet, schloss dann im Dezember 2016 zu: Ein Aufschrei ging durch die Stadt!

 

Erst stand ein Ärztehaus in den Räumen des Innkaufhauses zur Debatte. Doch schnell war klar, dass Tochter Sibylle, die zuvor noch mit ihrem Mann in New York lebte, das Traditionshaus weiterführen sollte. „Wir sind Quereinsteiger“, sagt Sibylle Schuhmacher (42), „doch das ist eine Erfolgsnummer, weil wir das Unternehmen aus Kundensicht sehen.“ Gatte Tobias (45) brachte Erfahrung mit als Verkäufer von nachhaltigen Teppichböden, das Konzept der Nachhaltigkeit dominiert heute auch das Innkaufhaus.

 

Im Februar 2017 wurde dann zumindest das Erdgeschoss wieder eröffnet und zunächst mit gängigen Produkten wie beispielsweise Schreibwaren bestückt. Nach einer Komplettrenovierung konnte das Innkaufhaus schließlich im September 2017 wieder auf allen Etagen seinen Betrieb aufnehmen. Seither bieten die Schuhmachers vor allem Nischen-Produkte abseits des Mainstreams an und setzen auf Qualität. „Wir wollen nicht das typische Kaufhaus sein“, betont die Inhaberin, „wir stehen zu 100 Prozent zu unserem Sortiment, würden das Allermeiste davon selbst gern haben.“ Als Beispiel nennt Tobias Schuhmacher (rechts) die zahlreichen Herrenprodukte: „Ich habe immer beobachtet, dass Männer beim Shoppen oft zu kurz kommen.“ Auch im Betrieb selbst gehen sie unkonventionelle Wege: „Es gibt keine Hierarchien. Wir duzen uns alle und auch als Chefs räumen wir zum Beispiel Kartons weg.“

 

Und Manfred Gerer? Der 82-Jährige schaut zwar regelmäßig im Innkaufhaus vorbei, lässt die jungen Leute aber gewähren. Stattdessen kümmert er sich um seine 25 Schafe, denn die Landwirtschaft hat ihn nie ganz losgelassen. „Allerdings habe ich schon lange keine Zucht mehr“, lächelt Gerer, „ich konnte die Lämmchen nicht mehr zum Verzehr hergeben. So dürfen meine Schafe bei mir bleiben, bis sie umfallen…“

 

Christopher Fritz

 

Das Team vom Innkaufhaus.

 

50 Jahre Innkaufhaus in Bildern:

 

Tolles Gewinnspiel zum Jubiläum läuft noch bis
Freitag, 23. Oktober …

 

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2 Kommentare zu “Vom Jungbauern zum Kaufhausbesitzer

  1. Unfassbar zu sehen, was das Innkaufhaus mal für eine Institution war

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    1. Und schön zu sehen, dass es das Innkaufhaus entgegen aller Trends (auch in deutlich größeren Städten) auch weiterhin gibt!

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