„Traut behinderten Menschen etwas zu“ 

Wirtschaftsförderstelle im Landratsamt: Exkursion mit Arbeitgebern führte diesmal nach Prien

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Menschen mit Behinderungen haben es auf dem Arbeitsmarkt immer noch schwer. Viele Arbeitgeber scheuen die Herausforderung und mögliche bürokratische Hürden. Dabei können Arbeitnehmer mit Handicap den Betrieb in vielen Punkten bereichern. Jakob Brummer von der Fachstelle Inklusion und die Wirtschaftsförderstelle im Landratsamt Rosenheim hatten Unternehmer sowie Fachleute aus Behörden und Verbänden zu einer Informationsfahrt eingeladen. Auch die Stiftung Atll informierte.

Etwa 45 Interessierte folgten der Einladung in die Marktgemeinde Prien. Hier wurde zunächst eine Wohnanlage für Menschen mit Handicap besichtigt, anschließend informierten die Marktgemeinde Prien sowie weitere Arbeitgeber und Institutionen im Haus des Gastes über ihre Bemühungen, bei der Integration von Menschen mit Behinderungen in den Arbeitsalltag.

Erste Station der Exkursion war die Wohnanlage „Leben mit Handicap“ am Stauden 11. Die Wohnanlage liegt mitten im Ort. Das moderne weiß-grün gestrichene Gebäude war aus einer Elterninitiative heraus entstanden. Jede Etage wird von einer Gemeinschaft mit zehn Personen bewohnt. Jeder Bewohner hat sein eigenes Apartment, dazu gibt es behindertengerechte Wohnküchen, Hauswirtschaftsräume, einen Mehrzweckraum und einen großen Raum für Veranstaltungen mit Dachterrasse im Obergeschoss.

Wie Jakob Brummer zur Begrüßung im Obergeschoss der Wohnanlage sagte, sei er dankbar, dass sich so viele Arbeitgeber in verantwortlichen Positionen die Zeit nehmen, sich zu informieren. Auch die stellvertretende Landrätin Marianne Loferer bezeichnet dies als ersten wichtigen Schritt. Menschen mit und ohne Behinderungen sollten die gleichen Chancen haben, so Loferer.

Aufgeteilt in zwei Gruppen ging es anschließend zu einer Führung durch die Wohnanlage. Je nach Grad ihrer Behinderung können die Bewohner selbst entscheiden, wie viel Hilfe sie benötigen. Unterstützt werden sie dabei vom Ambulanten Betreuungsdienst Mayer-Reif-Scheck. Die Mitarbeiterinnen Sabine Müller und Julia Görgmayr führten die Interessierten durch die Räume. Julia Görgmayr arbeitet seit sechs Jahren in der Wohngemeinschaft im Erdgeschoss. Sie assistiert den Bewohnern bei allen Aufgaben, die im Haushalt anfallen. Görgmayr kam mit dem Down-Syndrom auf die Welt und ist bei dem Betreuungsdienst fest angestellt. „Wir gehen einkaufen, kochen und essen gemeinsam. Anschließend erzählt jeder wie sein Tag war und wir räumen gemeinsam auf, jeder das was er kann“, beschreibt Görgmayr den Alltag. Auch bei der Wäsche oder der Zimmerreinigung unterstützt sie die Bewohner.

Die Wohnanlage soll ein Übergang sein, bis zur eigenen Wohnung. Drei Bewohner sind bereits ausgezogen und wohnen nun gemeinsam in einer WG ganz in der Nähe der Wohnanlage, erzählt der Geschäftsführer der Wohnanlage Wilfried Boggusch von der Leben mit Handicap Prien GmbH. Eine Vision sei es, in Zukunft weitere dieser kleineren WGs in Prien einzurichten.

Von der Marktgemeinde Prien gab es in all den Jahren viel Unterstützung. Wie Bürgermeister Jürgen Seifert später im Haus des Gastes in Prien erzählte, sei es der Marktgemeinde wichtig gewesen, diese Wohnanlage zentral anzusiedeln. „Wir brauchen diese Menschen. Jeder Mensch hat ein besonderes Talent. Die Summe dieser Talente macht eine Gemeinschaft.“ Auch die Marktgemeinde selbst beschäftigt drei Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Handicap.

Der Dritte Bürgermeister Alfred Schelhas verlas anschließend den Brief einer Mitarbeiterin mit Handicap, da diese im Urlaub war und nicht selber sprechen konnte. Die 31-Jährige Andrea Daniwolf arbeitet seit 2012 bei der Marktgemeinde. Aufgrund einer Erkrankung hat sie einen 100 Prozentigen Grad einer körperlichen Behinderung. Ihre Arbeitszeit und Arbeitsplatz wurden immer wieder an ihre Bedürfnisse angepasst. Sie arbeite sehr gern hier und fühle sich als wertvolles Mitglied der Gesellschaft. „Ich bin wie jeder andere auch“. Anschließend appellierte sie in ihrem Brief an die Arbeitgeber, niemanden vorher zu beurteilen und behinderten Menschen etwas zuzutrauen.

Dies hatte auch die Prien Marketing GmbH getan, als sie Thomas Bugla vor 19 Jahren einstellten. Er arbeitet in der Technischen Abteilung und wird hier vor allem in der Gärtnerei eingesetzt. Der 37-Jährige hat ein geistiges Handicap. Wenn man ihn sieht, merkt man nichts davon. Er braucht nur manchmal etwas länger, als seine Kollegen. Mit 16 hatte er in der Gärtnerei ein Praktikum gemacht. Er war hartnäckig und kam immer wieder, erinnerte sich sein Chef Gerd Schmidbauer. Inzwischen ist Bugla einer von drei Mitarbeitern der Gärtnerei und voll integriert. Da er keinen Führerschein hat, darf er nur ein paar große Maschinen nicht bedienen. Sonst ist er überall einsetzbar, auch außerhalb der Gärtnerei, wenn Hilfe benötigt wird. „Wir sind vollstens mit ihm zufrieden. Er ist ein sehr beliebter junger Mann“, schwärmt sein Chef weiter. Auch Bugla selbst ist glücklich, wie er immer wieder betont und man sieht es ihm auch an.

Im Anschluss konnten sich alle Anwesenden noch an sechs Ständen im World-Cafe zu Beratungs-, Unterstützungs- und Fördermöglichkeiten für Arbeitgeber und Mitarbeitern mit Handicap informieren oder sich direkt mit Arbeitgebern über ihre Erfahrungen mit Mitarbeitern mit Handicap austauschen. Neben der Prien Marketing GmbH informierten hier die Klinik Sonnenbichl in Aschau, das Pflegeheim Laurentiushof in Bernau, die Fair Job GmbH, ein Inklusionsbetrieb der Stiftung Attl sowie die Agentur für Arbeit Rosenheim und Integrationsfachdienst Rosenheim.

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