Soyen: „Bunte Liste” aufgestellt

Genauso viele Frauen wie Männer für den Gemeinderat nominiert

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Das ist selten in Bayern – nicht eine große Partei, sondern die überparteiliche Wählervereinigung Bunte-Liste-Soyen schafft es, genauso viele Frauen wie Männer für den Gemeinderat aufzustellen.

Quietschgelbe Plakate mit der „Anni“, dem wohl berühmtesten Huhn in Soyen, wiesen am Donnerstagabend den Weg zur Aufstellungsversammlung der „Bunten Liste” ins idyllisch gelegene Gasthaus Brandmühle. Alle 26 Gäste und viele der 36 Anhänger ahnten nicht, dass sie Zeugen eines historischen Ereignisses werden – nicht nur für die knapp 3000-Seelen-Gemeinde, sondern für den ganzen Landkreis.

Der überparteilichen Wählervereinigung ist auf Anhieb gelungen, was sich die großen Parteien gern auf ihre Fahnen schreiben: Gleichberechtigung.

Die Etablierten scheitern meist schon bei der Kandidaten-Aufstellung an diesem Ideal: So auch der bisherige Monopolist in Soyen, die „Gemeinsame Wählerliste Soyen”, über die es bei den vorigen Kommunalwahlen nur eine Frau in den Gemeinderat schaffte.

Nach dem „Reißverschlussprinzip“ stellte die „Bunte Liste” Soyen jetzt locker immer eine Frau und einen Mann auf, besetzte so die 14 Bewerberplätze für den Gemeinderat – ganz gerecht – mit sieben Frauen und sieben Männern. Doch das blieb nicht die einzige Überraschung.

Bei der Premiere alles richtigmachen, wollten die „BuLis”, wie sie sich selbst nennen. Also brüteten die Politneulinge vorher tagelang in der „Krawallbude“ – so der Spitzname ihres Treffpunkts im lauschigen Hof der Initiatorin Christine Böhm in Mühltal –  über ihren „Hausaufgaben“: Sie druckten Plakate, Stimmzettel und wälzten Gesetzestexte. Genauer gesagt das Bayerische Gemeindewahlgesetz, das auch kleinen Gruppierungen faire Chancen bietet.

Schon drei Personen genügen, um eine Liste aufzustellen, erklärte dann auch der Versammlungsleiter und Sprecher Ludwig Maier. „Politisch aktiv aus Leidenschaft“ ist der vierfache Familienvater, schon immer in Schlicht zuhause. Der 58-Jährige arbeitet als Biobauer und in der Stiftung Attl. Er war im ÖDP-Bundesvorstand und hat das Bienen-Volksbegehren erfolgreich mit durchgeboxt. Auf Platz zwei gewählt, will er „Soyen zu einer klimaneutralen Gemeinde“ machen.

Um eine geheime Wahl jedes einzelnen Platzes zu garantieren, holte Raimund Gruber, der dann übrigens einstimmig zum Ersatzkandidaten nominiert wurde, extra Wahlkabinen bei der Gemeinde ab. Die Gemeinde verlieh netterweise auch eine Urne und brachte mit ihr Bewegung in den Saal. Denn sie war eher für tausend Stimmzettel gedacht und zu gross zum Rumreichen. Die Wahlleiterin, die Soyener Fernsehjournalistin Petra Jahn, bat die 36 Wahlberechtigten nach vorn zur Stimmabgabe. Die Wahlhelferinnen Christiane Seidl und Steffi Felber zählten konzentriert aus. Das Ergebnis: Alle Kandidaten erreichten deutlich die absolute Mehrheit (75 Prozent war das Mindeste, die meisten kamen auf eine Zustimmung von über 90 Prozent).

 

Dank der „Bunten Liste” haben die Soyener Bürger jetzt eine große Auswahl, können sich Vertreter quer durch die Bevölkerung, in verschiedenen Berufen und allen Altersgruppen aussuchen.

Da gibt es Landwirte wie den 40-jährigen Lorenz Köbinger (Platz 12) aus Rottenhub, der verheiratet ist und zwei Kinder hat und etwas dafür tun möchte, „dass die in einer gut behüteten Umgebung aufwachsen“. Aber auch eine Immobilienökonomin und diplomierte Farbgestalterin ist in der bunten Kandidatenmischung dabei: Cornelia Kral (Platz 13). Sie ist vor zwei Jahren mit ihrem Mann an den Kitzberg gezogen. Die 50-Jährige ist für einen Mix aus Tradition und Moderne und warnt vor zu dichter Bebauung. Doch die Senioren, „die viel für unser Soyen beigetragen haben, gehören nicht nach außen abgeschoben, sondern in den Ortskern,“ findet sie.

Und auch das ist neu in Soyen: Angeführt wird die „Bunte Liste Soyen” von einer Frau, der Initiatorin und Sprecherin Christine Böhm. Die 47-Jährige ist dreifache Mutter, arbeitet als Qualitätsmangerin unter anderem in der Krebsforschung in Ebersberg und hütet in Mühltal 30 Schafe. Als begeisterte Radlerin und Wandererin will sie die Rad- und Wanderwege in Soyen auf Vordermann bringen.

Das „Speeddating“- jeder Kandidat bekam eine Minute, sich vorzustellen – ergab: Alteingesessene und frischgebackene Soyener wollen sich zusammen für die Zukunft der Gemeinde engagieren.

Seit zwei Jahren ist die 29 Jahre junge Laura Herrlich, liiert mit Mathias Simeth, in einer Hausaufstockung am Eichenweg zuhause. Die strategische Einkäuferin braucht, um Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen, schnelles Internet und „vor allem keine Funklöcher“. Sie schaffte es mit ihrem großen Anliegen, die Digitalisierung der Gemeinde voranzubringen, auf Platz 3 der „Bunten Liste” Soyen.

Immer schon in Soyen und jetzt auf Platz 5 ist Theresa Zipperer: „Ich liebe dieses Dorf. Es hat wahnsinnig viel Potenzial. Ich wäre, was selten ist im Gemeinderat, eine Frau. Ich bin jung, es wäre schön, wenn jedes Alter vertreten wäre.“ Die zweifache Mutter, geborene Ragl, arbeitet im Familienbetrieb für Installation und Solaranlagen. Die 33-Jährige will dem Vorwurf, ihre Generation sei politikverdrossen, etwas entgegensetzen. Statt sich über die große Politik aufzuregen, glaubt sie daran, schon im kleinen Bereich viel bewirken zu können. Der Hobbyimkerin gehe es, gemeinsam mit der „Bunten Liste” Soyen, immer um einen Dialog mit den Leuten und um Transparenz, etwa klar verständlich zu sagen: „Was macht der Gemeinderat eigentlich die ganze Zeit?“

Auch die Generation Z, also die ab 1997 bis 2012 Geborenen, haben mit dem 19-jährigen Luca Fischer (Platz 6) und dem 22-jährigen David Böhm (Platz 14) Plätze auf der Bunten Liste Soyen ergattert. Luca Fischer ist gelernter Bankkaufmann und jetzt wieder Schüler der Berufsoberschule. Er ist als Fußballer im TSV Soyen und bei den Burgschützen aktiv und möchte sich „für die Interessen junger Bürger einsetzen.“ David Böhm studiert neben seinem Job als Krankenpfleger Soziale Arbeit. Er ist es gewohnt, sich ehrenamtlich einzusetzen, etwa als Klassensprecher oder in der Jugendauszubildendenvertretung.

Mit Gernot Straka auf Platz 10 der „Bunten” Liste bekommen die Wähler einen in Ebersberg tätigen erfahrenen Arzt für Magen-Darmerkrankungen, der seit 1982 in Soyen lebt. Das Hauptanliegen des 64-Jährigen ist, dass die Wasserversorgung der Gemeinde endlich wieder ohne Chlorung auskommt: „Denn so, wie Chlor die Rohre desinfiziert, dort Keime abtötet, zerstört Chlor auch im Darm die Bakterien. Aber gerade die Darmflora ist extrem wichtig für unsere Gesundheit, wie wir inzwischen wissen.“

Auch seine Frau Hildegard Mauer-Straka (Platz 7), eine zweifache Mutter und praktische Ärztin, bewirbt sich als Gemeinderätin. Die 70-Jährige möchte neben sauberem Wasser zusätzlich für einen schönen Dorfplatz kämpfen.

Gerade erst in Rente gegangen, wollen der 63-jährige Buchhändler Rudolf Herzog aus Hohenburg (Platz 4) und die gleichaltrige Intensivschwester und frühere Praxismanagerin Regine Müller aus Schlicht (Platz 9) ihre dazu gewonnene Zeit im „Unruhestand“ nutzen, ihre Erfahrungen in den Gemeinderat einzubringen. Rudolf Herzog liegen besonders die schönen alten Höfe in Soyen am Herzen, er möchte möglichst viele davon vor der Abrissbirne retten. Ebenfalls in Hohenburg zuhause ist Evi Stockhammer (Platz 11), sie ist Mutter von zwei Söhnen. Eigentlich gelernte Krankenschwester arbeitet die 53-Jährige im Innkaufhaus und selbstständig als Dekorateurin.

Die größte Überraschung des Abends für die Gemeinderäte unter den Gästen war der Kandidat auf Platz 8: Ein echtes Soyener Urgestein – Peter Müller, seit 18 Jahren amtierender zweiter Bürgermeister der Gemeinde und schon seit 24 Jahren im Gemeinderat. Jahrgang 41, will er, dass auch Senioren eine Chance haben. Der studierte Mathematiker und Physiker arbeitete viele Jahre für die Raumfahrt, leitete eine Softwarefirma. Durch seine Kandidatur auf der „Bunten Liste Soyen” will er ein Zeichen setzen. Sein Ziel: Den Einfluss des Gemeinderats in der Gemeinde zu stärken. „Wenn ich jetzt da reinkomme und da bisserl was reiß´, dann wird es viele von Euch treffen, dass ihr zusätzlich was machen müsst, nur in die Gemeinderatssitzungen zu gehen, das reicht nicht.“ Mit dieser „Drohung“ erntete der beliebte Bürgermeister Lacher und viel Beifall.

Es wurde eine lange Nacht. Denn nach der offiziellen Aufstellung umwarben amtierende Gemeinderäte in heiterer Runde „die Neuen“. Denn nachdem die „Bunte Liste” Soyen keinen eigenen Bürgermeisterkandidaten aufgestellt hat, können die „BuLis” und ihre Anhänger bei der Aufstellung des Bürgermeisters bei einer der zwei anderen Listen mitwählen.

Die Kandidaten der Bunten Liste Soyen:

1.      Christine Böhm (Umwelttechnische Assistentin, 47)

2.      Ludwig Maier (Heilerziehungspfleger und Biolandwirt, 57)

3.      Laura Herrlich (Strategische Einkäuferin, 29)

4.      Rudolf Herzog (Buchhändler, 63)

5.      Theresa Zipperer (Bürokauffrau, 33)

6.      Luca Fischer (Bankkaufmann und Schüler, 19)

7.      Hildegard Mauer-Straka (Ärztin, 70)

8.      Peter Müller (Mathematiker und Physiker, 78)

9.      Regina Müller (Anästhesieschwester und Praxismanagerin, 63)

10.   Gernot Straka (Arzt, 64)

11.   Eva Maria Stockhammer (Krankenschwester und Dekorateurin, 53)

12.   Lorenz Köbinger (Landwirt, 40)

13.   Cornelia Král (Immobilien-Ökonomin, Unternehmerin, Gestalterin für Farbe und Raum, 50)

14.   David Böhm (Krankenpfleger, Student, 22)

Ersatzkandidat: Raimund Gruber

 

Foto (von links): Laura Herrlich, Raimund Gruber, Theresa Zipperer, Regina Müller, Christine Böhm, Ludwig Maier, Hildegard Mauer-Straka, Gernot Straka, Christiane Seidl, Petra Jahn.

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