Seit 40 Jahren: Edling. Einig. Frei!

Die Bürger kämpften drei Jahre lang gegen die Eingemeindung zur Stadt Wasserburg - Urteil fiel am 29. April 1981

Genau 40 Jahre ist das her am nächsten Wochenende: 40 Jahre Edling. Einig. Frei! Im Rahmen der Gebietsreform schlug der Freistaat Bayern die Gemeinde Edling mit Wirkung vom 1. Mai 1978 kurzerhand dem Gebiet der Stadt Wasserburg zu, die damit für den Zentralitätsverlust (einstiger Landkreis Wasserburg) entschädigt werden sollte. Die Bürger Edlings kämpften mit aller Macht dagegen. Und genau drei Jahre später – vor nun 40 Jahren – entschied der Bayerische Verfassungsgerichtshof mit seinem Urteil am 29. April 1981, dass die Eingemeindung nicht mehr gilt. Die Gemeinde Edling war wieder selbständig und hatte ihre Freiheit zurück …

Sie griffen das Thema auf und spielten diese einschneidende Geschichte Edlings mit zahlreichen Dorfkindern nach – in ihrem Film über Edling „Butterbrot und Freiheitsliebe“: Bernhard Golla, Sandra Kulbach, Martin Bacher, Renate Drax, Barbara Böhm, Rupert Hiebl, Andrea Bacher, Alex Drax und Barbara Golla.

Unsere Fotos zeigen dazu Szenen des Films …

Am 1. Mai 1978 war für die allermeisten Edlinger Gemeindebürger die Welt nicht mehr in Ordnung. Die Gemeinde Edling als einzelne, autonome Gemeinde – sie existierte über Nacht nicht mehr! Sie war plötzlich ein Teil der Stadt Wasserburg.

Die Vorgeschichte

Bereits im Jahre 1970 wurde unter dem damaligen, bayerischen Ministerpräsidenten Alfons Goppel eine groß angelegte Gebietsreform mit einer Neugliederung der Regierungsbezirke, Landkreise und Gemeinden auf den Weg gebracht.

Ziel war es, die gemeindliche Leistungs- und Verwaltungskraft durch kommunale Selbstverwaltung zu steigern, die Lebensverhältnisse auf dem Lande zu verbessern und die ländlichen Lebensbedingungen an die städtischen anzugleichen – beispielsweise durch Bau und Betrieb von zentralen Wasserversorgungsanlagen, Ableitung von Abwässern und Feuerschutz.

Aber es kam im Juni 1972 auch zur Auflösung des Landkreiseses Wasserburg, dessen weitaus größtes Gebiet an den Landkreis Rosenheim ging.

Wasserburg verlor somit den Kreissitz und brauchte eine gewisse Ausdehnung, um den Zentralitätsverlust auszugleichen. Und um der Einstufung als Mittelzentrum gerecht zu werden – was bedeutete, dass sich das Stadtgebiet erweitern musste.

Dazu gab es von der Kommission zur Prüfung der Stadt-Umland-Problematik verschiedene Empfehlungen, auf die hier nicht näher eingegangen werden soll. Letztlich empfahl die Kommission, dass die Eingliederung der Gemeinden Attel und Edling, also Gebiete westlich vom Stadtgebiet, für Wasserburg die deutlicheren Vorteile brächte. Und so geschah es dann auch:

Attel und Edling wurden Stadtgebiet!

Eine durchgeführte Bürger-Befragung über die Selbständigkeit der Gemeinde – mit dem überwältigenden Abstimmungs-Ergebnis von 1450 Pro- zu 90 Kontrastimmen – veranlasste den Gemeinderat, dagegen vorzugehen.

Man entschloss sich ein Popularklageverfahren anzustrengen, was im Januar 1978 in die Tat umgesetzt wurde. In der Bevölkerung wurde dies wahrgenommen unter dem Motto: Edling, einig, frei!

Im Januar 1976 kam es zur Gründung der Aktionsgemeinschaft Demokratische Gemeindegebietsreform in Bayern, ADGB.

Edling war Gründungsmitglied.

Die ADGB wandte sich an alle Gemeinden, die mit der Gebietsreform unzufrieden waren und unterstützte deren Aktionen durch verschiedene Maßnahmen. Dabei war die ADGB immer darauf bedacht, überparteilich zu handeln und auf dem Boden des Rechtsstaates zu bleiben.

Der Widerstand

In jeder Phase der Gebietsreform wollte die Gemeinde Edling ihre Selbständigkeit wahren.

Verschiedene Eingaben und Gesuche, auch eine Petition an den Bayerischen Landtag, in der man darauf hinwies, dass die Gemeinde alle Voraussetzungen erfülle, die für den Fortbestand der Einheitsgemeinde erforderlich sei – sie blieben ebenso erfolglos wie eine Normenkontrollklage beim Bayerischen Verwaltungsgerichtshof.

Eine Unterschriften-Sammlung zum Widerstand in Edling – nachgespielt im Film mit den Dorfkindern 40 Jahre später.

Gründung einer Bürgervereinigung

Viele Edlinger waren aus verschiedensten Gründen unzufrieden mit dem bestehenden Zustand ihrer eingegliederten Gemeinde.

Und so kam es am 1. Februar 1979 im damaligen Gasthof Wurm zur Gründung der „Bürgervereinigung zur Wiedererlangung der Eigenständigkeit der Gemeinde Edling“ mit einem Vorstand aus elf Mitstreitern.

Unermüdlich im Sinne der Wiederherstellung der Gemeinde wirkten hier insbesonders der damalige Bäckermeister Georg Berndl und Hannelore Michl sowie der vormalige und später wiedergewählte Bürgermeister Helmut Schnetzer mit. Und es muss auch erwähnt werden, dass das CSU-Mitglied Hans Berger zahlreiche Kontakte zu namhaften CSU-Politikern herstellte und für Edling argumentierte.

Überhaupt war die Bürgervereinigung bestrebt, die verschiedensten Aktionen immer mit dem Ziel auf ein positives Ergebnis des Popularklage-Antrages der Gemeinde Edling von 1978 hinzuwirken.

Dazu suchte die Bürgervereinigung den Kontakt zu führenden, bayerischen Politikern bis hin zum damaligen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß. Zahlreiche Anzeigen in der lokalen Presse, Leserbriefe, Plakat-Aktionen in und außerhalb Edlings hielten die Bestrebungen aufrecht, Verständnis für die Edlinger Situation zu erwecken.

Die Bürgervereinigung war stets darauf bedacht, beharrlich und fair vorzugehen – stark und fundiert in der Argumentation, ausgewogen in den Aktionen – wissend dass die Bevölkerung hinter ihr stand, was eine abermals durchgeführte Bürgerbefragung auch so bestätigte.

Edling ließ nicht locker.

Und so kam mit dem 29. April 1981 endlich der so lang herbeigesehnte Augenblick, an dem der Bayerische Verfassungsgerichtshof nach über drei Jahren über den Popularklage-Antrag der Gemeinde entschied:

„…dass die Auflösung der Gemeinde nach der Zielsetzung der Gemeindegebietsreform nicht geboten gewesen war“.

Und  „dass die für die Eingliederung von Edling in die Stadt Wasserburg sprechenden Gründe nicht gewichtig genug sind, um den Eingriff in den Fortbestand dieser Gemeinde zu rechtfertigen“.

Edling war sich einig und jetzt war Edling wieder frei!

Wie ging es weiter?

Die Freude und die Genugtuung über die Entscheidung des Gerichts war riesengroß.

Vom 3. Juli 1981 an wurde vier Tage lang mit dem ersten Edlinger Gmoafest die Wiedererlangung der Selbständigkeit gefeiert. Seither (fast) jedes Jahr.

Im Juli 1981 fand die Kommunalwahl statt, aus der wieder ein eigener Bürgermeister (Helmut Schnetzer) und die Gemeinderäte hervorgingen.

Die Bürgervereinigung hatte ihr Ziel erreicht, und so entschloss sich der Vorstand im Januar 1982 diese aufzulösen.

Es gab nicht viele Gemeinden, deren ursprünglicher Verlust der Selbständigkeit damals revidiert wurde. Dazu zählen nur zum Beispiel Horgau in Schwaben und Ermershausen in Unterfranken – Gemeinden, mit denen Edling in engem Kontakt stand.

Würdigung

Wie richtig die Entscheidung des Bayerischen Verfassungsgerichtshofes war, zeigt sich daran, dass mit dieser gemeinsamen Aktion unter den Bürgern der verschiedenen Edlinger Ortsteile ein großer, starker Zusammenhalt entstand.

Die Vereine schlossen sich zu einer einzigartigen Gemeinschaft zusammen. Neu gegründete Vereine wie zum Beispiel der „Aktionskreis Edling Kultur und Heimat e.V.“  oder der „Kirtaverein“ bereichern nun das kulturelle Spektrum der gemeinde.

Nur durch die Selbständigkeit konnte sich eine Dynamik der Weiterentwicklung ergeben. In der Zwischenzeit zählt Edling mehr als 4500 Einwohner. Alle wichtigen Einrichtungen sind vorhanden und auf dem neuesten baulichen und technischen Stand: Schule, Turnhalle, Kindergärten, Feuerwehr, Verkehrswege.

Natürlich gibt es Möglichkeiten der Verbesserung. Doch diesen immer wieder neuen Herausforderungen will und wird sich die Gemeinde Edling dank einer guten Verwaltung und eines regen Gemeinderates auch zukünftig stellen.

Der Dank gilt an dieser Stelle auch Anton Merkl, der für diesen Artikel seine Facharbeit „Die Gemeinde Edling und die Gebietsreform“ zur Verfügung gestellt hat.

Rupert Hiebl / Martin Berndl

Fotos: Renate Drax

Siehe auch:

Butterbrot und Freiheitsliebe

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