Prädikat „absolut empfehlenswert”

Singspiel und Fastenpredigt sorgen für Beifallsstürme beim Haager Starkbierfest

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Donnernder Applaus, spontane Bravo-Rufe, am Schluss Standing Ovations – und das, obwohl ausdrücklich vorher „gewarnt“ wurde: „Ziagt’s eich warm o“! Das gibt es nur beim Haager Starkbierfest. Kein Wunder, denn mit spitzen Pointen, genialem Wortwitz und köstlichen Seitenhieben zogen die traditionelle Fastenpredigt und das geniale Singspiel das Publikum wieder in ihren Bann (wie kurz berichtet).

 

Text: Chris Fritz/Fotos: Stefan Pfuhl

 

Bei der Premiere im restlos ausverkauften Festsaal vom Hofcafé Grandl wurden Kommunalpolitik und Haager Gepflogenheiten gehörig aufs Korn genommen: Das Ringen von gleich vier Kandidaten (Foto mit Landrat Georg Huber) um den Bürgermeistersessel und die anstehende Wahl boten aber auch ideale Steilvorlagen. Die süffigen (Bock-) Biere vom Unertl aus Haag und der Brauerei Forsting sowie die musikalische Umrahmung der Windner Dorfmusi sorgten zusätzlich für Stimmung.

 

„Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von Kaiser Markus (Söder) ausging, dass alle Welt, sprich Bayern, wählen muss“, eröffnete der Prediger (Florian Haas), flankiert von vier Ministranten, seine Lesung der Leviten, äh, Fastenpredigt.

 

Nach einer ernsten Absage an radikale Parteien („die AfD ist eine staatszersetzende Partei“) nahm der Prediger zunächst die Landratswahl ins Visier, bei der bekanntlich sechs Kandidaten für den Landkreis Mühldorf ins Rennen gehen.

„Sechs Kandidaten, die gerade durch den Landkreis tingeln und dem Wähler erzählen, was sie alles in einem der finanziell klammsten Landkreise, vor allem im Speckgürtel um München, so alles vorhaben“, wetterte der Prediger. Um zu verdeutlichen, wo der Landkreis Mühldorf, speziell die Grafschaft steht, diente ein kurzer Ein-Akter: Eine Ministrantin im lumpigen G’wand, umgarnt von den wohlhabenden Landkreisen, mimt darin Mühldorf und gesteht niedergeschlagen: „ I muaß was beichten. I hob mir in den Siebzigern was eingefangen, das jetzt wie ein Pickel am A… hängt. Der Arzt sagt, das nenn man Haager Land…“.

Und darin scheint nicht viel los zu sein. „Wenn man eine Umfrage unter den Haager Bürgern machen würde, was der Höhepunkt im letzten Jahr war“, so der Prediger, „dann würden viele sagen: „Da ist doch mal ein Reh durch Haag gelaufen.“

Dann knöpfte sich der Haas Flo die vier Bürgermeister-Kandidaten vor. „Der Hederer Josef, der George Clooney von Oberndorf, der Brad Pitt vom Bauernmarkt oder der Bernd Schneider – wer solch einen CSU-Vorsitzenden hat, der braucht keine Feinde mehr“, bekamen die Kandidaten der PWG und der CSU ihr Fett weg. Klaus Breitreiner (FWG) sei dagegen der einsame Cowboy, der gefühlt alleine durch das Tal des Wahlkampfes reite.

Und Amtsinhaberin Sissi Schätz (SPD)? Dazu sagte der Prediger besser nichts, nicht, dass ihm wieder fehlende Neutralität vorgeworfen wird. Stattdessen mischte sich ein Ministrant ein: „Bei der Starkbierrede nicht erwähnt zu werden, ist auch eine Aussage!“

Überhaupt die Wahl: Mit Unmengen an Flyern waren die Haager im Vorfeld bedacht worden. „Der halbe Großhaager Forst steckt in euren Briefkästen“, so der Prediger, der zum Abschluss auch versöhnlich kann. Mit einem Zitat des ersten deutschen Kanzlers Otto von Bismarck beschloss er seine Lesung: „Ein grosser Staat regiert sich nicht nach Parteiansichten – Und das gleiche sollte für unser kleines Haag gelten: Politik für die Haager und den Ort ganz ohne Parteigrenzen.“

 

 

Dem begeisterten Publikum wurde nur eine kurze Atempause gegönnt, denn nun folgte das geniale Singspiel. Wieder einmal hatte der Haager Viergesang um Hans Urban eine starke Show vorbereitet: Ein Schauspiel rund um die Wahl und Haager Besonderheiten gewürzt von 15 Songs nach bekannten Melodien (passend von Urban umgetextet), die zum mitklatschen einluden.

Und niemand geringerer als der Heilige Petrus höchstselbst eröffnete das Spektakel. In seinen Händen die Zeitung vom 16. März 2020 – mit den Wahlergebnissen? Um sie vor neugierigen Augen zu schützen wirft sie Petrus in eine Mülltonne, die explodiert und – rumms – finden sich die Akteure (14 Darsteller!) in der Szenerie des Haager Wertstoffhofes wieder.

Dort lässt es sich trefflich über die Wahl ratschen und auch die Bürgermeisterkandidaten finden sich ein. Auftritt etwa Josef Hederer (Ewald Wegerer) zur Melodie von Mr. Sandman: „Mister Landman …Er hot a Händchen für de Radi und Zwiefe, wenns moi pressiert, kimmt er a in Gummestiefe…“

Für Szenenapplaus sorgt auch Klaus Breitreiner (Hans Urban), der zum bekannten Spider-Murphy-Song der Bürgermeisterin im Publikum entgegenschmetterte: „Pfiat di God, Elisabeth, du host den Job, den i gern hätt….ohohohoho…‘s waar so schee!“ Aber die Amtsinhaberin (Barbara Glück) gibt’s sich gelassen: „Ich bin Sissi – einfach Sissi, In Haag City – da bin i dahoam. Und in zwei Wochen – beginnt mei neie Amtszeit vo vorn (Westside Story, I feel pretty).

 

Aber nicht nur die Politik bekam ihr Fett weg, auch die Endlos-Diskussionen um den Schlosshof und das Pfarrheim („nach 50 Jahr‘, miasst‘s eich vorstell‘n, nach 50 Jahr‘ basst auf oamoi da Fluchtweg nimma“) sowie die Kreisverkehr-Wut („wennst noch Oibich schaust, de ham glei viere“) bekamen die humoresken Attacken ab.

 

Und wer der AKK von Haag ist und was in der Zeitung vom 16. März steht, das sei an dieser Stelle nicht verraten. Hingehen, das Bier genießen und Tränen lachen: Das Starkbierfest erhält auf jeden Fall das Prädikat „absolut empfehlenswert“…

 

 

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