Plötzlich „systemrelevant“

Mit enormem Engagement und Herzblut hat es eine Edlinger Seniorenresidenz geschafft, bislang coronafrei zu bleiben

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Der Rückzug in die eigenen, sicheren vier Wände oder ins Home Office kommt für die Beschäftigten in den sozialen Berufen in Zeiten von Covid-19 nicht in Frage. Auch die Mitarbeiter vom „SonnenGarten“ in Edling sind rund um die Uhr im Einsatz, stellen sich dabei auch ihren Ängsten und wünschen vor allem eines: Mehr Wertschätzung.

„Die Mitarbeiter haben Enormes geleistet, haben sich über das normale Maß hinaus engagiert, viele Stunden zusätzlich gearbeitet.“ – Beate Kraft, Leiterin des Seniorenheimes an der B304, ist voller Anerkennung, wenn sie über die Belegschaft spricht. „Dazu kam die seelische Belastung, anfangs am Arbeitsplatz und zu Hause unter Quarantäne zu stehen“, betont die Chefin.

Die kompromisslose Isolierung noch im Frühstadium der Pandemie war der Schlüssel, dass sich bislang weder die Bewohner noch das Personal angesteckt haben. „Kolleginnen und Kollegen, die auch nur geringe erkältungsähnliche Symptome zeigten, haben wir sofort nach Hause geschickt“, sagt Kraft. Von den 37 Mitarbeitern in der Pflege und Betreuung konnten deshalb zunächst nur 23 eingesetzt werden, die dementsprechend Mehrarbeit leisten mussten.

Neben dem Tragen von Schutzausrüstung ist bis dato auch das morgendliche Fiebermessen obligatorisch, um im Verdachtsfall sofort reagieren zu können.

Bedrückend war die Situation vor allem für die 62 Bewohner, die ab Mitte März für zwei Wochen auf ihren Zimmern bleiben mussten und weder Kontakt untereinander noch zu Angehörigen haben durften. „Es war auch für mich hart, mitanzusehen, dass vor allem demente Betreute diese Maßnahme nicht verstanden haben“, berichtet die 52-jährige. Mit unzähligen persönlichen, tröstenden Gesprächen und Videotelefonaten habe man über die schlimmste Einsamkeit hinweghelfen können.

„Natürlich habe ich mich gefreut, dass wir in der Öffentlichkeit plötzlich als systemrelevant gesehen wurden“, meint die Heimleiterin, befürchtet aber, dass dieser Effekt wieder verpuffen wird. Für die Zukunft wünscht sich Kraft, dass den sozialen Berufen mehr Wertschätzung entgegengebracht wird, und: „sie müssten alle wesentlich besser bezahlt werden.“

 

Das wünscht sich auch Shannaga Fendler, Gesundheits- und Krankenpflegerin im „SonnenGarten“. In ihrem Umfeld bemerkt die 30-jährige, dass durch Corona immerhin die Anerkennung für ihren Job gestiegen ist. „Ich hoffe, dass es auch dabei bleibt!“ So wie viele ihrer Kollegen habe auch Fendler sich Sorgen gemacht. „Ich habe mir oft gedacht, was passiert, wenn ich erkranke. Ich bin alleinerziehend und was passiert mit meinem Kind? Wie reagieren die Nachbarn?“ Auch als Profi sei man nicht angstfrei, habe allerdings auch Verantwortung. „Ich habe mir immer gesagt, dass ich mir den Beruf ausgewählt habe und es meine Aufgabe ist, für die Menschen da zu sein“, sagt die Pflegerin.

 

 

 

Zu Hause zu bleiben war auch für Deliah Speidel, Leiterin Soziale Betreuung, nie eine Option: „Da überwiegt stets der soziale Gedanke.“ Mit ihrer Familie hat die 46-jährige sofort Klartext gesprochen, dass sie im schlimmsten Fall das Virus einschleppen könnte. So habe man sich vorbereiten können.

Die Bewohner haben teilweise sehr unter der Quarantäne gelitten. In Gesprächsrunden haben die Betreuer geduldig erklärt, was passiert ist und dass bis auf weiteres kein Besuch mehr empfangen werden kann. Eine alte Dame habe bei der Corona-Epidemie Ähnlichkeiten mit der Pest vor vielen hundert Jahren gesehen. Das sei zwar ein heftiger Vergleich gewesen, „aber so hat sie die Dringlichkeit der Maßnahmen verstanden.“

Nach Feierabend wurden die Bewohner oft angerufen, um über den Hörer Trost zu spenden oder auch einfach mal den Sorgen zuzuhören. Die Besuche von Angehörigen später dann über ein Fenster oder der Kontakt über die Handykamera half ebenso, die Not zu lindern.

 

Über die anfängliche Begeisterung für das Pflegepersonal macht sich Speidel keine Illusionen. „Klar hoffe ich auch auf größere Wertschätzung“, sagt sie, „ich denke aber, dass sich nichts ändern wird, wir sorgen ja nicht für wirtschaftlichen Gewinn.“ An etwa Streik für bessere Bezahlung denkt sie zu keinem Zeitpunkt: „Ich komme nicht für’s Geld in die Arbeit, sondern für die Menschen.“

 

Wenig Hoffnung auf höheren Lohn macht sich auch Karin Waidmann, Sozialbetreuungskraft in Edling. „Obwohl ich selbst zur Risikogruppe gehöre“, sagt die 56-jährige, „gehe ich zur Arbeit, weil ich wirklich gebraucht werde und ein soziales Herz habe.“ Mit Genugtuung stellt Waidmann fest, dass es eher die Geringverdiener wie beispielsweise Pflege- und Putzkräfte, Lkw-Fahrer oder die Mitarbeiter in den Supermärkten waren, „die den Laden am Laufen halten und zeigen, wer hier systemrelevant ist.“

 

Die Arbeit der Beschäftigten im „SonnenGarten“ überaus zu schätzen weiß Marianne D. Die 88-jährige, die seit einem Jahr in der Edlinger Residenz wohnt, ist dankbar, „dass hier so schnell zugemacht wurde, dass bei uns nicht passiert.“ Über den Fernseher war die alte Dame stets informiert, wie schlimm die Zustände andernorts waren. „Wir sind von den Betreuern gut beschäftigt worden“, sagt sie, „die Angehörigen wurden immer auf dem Laufenden gehalten.“ Regelmäßig hat sie mit dem Sohn und der Schwiegertochter telefoniert, sodass sich die Einsamkeit in Grenzen hielt.

Die derzeitigen Lockerungen sieht Marianne D. durchaus kritisch. „Obwohl ich mich freue, meine Angehörigen wieder zu sehen“, betont sie, „brauche ich im Moment noch keinen Besuch. Man weiß doch noch immer nicht, ob sie sich nicht doch angesteckt haben.“ CF

 

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