Platz nehmen im Kirschgarten

An diesem Wochenende im Theater Wasserburg: Sehens-, nein erlebenswert …

image_pdfimage_print

Bravo-Rufe und tosender Applaus: An diesem Wochenende, am morgigen Freitag und am Samstag, kann man noch einmal Platz nehmen im ‚Kirschgarten‘ am Theater Wasserburg: Regisseur Uwe Bertram ist mit seinem Ensemble eine großartige Inszenierung des Werkes von Anton Tschechow gelungen. Originell in der Eingebundenheit des Zuschauers, mit viel Musik und vielen Tönen zwischen den Zeilen. Sehens-, nein erlebenswert …

Unser Foto oben zeigt Frank Piotraschke als Lopachin, die zentrale Figur des Stücks – ein ehemaliger Diener der Familie, mittlerweile vermögend. Hier mit Susan Hecker als Gutsbesitzerin Ranjewskaja – und die Frage: Glück, Geld, Hoffnung, Schuld, Recht, Unrecht – was nur ist zu tun? Der Geist des Aufbruchs, viel schöner als der Aufbruch selbst?

Es spielen: Nina Selma Frank, Susan Hecker, Hilmar Henjes, Carsten Klemm, Nik Mayr, Frank Piotraschke, Leonhard Schilde, Annett Segerer, Regina Alma Semmler, Mike Sobotka.

Ihnen allen gelingt es, die Zwischentöne für das Publikum geradezu sichtbar zu machen. Spürbar. Den Druck, die Verwirrung, die Schuld. Und auch die Liebe. Die Sehnsucht.

Eine Frist für einen Garten – wie ein Damoklesschwert über dem Treiben, dem Wiedersehen der Figuren dort, die Zeit verstreicht, fröhliches Beisammensein und Nerven, die manchmal blank liegen. Bei allem geschieht: Nichts.

Zu viel soll an dieser Stelle noch nicht verraten werden. Auch nicht, in welche Zeit Uwe Bertram das Stück projiziert hat. Eine Überraschung – ebenso wie die gelungene Kulisse.

Nur mehr an den beiden Weihnachts-Feiertagen gibt es noch die Möglichkeit, den Kirschgarten mitzuerleben …

Ein Sinnieren der anderen Art wartet. Alte Fehler, Schicksalsschläge, Geschwätz. Auf der Suche nach Identität, Hoffnung, Geld? Die Besucher dürfen sich auf einen Abend freuen, der in Erinnerung bleiben wird.

Der Kirschgarten. Ein wunderschönes Refugium, das jahrzehntelang die gesellschaftliche Stellung und das Einkommen der Familie um Gutsbesitzerin Ljubow Ranjewskaja absicherte. Ein Sehnsuchtsort, der nun aber finanziell und ideell nutzlos geworden ist. Die Familie lebte über ihre Verhältnisse, eine Zwangsversteigerung droht. Was macht man nun mit dem Stück Land, das hochverschuldet ist?

Es gibt verschiedene Lösungsansätze, die sich um Lopachin, den ehemaligen Diener der Familie, der mittlerweile vermögend ist, drehen. Den Kirschgarten abzuholzen um Ferienhäuser zu bauen wäre die eine. Eine andere, dass Warja, die Pflegetochter der Gutsbesitzerin, den Kaufmann heiratet. Doch anstatt anzupacken, wird in den schönen Erinnerungen aus der guten alten Zeit gebadet und sich der Lethargie hingegeben.

Die Welt ist im Wandel. Angst und Scheu vor Veränderung ist allgegenwärtig. Die Realität leugnen. „Früher war alles besser.“ Nein, war es eben nicht. Diese Verhaltensweisen beherrschen nicht nur Tschechows Figuren aus dem Effeff.

Von Anton Tschechow. Übersetzung: Thomas Brasch.
Regie: Uwe Bertram.

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.


Leitfaden für die Veröffentlichung von Kommentaren