„Ökologischer Landbau sichert Artenvielfalt”

Info-Veranstaltung des Bürgerforums Wasserburg ein voller Erfolg

image_pdfimage_print

„Nach dem Volksbegehren ist vor dem Artenschutz“. Unter diesem Motto lud das Bürgerforum Wasserburg zu einem Vortrag von Thomas Neumaier und Dieter Sixt ins Café Die Schranne. Edith Stürmlinger, Stadträtin und Vorsitzende des Bürgerforums, freute sich bei ihrer Begrüßung über den großen Andrang. Sie sah darin ein Indiz, dass es zu diesem Themenfeld ein großes Informations- und Diskussionsbedürfnis gibt.

Dieter Sixt, seit über 20 Jahren Bioland-Berater für Rinderhaltung, nahm in seiner Einführung Bezug auf eine aktuelle Auswertung verschiedener Studien, bei der die Leistungen des Öko-Landbaus und der konventionellen Landwirtschaft für Umwelt und Gesellschaft verglichen wurden. Diese Auswertung zeige eindeutig, dass sich der ökologische Landbau positiv auf die Artenvielfalt  auswirke. Aktuell werden zirka zehn Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche in Bayern ökologisch bewirtschaftet.

Dabei entfalle der größte Anteil auf die an die Alpen angrenzenden Landkreise, die den sogenannten „Grünlandgürtel“ bilden.  Das vom Volksbegehren angestrebte Ziel von 30 Prozent werde in den Landkreisen Miesbach und Traunstein unter anderem aufgrund von Direktvermarktung und funktionierender Bio-Wertschöpfungsketten bereits erreicht beziehungsweise überschritten. Als Beispiel für eine solche Wertschöpfungskette nannte Sixt eine Brauerei in Stein an der Traun, die im Umland erzeugte Biobraugerste lagert und verarbeitet und so für kleine Kreisläufe sorgt.

Im Landkreis Rosenheim liege der Bioanteil mit knapp 15 Prozent am niedrigsten im Grünlandgürtel. Das zeige, dass gerade auch in unserer Gegend noch Entwicklung zu mehr Bio möglich sei, vor allem wenn die großen Molkereien im Landkreis, wie derzeit die Molkerei Bauer, auch eine Bio-Linie aufbauen.

Bei den Ausführungen zu den Ursachen des Insektensterbens nahmen die Referenten Bezug auf Untersuchungen von Dr. Andreas Segerer von der Zoologischen Staatssammlung München. Nach dessen Erkenntnissen wurde den Insekten ab den 1970-er Jahren durch eine zunehmend industrialisierte Landwirtschaft mehr oder weniger systematisch der Lebensraum entzogen. „Mit der Flurbereinigung verschwanden die kleinteilig bewirtschafteten Felder und auch die  Hecken und Wäldchen dazwischen. Zunehmende Monokulturen, wenig Fruchtwechsel und der damit verbundene hohe Einsatz von Düngemitteln und Pestiziden taten und tun ein Übriges, dass passende Lebensräume für Insekten schwinden.”

Im Referat wurden anschaulich die Zusammenhänge von Überdüngung, Pestizideinsatz, Zersiedelung (Habitatfragmentierung) und Insektensterben erklärt und Lösungsansätze mittels ökologischem Landbau gegenübergestellt. Dabei zeigte Sixt auch eine Reihe von Maßnahmen gegen das Artensterben auf, die unabhängig vom Ökolandbau sind. Zu diesen zählen neben zeitversetzter Ernte, Brachen und Blühstreifen auch das Pflanzen von Hecken und Feldgehölzen und das Einhalten großer Randstreifen zu Gewässern.

Besonderes Gewicht legte Sixt auf die Vermeidung von Habitatfragmentierungen durch Flächenfraß. Wenn man die Lebensräume der Insekten durch Ansiedelungen und Industriegebiete zerteile, ohne ökologische Brücken zu schaffen, gehe die Artenvielfalt auf den verbleibenden „Inseln“ mangels Austausch drastisch zurück. Für manche kleine Arten seien einhundert Meter Abstand schon unüberwindbar.

Als Antwort auf seine rhetorische Frage „Wie geht es weiter?“ verwies Sixt auf die Aussagen im Koalitionsvertrag von CSU/Freie Wähler, nach denen die Spitzenposition Bayerns im ökologischen Landbau kraftvoll ausgebaut und der Anteil der ökologisch bewirtschafteten Flächen mittelfristig verdoppelt werden soll.

Thomas Neumeier mahnte eine Änderung im Konsumverhalten an, hin zu mehr direkter Ernährung und zum Konsum von weniger, dafür aber hochwertigerem Fleisch. Durch den Kauf regionaler Produkte sollen vielfältige Strukturen gesichert, die Wertschöpfung in der Region erhöht und Arbeitsplätze in der Landwirtschaft gesichert werden.

Im Anschluss an das Referat wurde sehr rege diskutiert. Norbert Buortesch, Stadtrat des Bürgerforums und selbst Biogärtner, verwies auf wissenschaftliche Erkenntnisse, nach denen ein Ökomischbetrieb mit Tierhaltung am besten geeignet sei, die Bodenfruchtbarkeit zu steigern und das Klima zu schützen. Bei den Demeter-Betrieben sei deshalb Tierhaltung verpflichtend.

Max Finster, Vorsitzender der Ortsgruppe Wasserburg des BUND Naturschutz, widersprach Kritikern des Volksbegehrens, die meinen, der Markt könne die Produkte bei 30-prozentigen Anteil des ökologischen Landbau nicht aufnehmen. Aus dem eben Gehörten gehe ja hervor, dass es schon Regionen gibt, die über 30 Prozent liegen. Außerdem seien 30 Prozent Ziel und nicht Pflicht. Ganz wichtig wäre aber, jetzt die Entwicklung dahin einzuleiten und so zu steuern, dass kein Preisverfall einsetzt und der Markt mitwachsen kann. Sich der Situation bewusst werden, schaffe Nachfrage, die man dann durch Umstellung auf Ökolandbau abdeckt. 30 Projekt bis 2030 sei als politisches Ziel ausgegeben worden. „Langfristig bräuchten wir 100 Prozent.”

Auf die Frage eines Teilnehmers, wie man sich im Wasserburger Raum besser vernetzen könne, um die Direktvermarkter zu finden, antwortete Sixt, man sollte die vorhandenen Angebote bündeln, wie es zum beispiel bei „Tagwerk” gemacht werde. Es gebe auch Unterstützung vom Staat, der Öko-Modellregionen fördere. Finster warf dazu ein, die Förderpraxis müsse sich generell ändern und an Leistungen für die Umwelt gebunden werden. Den größten Nutzen des Volksbegehrens sehe er darin, dass hierzu jetzt die Diskussion gefördert werde.

Zum Abschluss der Veranstaltung appellierte Lorenz Huber, Bürgerforums-Stadtrat und Bio-Bauer, an jeden, bei sich selbst anzufangen. Sixt ergänzte, Verhalten ändern falle sehr oft schwer, daher solle man die aktuelle Dynamik nutzen.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.


Leitfaden für die Veröffentlichung von Kommentaren