„Nicht mit Gewalt Akademiker schaffen“

Podiumsdiskussion zum Berufseinstieg für Schüler und Eltern an der Realschule Wasserburg

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„Was will ich werden?“ – mit dieser Frage beschäftigen sich Schüler, die kurz vor dem Abschluss stehen, jedes Jahr wieder. Der Arbeitskreis „SchuleWirtschaft Wasserburg“ veranstaltete deshalb am gestrigen Donnerstagabend eine Podiumsdiskussion in der Aula der Anton-Heilingbrunner-Realschule, bei dem Eltern und Schüler von Experten aus Berufschule, Hochschule und Co. wichtige Informationen zu den Themen Ausbildung, Weiterbildung und Studium erhielten und ihre Frage stellen konnten.

„Noch da Schui geh i erst amoi aufd FOS“, sei ein Satz, den Schulleiter Markus Hösl-Liebig immer wieder höre, wenn es um die Zukunftspläne der Realschüler ginge. Häufig sei dies ein Zeichen für Unsicherheit, welchen Beruf man ergreifen wolle, weshalb sich viele für den „bekannten“ Weg entscheiden würden und weiterhin zur Schule gingen.

Die Podiumsdiskussion solle dazu verhelfen, eine „bewusste und richtige Entscheidung zu treffen“, so Hösl-Liebig weiter. Dabei seien vor allem die Eltern „wichtige Partner, ihre Kinder bei diesem Schritt zu begleiten.“

 

Wolfgang Jahnsen, Leiter der IHK Geschäftsstelle Rosenheim, (Foto) stellte zu Beginn einige Zahlen in den Raum. 20.000 Lehrstellen seien im Jahr 2018 in Bayern unbesetzt geblieben und die Quote der Abbrecher eines Bachelorstudiengangs liege im Jahr 2017 bei 29 Prozent. Dagegen würden fast 95 Prozent der Ausbildungsbeginner eine solche auch erfolgreich abschließen. „Es bringt nichts, mit Gewalt Akademiker zu produzieren“, betonte Jahnsen, „der eine ist mehr mit dem Kopf unterwegs, der andere mit den Händen.“

 

Wasserburgs Bürgermeister Michael Kölbl bekräftigte dies. „Man sollte keinen Zwang auf seine Kinder ausüben, sondern sich nach den individuellen Kompetenzen der Kinder richten.“ Außerdem betonte er die gute Abdeckung mit Berufs- und Hochschulen im Großraum Wasserburg.

 

Gerhard Heindl, Schulleiter des Beruflichen Schulzentrums Wasserburg, ermutige die Schüler, sich an technische Berufe heranzutrauen. Die Bereiche Kfz, Kunststofftechnik, Modellbau oder Produktdesign würden natürlich mathematisches Verständnis verlangen, „aber, wenn jemand über die Grundvoraussetzungen verfügt und Interesse mitbringt, ist das schon das Wichtigste“. Eventuelle Schwächen würden in der Praxis am Arbeitsplatz und in der Berufsschule aufgefangen.

 

Dem fügte auch Rudolf Schiller, stellvertretender Kreishandwerksmeister, (Foto) hinzu, dass es nicht nur auf die Schulnoten ankomme. „Die Bewertung, die dabei steht, ist mittlerweile für die meisten Betriebe wichtiger als die Noten.“ Darüberhinaus betonte er die Relevanz von Berufspraktika, die den Schülern schon vorab Wegweiser sein könnten, in welche Richtung es gehen solle. Was besonders gut ankäme, seien zusätzliche Berufserfahrungen, die über das verpflichtende Schulpraktikum in der neunten Klasse hinausgingen. „Das zeigt, dass da jemand wirklich engagiert ist.“

 

Neben der Vielfalt an Handwerksbetrieben in der Region sei auch das Angebot im sozialen Bereich im Raum Wasserburg mit den kbo-Kliniken beispielsweise besonders gut. Jedoch sei auch da die Geschlechterteilung auf dem Arbeitsmarkt deutlich spürbar. Neben Heindl, der Frauen für Handwerksberufe interessieren möchte, plädierte auch Dr. Sabine Balzer, Schulleiterin der kbo-Berufsfachschulen, (Foto) für eine Auflösung der „Gender-Klischees“. Soziale Berufe seien deutlich attraktiver als der Ruf, der ihnen aktuell in der Gesellschaft vorauseile. „Das Vorurteil, dass man da nur hausfrauliche Tätigkeiten macht und schlecht verdient, stimmt nicht“, so Balzer. Außerdem gäbe es viele Aufstiegsmöglichkeiten. „Man kann in der Pflege bleiben, ins Management gehen, an Schulen arbeiten und vieles mehr.“

 

Zum Thema Weiterbildung erklärte Dr. Franz Benstetter, Professor für Management in der Gesundheitswirtschaft an der Hochschule Rosenheim, exemplarisch anhand seines eigenen Werdegangs, der ihn von einem Realschulabschluss an der Anton-Heilingbrunner-Realschule bis zu einer Hochschulprofessur führte, dass Ausbildung und Studium sich nicht gegenseitig ausschließen müssen. „Man merkt zum Beispiel, dass die Studenten, die vorher schon eine Ausbildung gemacht haben, deutlich fokussierter sind, weil sie aus der Berufspraxis wissen, wofür sie was lernen.“ 

 

Dem schloss sich auch Schiller an. „Die Lehre ist ein guter Grundbaustein und wie es dann weitergeht, ist vielfältig.“ Diese Betonung der Chancenvielfalt ließ sich als Grundtenor der Expertenmeinungen feststellen, die dazu ermutigten, ruhig auch etwas auszuprobieren und keine Angst vor dem „Scheitern“ zu haben. Moderatorin des Abends Nicole Cujai, Vorsitzende der Agentur für Arbeit in Rosenheim, brachte es zusammenfassend auf den Punkt. „Die erste Entscheidung muss nicht gleich die Entscheidung fürs Leben sein.“

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Ein Gedanke zu „„Nicht mit Gewalt Akademiker schaffen“

  1. 50 Jahre, ein halbes Jahrhundert lang, hat man gebetsmühlenartig gepredigt: Bildung, Bildung, Bildung.

    Allem Anschein nach hat man jetzt „überraschend“ festgestellt, dass es auch noch jemanden braucht, der die Arbeit macht.
    Wenn alle nur noch planen, überwachen, „anschaffen“ wollen und keiner mehr da ist, der die Arbeit ausführt, ist das „schön blöd“ für die Akademiker.

    95 Prozent der Ausbildungsbeginner schließen die Ausbildung erfolgreich ab. Schön für die Wirtschaft.
    Weniger schön für die Arbeiter !
    Schaut euch doch mal die Ausgebildeten in den Arbeiterberufen, die noch körperlich arbeiten an. Wie wenige da gesund die Rente erreichen. Schaut euch doch mal die vielen ausgebildeten Menschen an, die im Niedriglohnbereich arbeiten müssen, weil es im Laufe des Lebens unverschuldet mal zur Arbeitslosigkeit (Betriebsauflösung) oder Krankheit kam.
    Schaut euch doch mal an, wie viele ausgebildete Leute Rente im Bereich des Hartz IV Satzes bekommen.
    Warum soll man schändende Arbeiten machen – damit andere gut davon leben können – während derjenige, der die produktive Arbeit ausführt nie das Geld bekommt, das er wirklich dafür verdient.

    In früheren Zeiten war es immer so, dass wenn etwas knapp war – wie jetzt die Facharbeiter – der Lohn gestiegen ist und meist auch übertariflich gezahlt wurde. Das wollte man jetzt verhindern, indem man 100Tausende so genannte Facharbeiter ins Land gelockt hat. Hat nicht funktioniert – und jetzt kann der Facharbeiter diese nutzlosen Angelockten auch noch mitfinanzieren.

    Was für ein Irrsinn !

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