„Nachts ist die Stadt tot“

Zahlreiche junge Wasserburger gestern bei der Bürgerfragestunde im Rathaus

image_pdfimage_print

So viele junge Wasserburger hat der ehrwürdige Sitzungssaal im Rathaus wohl schon lange nicht mehr gesehen: Bei der gestrigen Bürgerfragestunde vor der Stadtratssitzung herrschte enormer Andrang. Wasserburgs Jugend war in Kompaniestärke gekommen. Unter den zahlreichen Gästen befanden sich mit Alessandra Fusaro von der Trattoria „La famiglia“, Mery Zielke von der Cocktailbar „Merylou“ und Edin Bajric vom „El Paso“ auch drei Gastronomen. Es ging um das Wasserburger Nachtleben und die Sperrstunde. Sophia Jokisch (Linke): „Nachts ist die Stadt tot.“   

Sebastian Misselhorn, ebenfalls von den Linken, eröffnete die Fragerunde: „Kneipen schließen, das Weinfest wackelt, die Nacht der ,Blauen Wunder‘ wird es nicht mehr geben. Seit der Einführung einer härteren Sperrstundenregelung leidet das Nachtleben in Wasserburg erheblich. Wir wollen wissen, was der Stadtrat dagegen macht.“

Eine Antwort bekam er von Bürgermeister Michael Kölbl: „Dass verschiedene Kneipen schließen oder geschlossen haben, das hat auch verschiedene Gründe und hängt nicht alleine mit der Sperrstundenregelung zusammen. Wir werden demnächst wieder die Gastronomen zum Gespräch ins Rathaus einladen.“ Auch werde der Hauptausschuss in nicht öffentlicher Sitzung erneut über das Thema „Sperrstunde“ beraten. „Eine Entscheidung kann ich da nicht vorwegnehmen.“

Zum Weinfest sagte der Bürgermeister, dass der Tourismusverein zu wenig Unterstützung von den Gastronomen erfahren habe und das Fest deshalb aufgeben wolle. „Nächste Woche treffen wir uns mit der Vorstandschaft des Vereins. Unser Ziel ist es, das Weinfest auf jeden Fall zu erhalten.“

 

Auch Alessandra Fusaro von der Trattoria „La famiglia“ und Edin Bajric vom „El Paso“ schalteten sich in die Diskussion ein. Sie beklagten die Regelung, dass in Innenhöfen abends um 22 Uhr bereits mit dem Gaststättenbetrieb aufgehört werden muss. „Die Leute kommen im Sommer um 21 Uhr zum Essen und sollen dann um 22 Uhr schon fertig sein – auch bei schönstem Sommerwetter. Das können wir niemandem vermitteln.“

„Da kann die Stadt nichts machen. Das ist gesetzlich so vorgegeben“, bedauerte der Bürgermeister. Das Landratsamt sei in diesem Fall zuständig. Und Markus Bauer (CSU) forderte: „Wir müssen uns da alle mal zusammentun und eine Resolution starten.“

Mery Zielke, die vor kurzem die neue Cocktailbar „Merylou“ in der Hofstatt eröffnet hat, schilderte, wie schwierig es sei, in der Wasserburger Altstadt eine Gastronomie zu betreiben. „Bei der kleinsten Kleinigkeit rufen die Anwohner sofort die Polizei an. Wir haben in der Hofstatt eine Nachbarin, die sich ständig wegen Ruhestörung beschwert – sie will nachts in Ruhe bei offenem Fenster schlafen. Da kann man dann noch so leise sein.“

Einen Vorschlag in Sachen Sperrstunde brachte für die Wasserburger Jugend Dennis Steinebrunner ein: „Wenn wir am Wochenende wenigstens einen Tag hätten, an dem die Kneipen länger aufhaben, dann wäre uns schon geholfen. Samstag wäre super.“ Er stieß mit seinem Vorschlag auf offene Ohren. Werner Gartner (SPD): „Vielleicht können wir einen Kompromiss finden und wie in Rosenheim die Sperrstunde auf 4 Uhr festlegen. Darüber ließe sich sicher diskutieren.“

Eine Lanze für das Wasserburger Party-Volk brach auch Edith Stürmlinger (Bürgerforum): „Ich würde mich für eine neue Regelung einsetzen. Die Wirte müssen jetzt am Wochenende schon um 2.30 Uhr mit dem Ausschank aufhören, wenn sie die Sperrstunde um 3 Uhr einhalten wollen. Dann stehen die Gäste vor der Tür. Viel junge Leute gehen jetzt schon nicht mehr in Wasserburg weg, weil sie wissen, dass um 2.30 Uhr der Ofen aus ist. Die Stadt ist nachts nicht mehr lebendig.“

Darauf Bürgermeister Kölbl: „Ich darf daran erinnern, dass wir die Sperrstundenregelung nicht aus Spaß geändert haben. Es gab Tag für Tag Riesenbeschwerden wegen Lärmbelästigungen und Verschmutzungen.“ Das sei jetzt nicht mehr der Fall. Was auch Wolfgang Janeczka (SPD) so sah: „Wir haben den erzieherischen Effekt, den wir wollten. Ich glaube, wir finden jetzt eine Mehrheit, die Sperrzeit versuchsweise wieder zu verkürzen. Mittlerweile haben wir aber das Problem, dass wir keine Wirte mehr haben, die die Zeit dann auch ausnutzen.“

Der Bürgermeister abschließend: „Das Anliegen der jungen Wasserburger ist angekommen. Ich denke, die Diskussionsbereitschaft ist in der Breite des Stadtrats gegeben. Wir werden darüber zeitnah reden.“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.


Leitfaden für die Veröffentlichung von Kommentaren

19 Gedanken zu „„Nachts ist die Stadt tot“

  1. Das ist nun einmal unsere Gesellschaft im Jahr 2018. Solche Entwicklungen machen auch vor der schönen Wasserburger Altstadt nicht halt. Beschwerden von Anwohnern wegen Kleinigkeiten und aus reinem Eigeninteresse, aber auf der anderen Seite auch Rücksichtslosigkeiten von (jungen) Kneipenbesuchern mit Ruhestörungen und Vandalismus. Solange hier kein Umdenken stattfindet, bleibt die Altstadt weiterhin „tot“.

    116

    19
    Antworten
    1. EinWasserburger

      Hallo Beobachter,
      zum Teil gebe ich Ihnen da Recht aber zum anderen muss ich auch sagen wenn jemand in die Stadt zieht muss er auch davon ausgehen das am Wochenende etwas los ist!!!
      Ich kann es überhaupt nicht nachvollziehen wenn es schon mal im Sommer schön ist, warum die Lokale schon um 22 Uhr kassieren und schließen müssen.(Geduldet 23Uhr) Dieser Sommer war extrem gut, aber ist sicherlich nicht der normal Fall.
      Unter der Woche werden die meisten nicht länger als 23 Uhr sitzen bleiben daher stellt sich das Problem unter der Woche nicht. Aber was spricht dagegen auch mal am Freitag oder Samstag Abend bis 0 Uhr zu öffen? Jeder sitzt doch gerne bei einer warmen Sommernacht auf der Terrasse und gönnt sich einen Drink und wieso soll das nicht auf den Terrasse der Lokale möglich sein? Da kann ich die Anwohner nicht ganz verstehen, vielleicht solltet Ihr auf ländliche Gegenden ziehen… Ach halt da könnt es ja dann durch Odl stinken oder die Kuh schreit zu laut ^^
      Ich bin davon überzeugt das sich durch die Präsenz von Polizei an den Wochenenden (vor allem am Marienplatz) der Vandalismus und die Lautstärke auf den Straße reduzieren würde, zumindest nicht in diesem Maße wie er einmal war sein.
      Leider ist aber auch bekannt das unsere Freund und Helfer immer mehr Überstunden machen muss und es viel zu wenig Personal gibt.
      Ich persönlich finde es schade das unser Nachtleben so zum erliegen kommt da Wasserburg eine sehr attraktive Stadt ist. Sehr schade wäre es wenn das Weinfest nicht statt findet da es wirklich das beste Fest bei uns in Wasserburg ist und auch viele Leute aus der Umgebung deshalb kommen und genießen…
      Wünsch euch ein schönes Wochenende 😉

      117

      16
      Antworten
  2. Wir haben 7 Jahre lang über dem Titanic und danach dem White Secret gewohnt. Klar war es teilweise laut, aber man weiß doch, wenn man in die Stadt zieht und noch dazu über eine Bar, dass es lauter sein kann. Ansonsten muss man sich etwas im Wald in Alleinlage kaufen.

    Aber natürlich müssen auch die Kneipenbesucher Rücksicht und keine Sachen beschädigen…

    129

    14
    Antworten
  3. Ernstgemeinte anfrage: kann mir bitte einer erklären warum die speiselokale um 22 uhr ihre terasse dicht machen müssen es aber die letzten jahre lange zeit nicht möglich war manchem lärmbetrieb um 3 uhr den stecker zu ziehen??? Liebe grüsse einer altstadtbewohnerin die gern im sommer selbst bis 24 uhr auf einer lokalterasse sitzen würde und dennoch anschliessend schlafen möchte. Wohne übrigens selbst über einem speiselokal wo es bisher noch nie probleme jeglicher art gab….leben und leben lassen 😊

    94

    7
    Antworten
    1. Die Rechtsgrundlage ist die TA Lärm, sie gilt bundesweit und leitet sich aus dem Bundesimmissionsschutzgesetz ab. Die TA Lärm gibt vor, welche Lärmimmissionen von Gewerbebetrieben zu welchen Tageszeiten verursacht werden dürfen. Von 22 Uhr bis 6 Uhr gelten strengere Werte als von 6 Uhr bis 22 Uhr. Relevant ist dabei der Lärm der außerhalb des dem Gewerbebetrieb nächstgelegenen Wohnraumfensters gemessen wird. Ob ein Anwohner lieber bei geöffnetem Fenster schläft oder nicht, ist daher ohne Bedeutung.
      Die Lärmgrenzwerte dienen dem Gesundheitsschutz der Anwohner. Schon eine Außengastronomie in der Altstadt ist deutlich lauter, als es zwischen 22 Uhr und 6 Uhr dort zulässig ist. Deshalb wird diese Art der Nutzung auch nicht genehmigt. Das gilt umso mehr für Diskobetrieb, wie er phasenweise von einzelnen Altstadtwirten ohne Genehmigung praktiziert wurde. Auch für das Verhalten von Gästen, die sich vor einem Lokal aufhalten, ist der Wirt verantwortlich. Und das unabhängig davon, ob sie dort etwas konsumieren oder nicht.
      Das Problem ist, wie so häufig, die Durchsetzung dieser relativ klaren Regeln. Zuständig dafür ist das Landratsamt Rosenheim, dass jedoch auch beim Thema Lärm keine allzu großen Ambitionen an den Tag legt. Die Vollzugsdefizite im Landratsamt Rosenheim haben dieser Behörde zu zweifelhafter Bekanntheit verholfen, u.a. durch mehrere Beiträge von Quer und einigen Anfragen im bayerischen Landtag. Die Hauptarbeit vor Ort hat jedoch die Wasserburger Polizei, die die Beschwerden aufnimmt und sie zur weiteren Bearbeitung dann nur an das Landratsamt weiterleiteen kann.

      40

      13
      Antworten
  4. Verstehe das mit der Sperrstunde auch nicht so ganz.
    Normalerweise zieht man ja gerade deswegen in die Stadt, weil da mehr los ist.
    Wer das nicht möchte und Ruhe möchte zieht eigentlich ausserhalb des Zentrums oder gleich aufs Land.

    90

    48
    Antworten
    1. Das soll dann heißen, dass Leute in der Stadt kein Recht auf Ruhe haben ????

      15

      12
      Antworten
      1. Nein, das meine ich nicht.
        Finde es nur seltsam, wenn man mitten in der Stadt eine Wohnung bezieht, wo Kaufhäuser, Läden und Apotheken, Cafes, Restaurants, Bars, Kneipen, Friseur, Fahrschule, Handyshop, etc., ein riesiger Marktplatz, auf dem Veranstaltungen statt finden, sowie eine Straße direkt vor der Türe ist, sich über Lärm, Autofahrer und Sperrstunde beschwert.

        8

        12
        Antworten
        1. Wohne seit über 30 jahnen in der Altstadt, aber so schlimm wie in den letzten jahren war es noch nie.
          Ausgerechnet solche (la fagmilia) beschweren sich über die Regeln in den innenhöfen, die sich seit Bestehen nicht daran halten ab 22 uhr bzw. 23 uhr geduldet.

          9

          7
          Antworten
          1. Das kommt vom Klimawandel.

            4

            3
  5. Ohne jemanden zu nahe zu treten aber leider ist zwischen nobelsanierung und alteingesessenen kein Platz mehr für das Partyvolk

    27

    15
    Antworten
  6. Erstmal bin Sperrstunden Gegner und Altstadtbewohner, solange es eine normale Lautstärke von Feiernden ist kein problem , mein Problem sind die extrem gröhler die Flaschen zerdeppernd und Blumentöpfe kaputtmachend durch die Stadt Randalieren . Aber so wie es jetzt ist , ist es nur noch Lahm.

    46

    6
    Antworten
    1. Aber: Die Sperrstunde war doch die Folge von den laufenden Ruhestörungen und Sachbeschädigungen nach den Kneippenbesuchen.
      Nur deswegen wurde die Sperrstunde eingeführt.
      Die Stadt hat lange zugeschaut und gehofft, dass bei den Jugendlichen zumindest etwas Vernunft eintritt, damit sie sich nicht zu diesem Schritt (Sperrstunde) entschließen muss.
      Nach vermehrten Vorfällen, die keinem Anwohner zuzumuten sind, kam die Sperrstunde.
      Es ging dabei nicht um das lange Feiern, sondern um die Folgen des langen Feierns.
      Die „Nachtlokale“ machen ihren Umsatz durch Ausschenken von Alkohol und die Betrunken müssen dann die Anwohner ertragen und für den von diesen Betrunkenen angerichteten Schaden gerade stehen.
      Da kann eine Stadt nicht über Jahre lang hinweg zuschauen, da musste was unternommen werden.

      66

      6
      Antworten
  7. Um es mal zusammenzufassen:
    Es geht also hauptsächlich darum, dass am Wochenende um drei Uhr früh Schluss ist. Aha.
    Daraus wird geschlussfolgert: „Nachts ist die Stadt tot!“ Soso.

    Geht’s eigentlich noch? Worüber reden wir hier eigentlich??

    46

    22
    Antworten
    1. Genauso ist es, denn ein Großteil der Leute die weggehen, wollen nicht um 2:30 aufhören zu feiern. Ergo fahren sie einfach woanders hin und kommen gar nicht mehr nach Wasserburg. Rosenheim hat zumindest bis 4 offen und in München kann man sich eh die ganze Nacht um die Ohren schlagen und um 6 wieder nach Wasserburg fahren.

      Solange in Wasserburg die Nacht also um 3 endet, werden auch nicht mehr viele kommen.

      Ich selbst wohne seit Jahren in der Innenstadt und habe noch nie wirklich störendes Geschrei mitbekommen

      17

      28
      Antworten
  8. Ich verstehe auch nicht ganz warum Party immer erst ab Mitternacht möglich ist… kann man damit nicht früher starten und somit auch wieder früher aufhören?

    47

    18
    Antworten
    1. Warum überhaupt weggehen? Reicht nicht der Sonntag-Nachmittag Tanztee, so wie früher?

      11

      12
      Antworten
    2. Warum sich das über die letzten Jahrzehnte so entwickelt hat, würd ich auch gern wissen.

      Anscheinend ist es üblich geworden, erst privat vorzuglühen und die Lokale dann ab Mitternacht zu besuchen – welchen Sinn soll das haben? Wenn man schon um 20 Uhr mit dem Feiern begönne, gäbs auch kein Sperrstunden-„Problem“, weil dann keine/r bis 5 Uhr früh durchhält…

      37

      5
      Antworten
      1. Wasserbörger

        Dann solltest du mal in den Berghain schauen 😀

        4

        8
        Antworten