„Wenn ich das gewusst hätte”

Lernen in Zeiten von Corona: Wie es Emely H. aus der 9. Klasse der Mittelschule Wasserburg in den letzten Wochen erging

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„Corona – diese sechs Buchstaben haben mal kurz unser Leben komplett verändert. Und viele dieser Veränderungen halten sind nach wie vor hartnäckig. Der 13. März war unser letzter normaler Schultag. Es hieß, die Schule fällt bis zu den Osterferien aus, danach sollte es wieder normal weiter gehen. Davon gingen auch die Lehrer aus und rieten uns, nur ganz bestimmte Schulsachen mitzunehmen. Hätte ich gewusst, dass die Zeit zu Hause viel länger dauern wird, hätte ich vieles anders gemacht”, sagt Emely H., Neuntklasslerin der Mittelschule Wasserburg. Sie blickt stellvertretend für ihre Klassenkameraden auf die letzten Wochen zurück:

Emely: „Zum Beispiel hätte ich nicht nur ein paar, sondern all meine Schulsachen mitgenommen, meine Freunde nochmal so fest umarmt, dass ich ihnen vermutlich sämtliche Rippen gebrochen hätte, ich wäre schon früher zum Friseur gegangen und hätte nicht auf die Osterferien gewartet. Manchmal wünsche ich mir, in die Zeit zurückreisen zu können.”

So begann die Zeit des Lockdowns für Emely: „Am Anfang hab ich noch gedacht, so schlimm wird es nicht werden, schließlich bin ich eigentlich gerne zu Hause und die Aussicht auf dauerhaftes Ausschlafen tröstete mich zunächst. Zu Hause Unterricht zu machen, davon hab ich oft geträumt, doch spätestens nach der ersten Woche Homeschooling merkte ich, wie sehr ich es hasse. Das Problem waren nicht nur die ganzen Plattformen, die dauernd abstürzten, sondern auch der ganze Stoff, den man sich nicht so einfach selbst beibringen kann.”

Bestes Beispiel hierfür sei das Fach Mathe.

„Jeden Tag eine neue Buchseite! Zuerst kam ich damit ganz gut klar und konnte nebenbei den anderen Stoff gut erledigen, doch schon bald saß ich allein schon vier Stunden  – das ist keine Übertreibung – an einer Mathe-Buchseite. Dabei habe ich noch Glück! Meine große Schwester, die ins Gymnasium geht und bald ihr Abitur schreibt, half mir bei Mathe so gut sie konnte.

All ihre Bemühungen konnten jedoch nicht den Unterricht in der Schule ersetzen, vieles wollte einfach nicht in meinen Kopf. Auch wenn ich einiges doch auch verstehen konnte und in Eigenregie lernte, sobald wieder neuer Stoff hinzukam, überrollte mich eine Welle der Überforderung. Ich geriet zunehmend ins Hintertreffen, hing dem Stoff hinterher, der Druck stieg und schließlich hatte ich das Gefühl zu versagen. Außerdem war Mathe nicht mein einziges Fach. Wir sollten beispielsweise in Arbeit-Wirtschaft-Technik eine Projektmappe erstellen, die ich nebenbei gestalten sollte, was mir auch gelang.”

Vielen ihrer Klassenkameraden erging es ganz ähnlich, wie Emely im Klassenchat erfuhr. „Das beruhigte mich etwas und unsere Klassenleitung zog daraus die Konsequenz, so dass wir ab sofort keine neuen Themen in Englisch und Deutsch erarbeiten mussten. Ich muss sagen, dass ich eigentlich Glück habe, eine große Schwester zu haben, die es mir erklärt. Denn andere, die es nicht verstehen und keine große Schwester als Unterstützung haben, haben es noch schwerer.”

Zu allem Überfluss habe man auch noch mit technischen Problemen zu kämpfen gehabt. „Da die Schulplattform Mebis total überlastet war, bekamen wir ab der zweiten Woche Codes für eine neue Plattform namens Homeworker. Diese funktionierte eine Zeit lang gut, bis dann die nächsten Komplikationen auftraten. Anmeldeprobleme, Download-Schwierigkeiten, fehlerhafter Informationsfluss, sind nur ein paar, die man nennen kann.”

Und so ging es für Emely und ihre Klassenkameraden weiter: „Die ersehnten Osterferien waren rasch da, aber auch schnell wieder vorbei und ein Präsenzunterricht war weiterhin nicht in Sicht. Inzwischen waren wir mit dem Mathe Thema durch, das niemand verstanden hatte, dennoch starteten wir mit dem neuen Themenbereich.

Jetzt wurden auch weitere Fächer für die Erarbeitung zu Hause aufgegeben, die eigentlich erst in der Schule wieder dran kommen sollten. Gefühlt wuchs der Frust der Schüler. Bei mir auch, da ich gewisse Entscheidungen einfach nicht mehr nachempfinden konnte.

Das Schülerportal funktionierte nur noch zeitweise oder fehlerhaft, weshalb sich manche Schüler umhörten, ob es nicht eine besser funktionierende Alternative gebe. Mit viel Mühe wurde recherchiert und die Nutzung anderer Plattformen vorbereitet. Letztlich war es doch umsonst, da von Lehrerseite aus eine Umstellung – aufgrund des zu hohen Aufwands – abgelehnt wurde.”

Während der Ferien mussten wir Referate vorbereiten, die wir dann, sobald die Schule wieder anfangen würde, halten sollten.

Die Zeit zwischen dem Ende der Osterferien bis zum Anfang des „neuen“ Schulstarts verlief zwischenzeitlich recht routiniert.

Bald bekamen wir das Datum und den Plan, wann und wie der Unterricht verlaufen würde, und welche Hygienemaßnahmen umgesetzt werden sollten. Wir wurden in zwei Gruppen eingeteilt und erhielten unterschiedliche Präsenzzeiten mit verkürzten Schulstunden. Die nächste Problematik war dann natürlich die Gruppeneinteilung, die nicht bei allen auf Begeisterung stieß.

Schließlich aber arrangierten sich alle mit der neuen Situation. Der zunächst chaotische Start wurde bald zur neuen Routine und in manchen Fächern war es nun auch möglich, digital am Unterricht der jeweils anderen Gruppe teilzunehmen. Das Mittel dazu: Unser digitales Klassenzimmer.”

Emely abschließend: „Ich finde es an sich schön und angenehm wieder in die Schule zu dürfen und den jeweiligen Stoff vom Lehrer erklärt zu bekommen. Auf der anderen Seite jedoch finde ich es aber schade, dass ich meine Freunde zwar sehen, aber nicht umarmen darf. Und ich war bis heute noch nicht beim Friseur. Ich bin gespannt wie die ganze Sache nach den Pfingstferien weitergehen wird.”

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Ein Kommentar zu “„Wenn ich das gewusst hätte”

  1. Danke Emely

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