ISEK: Konzept ohne Überraschungen

Wasserburg: Verkehrsplaner stellt Ergebnisse der über zweijährigen Arbeit vor

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„Das heiße Eisen Verkehr, es glüht. In Wasserburg ist dieses Thema extrem problematisch“, sagte gestern Robert Ulzhöfer vom Büro „Stadt-Land-Verkehr“ bei der Sondersitzung des Stadtrates eingangs seiner 70-minütigen Ausführungen. Was der Verkehrsplaner dann aber auf den Tisch legte, war eher wohltemperiert, als glühendes Eisen. Dynamische Verkehrsleitsysteme, Entschärfung von Gefahrenpunkten wie dem Brucktor oder der Tränkgasse (Foto), ein weiteres Parkhaus südlich der Altstadt – die Vorschläge im ISEK-Verkehrskonzept blieben ohne große Überraschungen. 

„Es gibt ihn einfach nicht, den Stein der Weisen in Sachen Verkehr“ – Markus Bauer (CSU) brachte es bei der Sitzung auf den Punkt. Dass er wohl Recht hat, zeigten dann auch die Ausführungen des Verkehrsexperten.

Bürgermeister Michael Kölbl fasste es so zusammen: „Der Kern der ganzen Sache ist, die Attraktivität unser Stadt zu erhalten und zu fördern. Man muss hier leben, einkaufen, wohnen und arbeiten können. Alles gleichzeitig. Das ist die Quadratur des Kreises. Darum ist die Diskussion auch so schwierig.“

Die im Integrierten Städtebaulichen Entwicklungskonzept (ISEK) vorgeschlagenen Maßnahmen seien keine abschließenden Empfehlungen. Deren Umsetzung sei im Einzelfall zu diskutieren. „Und das werden wir sicher mit Härte tun,“ so Kölbl.

Sachstand fließender Verkehr

Man habe sich Gedanken zur Situation für alle Verkehrsteilnehmer gemacht, so Robert Ulzhöfer eingangs seiner Ausführungen, bei denen er auf den ruhenden wie auch auf den fließenden Verkehr einging. Seine feste Meinung zu Letzterem: „Mit weiteren Umfahrungen ist das Wasserburger Verkehrsproblem nicht zu entschärfen.“ Auch der angedachte Ausbau einer Südspange bringe da keine echte Entlastung.“

Ulzhöfer brachte ein dynamisches Leitsystem ins Spiel. „Wenn du jetzt über die Altstadtbrücke fahren willst, ist das zeitaufwändig. Das kann man dem Autofahrer frühzeitig mitteilen. Das könnte man visualisieren.“ Eine entsprechende elektronische Beschilderung müsste an allen Zufahrten erfolgen.

Der Verkehrsplaner weiter: „Bei der Altstadtbrücke, in der Schmidzeile, auf der Münchner Straße redet immer das staatliche Bauamt mit, weil Staatsstraßen betroffen sind. Aber vom Marienplatz bis zur Rampe ist man Herr im eigenen Haus.“

Dort sollte man über weitere Fahrbahnverengungen nachdenken und dem Autofahrer klar machen:  Das ist hier keine Durchfahrtsstraße.“ Ansonsten sei beim fließenden Verkehr nicht arg viel zu machen. Ein  Gedanke, den man aber schnell wieder verworfen habe: „Eine Brücke an der Kapuzinerinsel.“ Das gehe schon aus Kostengründen und wegen vieler anderer negativer Begleiterscheinungen nicht.

Sachstand ruhender Verkehr

Ulzhöfer: „Eine ganze Menge Autofahrer probiert’s erstmal am Gries, in der Ledererzeile, am Kaspar-Aiblinger-Platz, während die Parkhäuser noch Kapazität hätten. Vielleicht sollte man da stärker differenzieren, was Zeit und Gebühren anbetrifft. Dem Autofahrer sollte klar sein: Im Parkhaus an der Kellerstraße zahle ich nur die Hälfte als in der Altstadt.“ So könne man Autos abfangen.

In diesem Zusammenhang gebe es auch eine uralte Idee: „Eine Seilbahn vom Gries zum Kellerberg hoch, was eine ganz kurze Verbindung zu den dortigen Einkaufsmöglichkeiten darstellt.“ Man könnte dann quasi in die Stadt hinunterschweben. Ulzhöfer: „Ich weiß aber nicht mehr, wer das vorgeschlagen hat.“

Wolfgang Janeczka (SPD) griff dem Verkehrsexperten unter die Arme: „Das war 2014 ein Faschingsvorschlag.“ Darauf Ulzhöfer: „Na ja, auch im Fasching gibt’s manchmal was Sinnvolles.“ Er relativierte den Seilbahn-Gedanken allerdings: „Da gibt’s natürlich schon einiges zu bedenken, alleine vom Denkmalschutz her.“

Sachstand Radl-Verkehr

„Beim Radverkehr könnte man noch vieles tun.“ Unter anderem liege im E-Bike ein riesiges Potenzial, was für die mit Steigungen gespickte Stadt Wasserburg besonders zutreffe. „In Mühldorf haben schon zwölf Prozent der Haushalte E-Bikes, in Wasserburg glaube ich da in naher Zukunft an 20 Prozent und mehr. Man muss natürlich die Infrastruktur ausbauen, neue Ladestationen und Möglichkeiten, das E-Bike irgendwo anzuketten, schaffen.“

Sachstand Öffentlicher Personennahverkehr (ÖPNV)

Der Wasserburger Stadtverkehr bewege sich tatsächlich auch nur im Stadtgebiet. Ulzhöfer: „Fahrräder sind schön und gut, im Winter wird’s aber schon ein bisschen schwieriger.“ Deshalb solle man durchaus Überlegungen anstellen, zum Beispiel Edling, Babensham und Eiselfing besser an den Stadtverkehr anzubinden. „Der Stundentakt ist dann allerdings mit einem Bus nicht mehr zu schaffen.“ Doppelte Buszahl heiße aber nicht unbedingt doppelte Fahrgastzahl. Eine solche Anbindung der umliegenden Orte müsse man massiv bewerben. „Da sind Zuckerbrot und Peitsche gefragt.“

Die Reaktivierung der Altstadtbahn sei von der Lenkungsgruppe sehr häufig diskutiert worden, so der Verkehrsplaner. „Einer nochmalige Prüfung, ob die Bahn aktivierungswürdig ist, steht nichts entgegen. Lieber einmal mehr geprüft, als einmal zu wenig. Dann gibt’s auch endlich Klarheit. Da wird von Gegnern und Befürwortern zuviel im Nebel gestochert.“

Er sei aber skeptisch, dass die Reaktivierung wirklich Sinn mache. „Wasserburg hat da zu wenig Pendler nach München.“ Und das Gebiet zwischen Reitmehring und Altstadt werde komplett abgehängt, selbst mit einer Haltestelle unterhalb von Gabersee. „Über 700 Meter Fußmarsch zur Haltestelle, das ist eigentlich zu weit, um die Bahn attraktiv zu machen.“ Ulzhöfer sieht zudem eine weitere Gefahr: „Die Suche nach Park-and-Ride-Plätzen würde sich eventuell in die Altstadt verlagern.“

Maßnahmen

Das große Hauptziel für Wasserburg sei verkehrsplanerisch die Reduzierung des fließenden Verkehrs – besonders in der Altstadt. Eine Verkehrsberuhigung mit Vorrang für Fußgänger und Radfahrer sei wünschenswert. Genauso wie die Entlastung vom Schwerverkehr. „Vielleicht sollte man kurzfristig über ein Lkw-Verbot für die Altstadtbrücke nachdenken. Der Schwerlastverkehr sollte alleine über die Münchener Straße geregelt werden.“

Dafür müsste man aber das Straßenbauamt ins Boot holen. „Man könnte dort mal darstellen, wie schlecht der Lkw-Verkehr für die Brücke ist. Ein Lkw ist so belastend wie 1000 Autos.“

Für den ruhenden Verkehr schlug Ulzhöfer vor, das Kurzzeitparken zu intensivieren. „Parkuhren werden gerne nachgefüttert, wenn Gebühren zu niedrig sind. Ein Parkleitsystem mit Frei- und Besetzt-Anzeigen wären eine sinnvolle Sache. Es ist von Vorteil, wenn man schon draußen angezeigt bekäme, der Parkplatz am Gries ist belegt.“ Wenig Sinn mache hingegen ein Anwohner-Parkausweis, „dann braucht man viel mehr Parkplätze. Das gesamte, momentane Angebot wäre sofort erschöpft.“

Mit der Regierung von Oberbayern, der Wasserwirtschaft und dem Denkmalschutz habe man übrigens über eine Fußgänger- und Radler-Brücke an der Kapuzinerinsel gesprochen. „Der Denkmalschutz äußert natürlich große Bedenken.“ Wenn man die Brücke hoch genug baue, damit sie hochwassertauglich sei, dann spiele der Denkmalschutz nicht mit. Eine tiefe Lösung sei für die Wasserwirtschaft schlecht. Ein Kompromiss zwischen Wasserwirtschaft und Denkmalschutz sei eher schwierig zu finden.

Was dringend erforderlich sei, sei die Entschärfung von Gefahrenstellen wie in der  Tränkgasse, am Brucktor oder an den Übergängen über die B304 in Reitmehring.

Eine weitere Frage, mit der sich die Lenkungsgruppe beschäftigt hatte: Soll der Stadtbus in den MVV-Tarif integriert werden? Ulzhöfer: „Da kann man lange darüber diskutieren. Wenn er integriert wird, dann wird’s teurer, darüber muss man sich im Klaren sein. Der MVV redet da bei vielen Dingen mit. Lassen Sie den Stadtbus in Ihrer Hoheit. Die Nachteile überwiegen.“

Ulzhöfer sprach am Ende seiner Ausführungen auch die geplante temporäre Sperrung der Hofstatt an (darüber berichten wir gesondert).

Ulzhöfer abschließend: „Alle Probleme sind nur gemeinsam zu lösen. Ohne ein Umdenken aller Beteiligten, der Stadträte, der Gastronomie, und des Einzelhandels ist eine Verkehrsreduzierung nicht möglich.“ Man müsse sich davon verabschieden, dass jeder zu jeder Zeit vor jedem Geschäft parken könne.

Wortmeldungen der Stadträte

Sophia Jokisch (Linke) wollte wissen, ob es nicht möglich sei, die Neustraße für Fahrradfahrer bergab frei befahrbar zu machen?

Dazu der Experte: „Die Neustraße ist durch parkende Autos sehr schmal. Das Risiko von Unfällen sei beim Bergabfahren im Gegenverkehr nicht zu unterschätzen. „Das geht nur, wenn man auf den einen oder anderen Stellplatz verzichten würde.“

Christian Stadler (Grüne): „Das große Bündel an angesprochenen Problemen und möglichen Maßnahmen zeigt, man muss etwas unternehmen und kann nicht alles so lassen, wie es jetzt ist.“

Georg Machl (CSU): „Zusätzliche Engstellen, Ampelanlagen und Zebrastreifen, Schwellen und Aufpflasterungen – den Autofahrern die Freude am Durchfahren der Altstadt nehmen? Liebe Kollegen, wenn wir keine Alternativen schaffen, dass Autofahrer die Altstadt sinnvoll umfahren können, werden diese Maßnahmen nichts bewirken. Im Gegenteil – das Chaos, das wir verhindern wollen, wird dadurch erst recht entstehen.“

Markus Bauer (CSU): „Wir werden es nicht jedem Recht machen könne. Aber wir müssen alles anhören, miteinander reden, nicht übereinander. Und wir müssen selbst unsere Hausaufgaben machen, bei der Kommunalen Verkehrsüberwachung versagen wir auf ganzer Linie. Das ärgert mich.“

Norbert Bourtesch (Bürgerforum): „Mein Dank gilt der Lenkungsgruppe,. Man hat ein Gespräch ins Rollen gebracht. Es hat sich eine Diskussion entwickelt und wir sollten für alle Verkehrssysteme offen sein.“

Lorenz Huber (Bürgerforum): „Vielleicht sollten wir das Ganze nicht als Konzept betrachten, sondern als Vorschlag, als Ideenpapier. Es schadet nicht, mal einen Blick von außen auf die Gesamtsituation zu haben. Vielleicht sind wir in 15 Jahren soweit, dass wir die Altstadt für Benzin- und Diesel-Fahrzeuge sperren, weil’s soviel E-Autos gibt. Wer weiß?“

Friederike Kasyer-Büker (SPD): „Es geht nicht um schwarz-weiß, sondern um Gleichberechtigung – auch für Fußgänger und Radfahrer. Ein großer Wurf ist das Konzept für mich auch nicht. Aber wir sehen jetzt, dass wir ein Problem haben. Es gibt einen eindeutigen Handlungsauftrag.“

Und Andreas Ass (CSU) abschließend: „Wenn ich mir die ISEK-Broschüre genau durchlese, haben 80 Prozent der Geschäfte, der Gastronomie, eigentlich aller Befragten eine überwiegend positive Meinung zur Lebensqualität in der Altstadt.“

Der Stadtrat billigte die ISEK-Broschüre und das dazugehörige Verkehrskonzept ohne Gegenstimmen.

 

 

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