Ins Bewusstsein rücken

Sonderausstellung „In Memoriam“ im Wasserburger Museum gestern eröffnet

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„Jeder achte Bürger in Deutschland hat Angehörige, die Opfer des NS-Euthanasie-Programms wurden.“ Mit dieser Zahl verdeutlichte gestern Prof. Dr. Michael von Cranach (Foto) die Dimensionen der von den Nazis begangenen Verbrechen an kranken und behinderten Menschen in seiner Rede zur Eröffnung der Sonderausstellung „In Memoriam“ im Wasserburger Museum. Vorausgegangen war die berührende Einweihung des neuen Mahnmals am Heiserer Platz, das mit 62 Stelen an die 742 Menschen erinnert, die in Attl und Gabersee lebten und ermordet wurden (wir berichteten).

Nach einem feierlichen musikalischen Gruß des Saxophon-Quartetts der Wasserburger Stadtkapelle begrüßte Museumsleiterin Sonja Fehler die Gäste, unter ihnen die Bürgermeister Michael Kölbl und Werner Gartner, und verwies auf die Akten und Archivalien der Stiftung Attl und des Stadtarchivs, mit denen die Ausstellung den lokalen Bezug bekommt.

Von Cranach (79), Psychiater und von 1980 bis 2006 ärztlicher Direktor, des Bezirkskrankenhauses Kaufbeuren sowie Kurator der Ausstellung, erinnerte daran, wie diese schrecklichen Verbrechen ans Tageslicht kamen. „1945 kamen US-Offiziere ins Krankenhaus Kaufbeuren und fanden getötete Kinder“, so von Cranach, „das war der Anlass, um weiter zu recherchieren, was geschehen war.“

So hätten die Amerikaner schließlich die Quellen zugänglich gemacht und sich entschieden, die Verbrecher ab 1947 in den sogenannten Ärzteprozessen vor Gericht zu stellen. Anschließend wurden die Akten der Bundesrepublik übergeben, wobei im Nachgang viele Vorgänge von Justiz und Öffentlichkeit verleugnet wurden. „So gab es kein Bewusstsein für diese Taten“, so der Psychiatrie-Professsor.

Auch in den Nachkriegsjahren war das Schicksal behinderter Menschen bedrückend. „Wir trafen noch 1980 auf ein Elend, wie man sich es kaum vorstellen kann“, erinnert sich von Cranach an seine ersten Kontakte zu den Patienten. „Die Menschen hatten kaum eigene Kleidung, fast keinen Kontakt zu den Angehörigen“, so der Kurator. Dadurch sensibilisiert habe man begonnen, in den Archiven zu forschen und sich mit dem Thema „Euthanasie“ auseinanderzusetzen.

Der Initialzündung kam 1999, als die Deutsche Fachgesellschaft für Psychiatrie den Auftrag bekam, einen Weltkongress auszurichten. Weil aber kein schlechtes Licht auf die Mediziner fallen sollte, wurde bei den Planungen nicht auf das „Euthanasie“-Programm eingegangen. Der Protest internationaler Ärzte, die deshalb den Kongress boykottieren wollten, führte schließlich zu der Sammlung, die seither als Wanderausstellung an 40 Orten gezeigt wurde.

Wirklich angekommen im Bewusstsein, sei das Thema aber erst 2017 als der Bundestag mit einer eindrucksvollen Feier an die Verbrechen der NS-Zeit mahnte.

Die Ausstellung diene darüber hinaus den Angehörigen, die sich informieren können, ob Verwandte vom „Euthanasie“-Programm betroffen waren.

„In Memoriam“ läuft noch bis 10. Mai und wird von zahlreichen Veranstaltungen begleitet.

Museumsleiterin Sonja Fehler und Prof. Dr. Michael von Cranach eröffneten die Ausstellung gestern.

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