Haberfeldtreiben im Landgerichtsbezirk

Archivalie des Monats: Die Ermittlungsakten des Bezirksamtes für die Stadt Wasserburg

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Das Stadtarchiv präsentiert im Mai als Archivalie des Monats die Ermittlungsakten zu Haberfeldtreiben im Bezirksamt Wasserburg. Unter Haberfeldtreiben versteht man einen Spott- oder Rügebrauch im Gebiet zwischen Isar und Inn. Von einem harmlosen katzenmusikähnlichen Spott-Aufzug zu Beginn des 18. Jahrhunderts hat er sich zu einem kriminelle und geheimbündlerische Züge annehmenden Rügegericht gewandelt.

Durch Literatur und Kunst idealisiert, wurde er im Nationalsozialismus als Beispiel hochstehenden germanischen Sittengefühls missdeutet. Ab dem 19. Jahrhundert bildeten die Haberer einen militärisch organisierten Geheimbund, um bei der Abhaltung ihrer nächtlichen Exzesse der behördlichen und polizeilichen Verfolgung zu entgehen. Als aber ab 1892 mehrere Mitglieder aus Gefallsucht oder aus Rache ihr Schweigen brachen, wurden über 100 von ihnen gefasst und zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt.

Mindestens ebenso viele flohen vor der Verfolgung mit ihren Familien nach Nord- oder Südamerika. Die Bedeutung und Herkunft des Ausdrucks Haberfeldtreiben ist nicht eindeutig geklärt.

Dr. Elmar Schieder behandelt in einem neuen Artikel des Historischen Lexikons Wasserburg die Treiben im Zuständigkeitsbereich des ehemaligen Bezirksamtes/Landgerichtsbezirkes Wasserburg beziehungsweise in der unmittelbaren Umgebung dieser behördlichen Sprengel. Dieser Artikel bildet damit eine regionale Ergänzung des vom selben Autor im Historischen Lexikon Bayerns veröffentlichten Beitrags. Weiterhin betreibt der Autor eine Webseite, welche die Haberfeldtreiben in Oberbayern dokumentiert.

Der Beitrag stellt die erstmalige wissenschaftliche Auswertung der Aktenüberlieferung zu Haberfeldtreiben im Bezirksamt Wasserburg dar, die im Stadtarchiv Wasserburg überliefert ist. Die Haberfeldtreiben fanden vornehmlich im ländlichen Raum statt. Doch sogar für die Stadt Wasserburg sind Unterlagen über ein (geplantes) Treiben im Jahr 1866 erhalten geblieben:

Die Witwe Katharina Resch (46 Jahre) erscheint in der Gendarmerie und gibt an: am Abend des 7. Februar traten (in der Burgau) drei starke Männer in die Stube, sie trugen graue Joppen bis an die Wade, Hüte und Spielhahn-Federn und dunkle Vollbärte. Sie sprachen in gebildeter Sprache und fragten um Verhältnisse des Hofsteter Metzger und nach anderen Dorfbewohnern, insbesondere wer wen auf die Gant (in Konkurs) gebracht habe. Vier weitere Männer hätten die drei abgeholt. Man befürchtete daher zunächst ein Haberfeldtreiben in Wasserburg. Das Bezirksamt hielt die Zeugin und ihre Aussage jedoch für nicht glaubwürdig. Etwa drei Wochen später, am 12. März 1866 zeigt Georg Dengler am Harter Gütl an, dass in der sogenannten Tränkgasse eine Puppe an einem Baum hinge, in Gebirgstracht gekleidet, sie solle wahrscheinlich einen Haberfeldtreiber vorstellen. Als man die Puppe abnahm, fand man in der Joppentasche ein Schriftstück, datiert vom 10. März 1865(!). Es begann:

Ihr Herren und Frauen aus Wasserburg!
O Wasserburg, du bedauerst mich auch könnt Ihr es schlechten Bürger es nicht verantworten, das ich wegen einer schleichten Huererei und Stehlen muß auf diesem Baum aufhenken.
Die Leute schaug mich an und werden sich gewiß nichts gutes denken verzweifeln muß ich auf jeden Fahl den nichts als Schlechtigkeiten hörr ich von den noblichsten Herrn sie machen Bankrott u. Den armen Teufeln wir das Geld abgerappt.
So könnte ich wahr erzählen und an der Wahrheit wird gewiß nicht fehlen. In einer Nacht könt ich bei Euch nicht vertig werden u in zwei könnt Ihr mich mit meiner Manschaft nicht ernährn weil die Meister sind zum Verderben.
Noch zu letzten thut es mich das verdrissen das es die die armen Soldaten entgelden müssen doch scheuen wir weder Schildwach noch Protokoll der Teuffel soll euch alle holen.
Ich meine ich habe schon überall Mühe genug gehabt bis ich die Leute auf den rechten Weg gebracht. Ich sage Euch auf meine Ehr es reut mich keine Stunde mehr.
Aber bevor ich mein Leben werde beschließen werde ich meine Brüder dem Kaiser Karl am Untersperg noch schreiben müssen was Ihr führan Lebenslauf führt und wie Ihr haltet Eure Hurerei darauf.
Wenn ihr Euch nicht bekehrt in eine Jahr so ist Bedenkzeit gar, dan dürft ihr aber sicher hoffen das mein Bruder kommt mit 1000 Mann der Euch gewiß katholisch machen kann.
Da kann Euer Major den Generalmarsch schlagen lassen um uns mit Hunden davon zu jagen. Thut ihr also Ihn Obacht nehmen den meine Schützen haben Haare auf den Zähnen.
Wen es ankommt auf einen Ernst verzehn sie nicht fiel Scherz. Schissen auf jeden wen es a so sein muß eine warme Kugel durch die Brust.
Auf schlechte Besserung oder gar auf Verlangen sehen wir uns wieder bis einem Jahr aber nicht schriftlich sondern mündlich in höherem oder gar in scharfen Grade wozu Euch die Ganze Arme der Haberfeldtreiber gratulieren.
Ostreich, Frankreich, Rußland und das Arme Kommando Kaiser Karl vom Untersberg

Es folgen weiter zwölf Seiten bleistiftgeschrieben mit wirren Anschuldigungen. Ob in Wasserburg je ein Haberfeldtreiben geplant war, ist äußerst zweifelhaft. Die Organisatoren der Treiben achteten sehr darauf, dass sie gesicherte Rückzugswege hatten. Wegen der einfach zuzustellenden Fluchtwege im Ort wäre ein Treiben äußerst riskant gewesen.

Quelle: Elmar Schieder, Haberfeldtreiben, publiziert am 11.05.2020 [=Tag der letzten Änderung(en) an dieser Seite]; in: Historisches Lexikon Wasserburg, URL: https://www.historisches-lexikon-wasserburg.de/Haberfeldtreiben (11.05.2020)
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