Gemeinsam schmeckt‘s am besten

Sie kamen allein, als Kinder und ohne festen Plan, wie es weitergeht. Als die minderjährigen unbegleiteten Flüchtlinge in der Stiftung Attl einen Platz im Jugendwohnen fanden, hatten die meisten traumatische Erlebnisse hinter sich. Und sie mussten feststellen, dass ihnen die Gesellschaft hier viel abverlangt. Schule und Ausbildung sind Voraussetzung für eine gut bezahlte Arbeitsstelle. Besonders schwierig ist es aber, in einen geregelten Alltag hinein zu finden, wenn das Bleiben höchst unsicher ist. Um diesen Jugendlichen ihre neue Heimat ein wenig verständlicher zu machen, …

… ermöglichte die Banh-Betriebskrankenlasse, mit rund 680.000 Kunden einer der großen betrieblichen Krankenversicherer Deutschlands, begleitet durch die Regionalgeschäftsstelle Rosenheim, eine Workshop-Reihe mit dem Ernährungspsychologen Christoph Klotter. „Die Jugendlichen kamen in dieser Zeit mit Gerichten und auch Themen in Kontakt, die sonst im Gruppenalltag nicht zu vermitteln gewesen wären“, sagt Theresa Fuchs, Leiterin der Jugendhilfe. Vor allem freut sie, dass die Jungs durch die regelmäßigen Treffen eine besondere Wertschätzung erfahren haben.

Unterschiede und Gemeinsamkeiten

„Uns lag bei dem Projekt besonders am Herzen, dass wir durch gemeinsame Zubereitung der Speisen und das gemeinsame Essen den interkulturellen Austausch fördern“, sagt Christoph Klotter. Zusammen mit seiner Frau, der Ernährungswissenschaftlerin Eva-Maria Endres, und den beiden kleinen Söhnen begleitete er die Jugendlichen über ein Jahr lang in monatlichen Treffen. „Auch wenn die Jugendlichen geflohen sind, hängt doch ihr Herz immer noch am Herkunftsland“, betont Christoph Klotter. „Indem jeder die Gerichte seines Zuhauses vorstellte, konnten die anderen die Unterschiede und die Gemeinsamkeiten erleben. So entsteht ein Raum des Verstehens. Die Kulturen prallen nicht aufeinander, sondern sie dürfen sich zeigen und stolz auf sich sein.“ Beim Projekt mit den Attler Jugendlichen beeindruckte Christoph Klotter vor allem, dass die Treffen friedlich und entspannt waren. „Der Umgang in Attl war ein riesiger Unterschied zu meinen bisherigen Erfahrungen in der Arbeit mit Geflüchteten. In großen Flüchtlingseinrichtungen ist das Aggressionsniveau bisweilen immens. Das wirft ein sehr positives Licht auf die Stiftung Attl“, sagt er. „Normalerweise treffen in Flüchtlingsunterkünften verschiedene Nationalitäten aufeinander – ein Pulverfass. In Attl merkt man die kontinuierliche pädagogische Betreuung, die wirklich beeindruckend ist.“

Der Kontakt zu Christoph Klotter entstand über die Veranstaltung „Bahn-Azubis gegen Hass und Gewalt“ der Bahn-BKK, die jährlich in Berlin stattfindet. In diesem Rahmen unterstützten die Azubis der Bahn-BKK Rosenheim bereits einmal die jungen Geflüchteten in der Stiftung Attl.

Über Essgewohnheiten in einen Austausch kommen

Bei jedem Treffen stand ein anderer Ernährungsaspekt im Fokus. Die Küche der Herkunftsländer, darunter Afghanistan, Gambia und Somalia, wurde erkundet. Aber auch an Gemüse der Region, an deutschen Spezialitäten oder Plätzchen zur Weihnachtszeit versuchte sich die Gruppe.

 

„Es hat sich bei dem Kurs in Attl eine sehr schöne Dynamik entwickelt“, sagt Elisabeth Strunz, Referentin für betriebliches Gesundheitsmanagement bei der Bahn-BKK Rosenheim. „Ernährung ist ein idealer Aufhänger, um Inklusion voranzutreiben. Man kann über verschiedene Lebensmittel und Essgewohnheiten diskutieren und in einen Austausch kommen.“ Besonders gelungen fand sie, dass es nicht beim Thema Ernährung geblieben ist, sondern durch die Familienkonstellation auch Rollenbilder zum Thema wurden.

„Welche Aufgaben der Vater beim Kochen und in der Kindererziehung übernimmt, haben die Jungs ganz genau beobachtet. Christoph Klotter, seine Frau und die beiden Kinder fanden als Familie einen ganz anderen Zugang zu den Jugendlichen, als das sonst bei einem Seminar möglich gewesen wäre.“ Birgit Schlinger

 

Drei Fragen an Christoph Klotter, Ernährungspsychologe und Professor an der Hochschule Fulda.

Was bringt den Geflüchteten ein Workshop zum Thema Ernährung?

Klotter: Das Thema Essen bietet eine wunderbare Möglichkeit, sich auszutauschen. Das fördert das Verstehen des Anderen. Wir müssen uns einfach vergegenwärtigen, dass prinzipiell jeder erst einmal Angst vor Fremdem hat.  Aber es ist sehr wichtig, dass es einen Raum gibt, in dem Vorurteile abgebaut werden.

Was war Ihnen außerdem wichtig?

Klotter: Dass durch unbekanntes Essen die Neugier geweckt wurde. Die Jugendlichen bekommen nicht nur Essen gekocht, sondern beginnen, sich selbst um das Essen zu kümmern. Das nennt sich dann Food Literacy, also eine lustvolle Ernährungskompetenz. Kochen ist kein Mysterium. Nach und nach machten dann doch alle mit, auch wenn sie am Anfang skeptisch waren. Das gemeinsame Zubereiten und Essen ist das Gemeinschaftserlebnis schlechthin. Und es ist bei den Menschen einfach so, dass das Essen zusammenschweißt. Spitz formuliert heißt das im Umkehrschluss: Wenn die Familie nicht zusammen kocht und isst, dann ist sie keine Familie. Essen ist einfach das verbindende Element.

Sie haben außerdem ihre Kinder mitgebracht. Wie fanden das die Jugendlichen?

Klotter: Wir haben vermutet, dass die Kinder Verbindung schaffen, und das hat ganz hervorragend funktioniert. Denn die Geflüchteten haben teilweise kleine Geschwister, die sie noch gar nicht kennengelernt haben. Zum Beispiel hat einer gern mit unserem Älteren Fußball gespielt. Und die Jungs haben ganz genau beobachtet, wie wir mit den Kindern umgehen und dadurch neue Geschlechterrollen kennengelernt – Papa kümmert sich auch und kocht, beide Eltern tragen die Verantwortung. Viele männliche Rollenerwartungen wurde hier überprüft, und das fand ich prima.

 

Austausch der Kulturen: Sich zeigen und stolz auf sich sein. Das ist Ernährungspsychologe Christoph Klotter ein besonderes Anliegen.

 

Foto ganz oben: Gemeinsam schmeckt‘s am besten – Said, Khushal und Noorgul mit Christoph Klotter (von links).

© Stiftung Attl