Fragen, die aktueller nicht sein könnten

Mittwochs-Lesereihe im Theater Wasserburg zum Thema Jerusalem

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Die Zeiten ändern sich nicht. Denn, obwohl früher alles besser war, war, als früher noch alles besser war, früher alles wie immer. Und wenn es tatsächlich „kein schöner Land in dieser Zeit, als hier das unsre“ gäbe, wo wären dann unsere Sehnsuchtsorte? Fragen, Antworten: Auch im Januar geht die Mittwochs-Lesereihe im Theater Wasserburg unter der Leitung von Nik Mayr weiter. Am 24. Januar liegt das Werk ‚Jerusalem‘ von Moses Mendelssohn auf dem Tisch …

Wieviel Integration ist möglich und wieviel Pluralität nötig? Fragen, die aktueller nicht sein könnten und dennoch bereits eine lange europäische Geschichte haben. Denn vor über 200 Jahren veröffentlichte Moses Mendelssohn seine Schrift Jerusalem und rief zu einer kulturell-religiös pluralistischen Gesellschaft auf, in der alle Mitbürger vor dem Staat gleich sind.

In einem der grundlegensten und einflussreichsten Werke jüdischer Aufklärung behandelt Mendelssohn das Verhältnis zwischen Religion und Staat. Er bekämpft nicht nur antijüdische Vorurteile, sondern fordert vielmehr Toleranz und gleiche Rechte für alle.

1783 wurde seine Schrift ‚Jerusalem – über religiöse Macht und Judentum‘ publiziert. Diese wird als erste moderne philosophische Erörterung über das Judentum angesehen, richtete sich aber vor allem – erkennbar daran, dass sie in deutscher Sprache verfasst wurde – an seine christlichen, deutschen Mitbürger.

Bereits in Moses Mendelssohns (1729-1786) eigener Familie wird sichtbar, dass der Druck von außen hoch war und seinen Tribut forderte. Sein bekannter Enkel Felix Mendelssohn-Bartholdy war bereits getauft und dennoch war er einer der ersten, der nun Opfer nicht des alten Religionskonflikts, sondern des neu aufkommenden Antisemitismus wurde:

In seiner antisemitischen Schrift ‚Das Judenthum in der Musik‘ nahm Richard Wagner direkt Bezug auf Mendelssohn-Bartholdy und unterstellte ihm Unfähigkeit zu gemeinschaftlichen Gefühlen, die die Basis großer Musik bildeten.

Die Texte dieses Bandes plädieren für Gewissensfreiheit und Toleranz, und sie entwerfen einen Begriff des Judentums, der diesen Forderungen auf beispielhafte Weise gerecht wird.

Moses Mendelssohn bekämpfte antijüdische Vorurteile, stellte dies aber in den Rahmen seiner aufklärerischen Forderung nach Toleranz und Menschenrechten für alle Menschen überhaupt. Freilich bedarf auch das Judentum einer Überprüfung seiner Prinzipien: Das religiöse Bannrecht müsse aufgegeben werden.

Diese Thesen der Manasse-Vorrede von 1782 wurden im folgenden Jahr durch Jerusalem – der Titel ist ein Bekenntnis zum Judentum – rechtsphilosophisch begründet und durch eine Rekonstruktion des Wesens des Judentums ergänzt: Die jüdische Religion beruht nicht auf geoffenbarten übervernünftigen Wahrheitslehren, wie das im Christentum der Fall ist, sondern auf denjenigen ewigen Wahrheiten, die von der Vernunft jedes Menschen erkannt werden können.

Diese allgemeine Menschenreligion darf und kann nicht auf irgendeiner besonderen Offenbarung beruhen. Mangels verpflichtender Glaubensartikel ist also das Judentum – im Unterschied zum Christentum – von vornherein auf Gewissensfreiheit ausgerichtet. Allerdings gehören zum Judentum seine spezifischen Geschichtswahrheiten und insbesondere seine ‚Zeremo­nialgesetze‘, die den Juden von Gott geoffenbart wurden und denen sie unverbrüchliche Treue erweisen müssen.

Die Einleitung des Herausgebers zeichnet den Gedankengang von ‚Jerusalem‘ nach, geht auf zeitgenössische Reaktionen ein, weist auf die höchst kontroverse, weitere Rezeptionsgeschichte hin und behandelt die wichtigsten neueren Forschungen.

Das Ensemble in Wasserburg begibt sich auf die Suche, staunt und schaudert und wundert sich über Sehnsuchtsorte zu Hause und auch anderswo anhand unbequemer, politischer und utopischer Texte, Erzählungen und Manifeste.

Abseits der gewohnten Bühnenliteratur spielzeitbegleitend bei Schreibtischlampe und Bierchen. Zwanglos, aber interessiert, für zwangsfrei Interessierte.

Also fühlen Sie sich nicht gezwungen, aber geladen einen Blick hinter die Phrase „Kein schöner Land” zu werfen. Und sollte es mal kein so schöner Mittwoch werden: Geteiltes Leid ist halbes Leid.

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