Feierliches Gedenken am Ehrenmal

Volkstrauertag in Wasserburg würdig begangen

image_pdfimage_print

dsc_1218Die Vereine der Stadt mit ihren Fahnenabordnungen trafen sich am heutigen Sonntag mit Stadtpfarrer Dr. Paul Schinagl zum alljährlichen, feierlichen Gedenken am Ehrenmal auf dem Heisererplatz.  Anschließend ging es gemeinsam in Richtung Marienplatz – angeführt von der Stadtkapelle. Zum Volkstrauertag hatte zuvor Zweiter Bürgermeister Werner Gartner eine Ansprache an die Teilnehmer gehalten. Die Rede im Wortlaut:

 

>> Wir denken heute an die Opfer von Gewalt und Krieg, an Kinder, Frauen und Männer aller Völker.

Wir gedenken der Soldaten, die in den Weltkriegen starben, der Menschen, die durch Kriegshand­lungen oder danach in Gefangenschaft, als Vertriebene und Flüchtlinge ihr Leben verloren.

Wir gedenken derer, die verfolgt und getötet wurdenweil sie einem anderen Volk angehörten, einer anderen Rasse zugerechnet wurden, Teil einer Minderheit waren oder deren Leben wegen einer Krankheit oder Behinderung als lebensunwert bezeichnet wurde.

Wir gedenken derer, die ums Leben kamen, weil sie Widerstand gegen Gewaltherrschaft geleistet habenund derer, die den Tod fanden, weil sie an ihrer Überzeugung oder an ihrem Glauben festhielten.

Mit diesen Worten möchte ich Sie auf der heutigen Gedenkstunde zum Volkstrauertag begrüßen. Ich danke Ihnen, dass Sie heute hierhergekommen sind, um der vielen Frauen, Männer und Kinder aus unserem Land und vielen anderen Ländern zu gedenken, die Opfer von Krieg und Gewalt geworden sind.

Diese Menschen mussten viel zu jung sterben, weil Frieden und Freiheit der Boden entzogen worden war. Weil Frieden und Freiheit eben nichts Selbstverständliches war.

Wir erinnern heute an die schlimmsten Zeiten deutscher Geschichte, an die beiden Weltkriege und besonders die Nazidiktatur.

Der Zweite Weltkrieg und die NS-Diktatur liegen lange zurück, aber ihre Schatten reichen bis heute. Die Zeit lindert den Schmerz, aber sie heilt nicht alle Wunden.

Am heutigen Tag gedenken wir gleichfalls der Opfer aus unserem Land und in vielen anderen Ländern, die die Kämpfe und Gewaltausbrüche unserer unmittelbaren Gegenwart gefordert haben. Auch jetzt, während wir uns zu einer stillen Stunde des Innehaltens, der Trauer und des Erinnerns versammelt haben, kämpfen woanders Menschen um ihr Leben oder sind in ihrer Freiheit bedroht, ob in Syrien, in Afghanistan oder irgendwo in den Weiten Afrikas. Die Frage nach Krieg und Frieden ist aktuell geblieben und der Krieg, alle Konflikte dieser Welt, werden uns jeden Abend frei Haus mit der Tagesschau ins Wohnzimmer geliefert. Flüchtlingsströme aus aller Welt sind unterwegs und machen eines deutlich – Frieden ist noch lange nicht.

Stellen wir uns doch einmal vor, der Krieg wäre wirklich hier. Stellen wir uns vor, wir müssen mit unserer Familie aus unserem Heimatland fliehen. Alles was wir haben, was uns ausmacht hinter uns lassen. Unsere Heimat, unsere Identität. Wir finden einen Weg, unsere Familie und uns in Sicherheit zu bringen, Freunde müssen wir zurücklassen. Die Flucht erfolgt schnell und übereilt. Keine Chance, sich wenigstens zu verabschieden. Ganz plötzlich müssen wir fort. Unser Haus, unser Auto, jegliche Karrierechancen und gesellschaftliches Ansehen lassen wir zurück, um dem Krieg, der Folter unseres Landes zu entkommen. Des Landes, das uns eigentlich beschützen sollte. Wir suchen Schutz in einem fremden Land. Wir sind der Sprache nicht mächtig, wir kennen keine Menschenseele, wir wissen nicht wohin. Alles, worauf wir hoffen, ist die Hilfe der Einheimischen, darauf sind wir angewiesen.

An Tagen wie diesen, in denen tausende Menschen Zuflucht in unserer Gesellschaft suchen, erhält der christliche Wert „Nächstenliebe“ eine völlig neue Relevanz. Denn diese Menschen suchen bei uns Schutz. All das Leid und die Ungerechtigkeit, die sie gesehen und am eigenen Leibe erfahren haben, wollen sie hinter sich lassen. Sie erhoffen sich einen Neuanfang, ein Leben in Frieden. Hat man eine „menschenwürdige Existenz“, wenn man sich tagtäglich vor Bombenangriffen und Maschinengewehren verstecken muss?

Die meisten Konflikte und Gewaltausbrüche unserer Zeit tragen sich in Ländern und Regionen zu, die weit entfernt von uns liegen. Doch gehen sie uns deshalb nichts an? Meine Damen und Herren, es ist allein ein Gebot der Mitmenschlichkeit, nicht wegzuschauen. Aber es ist auch ein Gebot der Vernunft, zu versuchen, Krisen einzudämmen, denn Konflikte greifen oft und manchmal sehr schnell über ihren Ursprungsort hinaus. Terroranschläge sind auch bei uns kein Fremdwort mehr, Menschen mussten aktuell in Paris und München für irrlichternde Ideen von verrückten Fanatikern sterben.
Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, uns führt heute die Trauer zusammen, verbunden mit dem Bestreben, die Opfer vor dem Vergessen zu bewahren. Denn wenn niemand mehr an sie denkt, dann sind sie endgültig tot, dann kann ihr Schicksal keinem mehr etwas sagen. Der Volkstrauertag setzt hier ein Zeichen: Und er fragt danach, welche Schlüsse sich aus der Vergangenheit ziehen lassen; er fragt, wo wir heute stehen und welche Werte uns wichtig sind.

In Europa haben die Politiker, haben die Menschen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und dem Untergang der Nazidiktatur auf Annäherung und Aussöhnung gesetzt. Dieser Weg war oft nicht leicht, aber er erwies sich als gangbar und wirkungsvoll. Er hat zu Verständigung und einer immer größeren Einigung geführt, er hat unserem von so vielen Kriegen geschüttelten Kontinent die längste Friedensepoche seiner Geschichte gebracht.

Und deshalb kommt Gedenktagen wie dem Volkstrauertag nach wie vor ein hoher Stellenwert zu. Ein Gedenken, das sich der Geschichte stellt und daraus Rückschlüsse zieht, sensibilisiert dafür, bedrohliche Entwicklungen oder die Verharmlosung von Gewalt rechtzeitig zu erkennen; es sensibilisiert dafür, jeden Menschen zu achten, ungeachtet seiner Herkunft oder seiner Konfession; es sensibilisiert dafür, Frieden und Freiheit hoch zu schätzen.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, und bitte Sie, nun mit mir der Toten kurz zu gedenken, wenn ich als Symbol für dieses Gedenken den Kranz der Stadt Wasserburg zu diesem Anlass hier niederlege.<<

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.


Leitfaden für die Veröffentlichung von Kommentaren