Ein Stück zum Nachdenken

„Momo“: Zusatztermin beim Ameranger Freilichttheater am Sonntag

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Sehr gut genutzt hat die Theatergemeinschaft Amerang bei ihrer Aufführung des Romanmärchens „Momo“ nach Michael Ende die Möglichkeiten, die die besondere Situation des Freilichttheaters bietet. Die Sitzstufen im Schulhof sind hervorragend geeignet zur Darstellung des Amphitheaters, das zur Heimat Momos wird. Das Umfeld mit Bäumen und Büschen und natürlich auch der freie Himmel über den Darstellern wird zu wichtigen Mitspielern, verbreitet die richtige Stimmung.

Foto oben: Momo (Elena Oberbauer, dritte von links) und ihre Freunde wollen mit einer Demo etwas gegen die Sucht des Zeitsparens unternehmen.

Mit der jeweiligen Situation angepasster, musikalischer Untermalung, mit dem Einsatz der Lichtkegel und verschiedener Farben der Beleuchtung als Mittel der Hervorhebung, sogar mit dem Einsatz von Feuerwerkseffekten ziehen die Regisseure Uli Schauberger und Hans Wurmannstetter mit Hilfe von sechs Licht- und Tontechnikern der Theatergemeinschaft Amerang alle Register zur Verdeutlichung des Geschehens.

Bei ständig wechselnden Bühnenbildern hat eine Reihe von Kulissenschiebern viel zu tun – ein solches Theaterereignis kann nur von einer eingeschworenen Gemeinschaft Theaternarrischer bewältigt werden, mit über 50 Mitwirkenden vor und hinter den Kulissen.

Doch die Botschaft von Michael Endes Fabel ist auch aller Mühen wert.

In der Geschichte von Momo geht es um nichts Geringeres, als um zwei ganz unterschiedliche Lebensentwürfe. Momo steht für eine Lebensweise, für die das liebevolle Miteinander mit Freunden und Mitbewohnern im Mittelpunkt steht, für die „Zeitsparer“ geht es nur noch um Effektivität.

Im Roman Michael Endes und im Theater kommt die Bedrohung guten menschlichen Zusammenlebens von außen, von den grauen Herren mit ihren betrügerischen Machenschaften. Die Freunde und Nachbarn Momos werden von ihnen unter Vorspiegelung falscher Tatsachen dazu gebracht, durchs Leben zu hasten, um reich und bedeutend zu werden, und nicht mehr aufeinander einzugehen.

Als letzten Erwachsenen trifft es den philosophischen Straßenkehrer Beppo, der nur aus Angst um Momo seine ganze Zeit der Straßenreinigung widmet.

Und am Schluss werden sogar die Kinder von den grauen Herren infiziert und spielen nur noch Spiele, bei denen man ganz offensichtlich etwas fürs Wirtschaftsleben lernt.

Doch wer von uns kennt nicht Zeitdruck und den Anspruch, effektiv zu handeln? Und in der realen Welt kommt die Rastlosigkeit aus uns selbst und nur jeder für sich kann etwas ändern. Im Märchen dagegen findet Momo einen Weg, die grauen Herren zum Verschwinden zu bringen. Und vermittelt so die tröstliche Hoffnung, dass es uns allen gelingen wird, dass wir einander wieder mehr Zeit schenken und damit unser Leben erst richtig lebenswert machen.

Gute darstellerische Umsetzung

Die darstellerische Umsetzung des Geschehens durch das vielköpfige Ensemble kleiner und großer, jüngerer und älterer Schauspieler überzeugt auf ganzer Linie.

Elena Oberbauer vermittelt in der tragenden Rolle der Momo für die Zuschauer nachvollziehbar, was dieses Mädchen befähigt, dem von den grauen Herren verkörperten Zeitgeist entgegen zu treten: Das Vertrauen in die eigene Kraft, die Sensibilität für die Bedürfnisse anderer und das unbeirrte Festhalten an dem eigenen Lebensstil.

Karina Köhldorfner als Wirtin Nina und Veronika Gubisch als Friseur Fusi machen dagegen den Wandel vom menschenfreundlichen Umgang miteinander zur kaltherzigen Zeitspargesellschaft deutlich.

Rupert Westner als Straßenkehrer Beppo und Marina Thaller als Fremdenführerin Gigi geben den treuesten Freunden Momos ein Gesicht, jenen Menschen, die der von den grauen Herren propagierten – allein am wirtschaftlichen Nutzen orientierten – Gesellschaft neben Momo und den Kindern der Stadt am längsten Widerstand entgegensetzen.

Die grauen Herren werden angeführt von Monika Rechl, die am Premierenabend für 40 Jahre Wirken im Amateurtheater vom Verband Bayerischer Amateurtheater und dem Bund deutscher Amateurtheater geehrt wurde und auch in diesem Stück ihre schauspielerische Klasse beweist.

Mit schnarrender Sprechweise und fast roboterhaftem Auftreten charakterisiert sie beeindruckend den grauen Herrn per se – als seelenloses Wesen, als Personifizierung jener bedrohlichen Seiten des modernen Menschen, die ihn zur Kommunikation unfähig machen, assistiert von den Mitagenten Veronika Gubisch und Sepp Mitter.

Mit Stimme und Gestik bringt Wolfgang Hronek als Meister Hora, als personifizierte Zeit, die märchenhafte Komponente der Geschichte von Momo zum Ausdruck, unterstützt von Sophia Mayer in der Hülle der Schildkröte Kassiopeia.

Auch die kleineren Rollen in den unterschiedlichen Sphären des Stückes sind hervorragend besetzt und tragen ihren Teil zur Erklärung des Geschehens bei, Sprecherin Annemarie Linner schlingt souverän das verbindende Band um Reales und Symbolisch-Märchenhaftes.

Zusatztermin am Sonntag

Damit möglichst viele dieses Stück zum Nachdenken und Sichverzaubernlassen erleben können, bietet die Theatergemeinschaft Amerang an diesem Wochenende am Sonntag, 17. Juni, um 20 Uhr einen Zusatztermin an.

Weitere Aufführungen finden statt am

Freitag, 15. und Samstag, 16. Juni, sowie Freitag, 22. Juni, und Samstag, 23. Juni, jeweils um 20 Uhr.

Bei witterungsbedingten Absagen werden Ersatztermine angesetzt, bei leichtem Regen wird gespielt, denn die Zuschauertribüne ist überdacht, die Zuschauer bleiben trocken.

Karten gibt es im Café Smile in Amerang, Reservierungen können unter Telefon 0151/75027721  und per Mail unter karten@theater-amerang.de vorgenommen werden.

Fotos und Text: Inge Graichen

Foto unten: Straßenkehrer Beppo (Rupert Westner) erfährt versteckt im Hintergrund von den bösen Plänen der grauen Herren Monika Rechl, Veronika Gubisch und Sepp Mitter (von rechts) gegen Momo.

Die Kontrahenten Momo (Elena Oberbauer, links) und der Wortführer der grauen Herren (Monika Rechl) treffen unmittelbar aufeinander.

 

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