„Ein extrem beeindruckendes Bauwerk“

Wasserburgs marode Stadtmauer war gestern Hauptthema bei Sitzung des Bauausschusses

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Sie ist nicht nur in die Jahre gekommen, sondern auch durch und durch marode – Wasserburgs Stadtmauer muss dringend saniert werden. Das wird so um die zwei Millionen Euro kosten. Die Hälfte muss wohl die Stadt berappen, wie Stadbaumeisterin Mechtild Herrmann bei der jüngsten Sitzung des Bauausschusses bekanntgab. Bei dieser legte Dr. Christian Kayser vom Ingenieurbüro Barthel&Maus aus München gestern eine spannende und aufschlussreiche Innenansicht der Mauer auf den Tisch. Sein Fazit: „Damit das extrem beeindruckende und einzigartige Bauwerk erhalten werden kann, muss schnell etwas unternommen werden.“

Er und seine Kollegen hatten ein halbes Jahr lang die Mauer eingehend untersucht.

Bohrungen wurden vorgenommen, Stein für Stein wurde das 400 Meter lange Gemäuer kartografiert. Dr. Kayser (Foto): „Die Mauer ist sicher eines der wichtigsten Denkmäler der Stadt, so relevant wie die Burg. Die Stadtmauer macht die Stadt zur Stadt und unterscheidet sie vom Dorf.“

Allerdings befinde sich ein Großteil der Wasserburger Stadtmauer in einer Hinterhoflage. Auf den ersten Blick erscheine sie deshalb gar nicht so bedeutend. „Bauhistorisch ist das aber ganz anders zu bewerten. Sie ist ein beeindruckendes Zeugnis sehr frühen Bauwesens.“

„Friedhof hat Mauer das Leben gerettet“

Kayser legte den Stadträten gestern die Untersuchungsergebnis dar, ging auf Bauweise und Geschichte der Mauer ein.

Sie sei bis bis zu acht Meter hoch, bestehe zum Teil aus Mischmauerwerk, aus Ziegeln und Bruchsteinen. Markant seien zwei Ziegeltürme mit Statuen am Friedhof, den es in seiner heutigen Form seit 1850 gebe. „Der Friedhof hat der Stadtmauer vermutlich das Leben gerettet. Sie blieb wahrscheinlich deshalb in voller Höhe erhalten, weil sie die Menschen in früherer Zeit als Schutz vor den Ausdünstungen des Friedhofs nutzten.“

Es gebe, so der Experte weiter, drei Auffälligkeiten der Wasserburger Stadtmauer, die diese in Bayern zu einem einzigartigen Bauwerk machten: „An manchen Stellen ist mehr Mauer unterirdisch vorhanden, als oberirdisch zu sehen ist. Das Fundament sei bis zu zwei Meter tief. Das ist einmalig und muss für eine Stadt aus dem 13. Jahrhundert ein ungeheurer Kraftakt gewesen sein.“

Man habe diese tiefe Gründung wohl deshalb errichtet, weil man die Mauer als eine Art Staumauer gegen den Inn verwendet habe.

Die zweite Besonderheit sei, so Dr. Kayser weiter, dass die Stadtmauer nicht mit Türmen ausgestattet worden sei. Bis auf den sogenannten Totengräberturm, der sich auf dem Areal des heutigen Bahnhofsplatzes befunden habe, seien keine weiteren Türme an der Mauer auszumachen.

Der Hauptteil des alten Gemäuers stamme aus den Jahren um 1250. Er stelle die dritte Besonderheit dar: „Dieser unterste Teil ist in seiner Ausführung brillant. Die horizontale Lage der Steine ist einzigartig. Da hat man sich sehr viel Mühe gegeben. Das ist ausgesprochen hochwertig. Für den oberen Teil gilt das leider nicht.“

Um 1420 sei die Mauer nochmals aufgestockt worden. „Da fällt die Qualität radikal ab. Es ist ein richtiges Durcheinander“, so Dr. Kayser. Diesen Teil habe man dann auch verputzt, weil man sich damit nicht sehen lassen konnte.

Leider weise die Stadtmauer ernsthafte und aktuelle Probleme auf.

Man habe eine ausführliche Schadenskartierung angelegt. Hohlräume, Pflanzenbewuchs, lockere Steine, ausgewaschener Mörtel, Steinraub durch Wasserburger Bürger und unsachgemäße Sanierung seien nur ein Teil der Problematik. „Das Schlimmste ist der starke Bewuchs mit Efeu. Efeu lebt auch von Kalk, saugt also den Mörtel aus. Aus dem Mörtel wird Sand, dann bröselt die Mauer weg. Der Efeu ist schön anzusehen, führt aber Schritt für Schritt zur Auflösung des Mauerwerks.“

Die größten Probleme habe man in der oberen Mauerschicht ausgemacht. „Der Efeu wächst dort am stärksten. So stark, dass Teile der Mauer abbrechen könnten. Da besteht dringender Handlungsbedarf.“

An einer Stelle habe man eine besondere Feuchte an der Mauer ausgemacht. „Unsere Bauchemiker stellten fest, dass dieser Bereich stark versalzen ist. Die Salzmischung, die Feuchtigkeit anzieht, hat eine verdächtige Ähnlichkeit mit den Salzen im Urin. Es könnte sich also um eine alte Pinkelecke handeln“, so Dr. Kayser schmunzelnd..

Natürlich habe man auch eine statische Bewertung vorgenommen. „Der größte Feind von Stadtmauern ist der Wind. Wenn die Mauer zu dünn ist, wackelt sie.“ In Wasserburg sei dies zum Glück noch nicht der Fall. „An den meisten Stellen hält sie noch ganz gut, an manchen Stellen ist’s aber schon bedenklich.“

Der Experte machte mehrere „Therapievorschläge“:

Für die Bereiche mit der leichtesten Beschädigung reiche es, den Efeu abzuheben, lose Steine zu entfernen, die Mauer neu zu verfugen, eine neue Abdeckung anzubringen und den Efeu wieder hinzuklappen. „Dann kann die Mauer nochmal 1000 Jahre halten.“

Im Bereich stärkerer Beschädigungen müsse man maschinell vorgehen. Der Efeu sei zwar schützenswert, müsse aber durch ein Rankgitter von der Mauer ferngehalten werden. „Am Friedhof würden wir sogar empfehlen, die Mauer im oberen Bereich wieder wie früher zu verputzen. Das ist historisch belegt und bietet zudem einen zusätzlichen Schutz gegen den Efeu.“

In manchen, schwer beschädigten Teilen der Mauer müssten auch Stützmaßnahmen durchgeführt werden. Dr. Kayser abschließend: „Die Mauer ist kaputt. Wir müssen bald etwas tun.“ Die Kosten schätzte er grob auf 1,6 Millionen Euro.

Was Stadtbaumeisterin Mechtild Herrmann relativierte: „Unserer Erfahrung nach gibt’s bei solchen Projekt meistens unliebsame Überraschungen. Da kommt dann hier noch was und da noch was. Gehen wir lieber von zwei Millionen aus.“

Bürgermeister Michael Kölbl zog nach den Ausführungen des Experten ein klares Fazit: „Wir können nicht aus. Es ist Jahrhunderte nichts Größeres an der Stadtmauer repariert worden. Es ist unsere Verantwortung, das historische Bauwerk für die nächsten Generationen zu erhalten.“

Auf die Stadt kämen zwar nicht unerhebliche Kosten zu, man könne aber auch auf eine nicht unerhebliche Förderung hoffen. „Wir gehen von 50 Prozent aus.“ Man werde das Riesenprojekt auf mehrere Jahre auslegen müssen. „Aber wir ziehen das straff durch – lieber in drei, als in fünf Jahren.“

Dr. Kayser erhielt von allen Mitgliedern des Bauausschusses viel Lob für seinen leidenschaftlichen, fundierten und höchst spannenden Vortrag. Friederike Kayser-Büker: „Das sollten wir unbedingt auch den Bürgern präsentieren.“ Sie schlug vor, das Projekt auch für die Schulen und Kindergärten aufzubereiten, was die Stadtbaumeisterin goutierte: „Wir sind schon dabei, Ideen zu entwickeln.“

Christian Stadler abschließend: „Wir haben so eine einzigartige Mauer. Da  sollten wir uns schon mal Gedanken machen, wie wir sie nach der Sanierung besser darstellen können.“

Der Bauausschuss gab einstimmig grünes Licht für die umfangreiche Sanierung der Wasserburger Stadtmauer.

Das 94-seitige Expose des Ingenieur-Büros …

 

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