„Ein Denkmal, das lebt”

60 Stelen sollen am Heisererplatz an die Opfer des Nationalsozialismus erinnern

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„Wir haben uns die Sache nicht leicht gemacht. Aus den 95 Bewerbungen hat sich die Jury schließlich nach eingehender, mehrtägiger Beratung für diesen Entwurf einstimmig entschieden.” Zusammen mit Stadtarchivar Matthias Haupt und sieben Mitgliedern der insgesamt 14-köpfigen Jury stellte Bürgermeister Michael Kölbl heute den Gewinner der Ausschreibung für ein Denkmal der „Wasserburger Opfer des Nationalsozialismus” vor …

Zwei Stuttgarter Künstler machten das Rennen für den Ort des Gedenkens, der am Heisererplatz entstehen soll. 60 beschriftete Stelen werden an die Namen erinnern. „Es wird ein Denkmal, das lebt”, sagte das Stadtoberhaupt.

Auf Antrag der Grünen beschäftigte sich die Stadt bereits seit 2014 mit einem Denkmal, das an die dunklen Jahre des Nationalsozialismus erinnern soll. Dem derzeitigen Stand der Forschung nach sind 700 Namen von Menschen bekannt, die von den Nazis im Zuge des Euthanasie-Programms umgebracht wurden.

Viele von ihnen waren in Attel und Gabersee untergebracht, kamen aus der ganzen Region. „Es geht uns aber nicht um eine spezielle Opfergruppe, um einen speziellen Ort. Wir wollen an alle erinnern, die von den Nazis ermordet wurden”, so Kölbl, der in diesem Zusammenhang auch an das Leiden der Zwangsarbeiter in Wasserburg während des Dritten Reiches erinnerte. Für diese war erst kürzlich eine Gedenkplatte am Friedhof angebracht worden.

Das neue Denkmal soll sich am Heisererplatz zwischen den beiden Kriegerdenkmälern einreihen – diese ergänzen, aber auch einen ganz eigenen Kontrapunkt setzen. „Wir haben bewusst nichts Monumentales gewählt, sondern etwas Begehbares. Das Denkmal ist Mahnmal und Kunstwerk zugleich. Es soll zum Nachdenken, zum Verweilen einladen. Und wenn zwischen den Stelen Kinder spielen, dann ist es uns gerade recht”, sagte Kölbl.

Und so sieht das Denkmal der Stuttgarter Künstlergemeinschaft von Dagmar Korintenberg und Wolf Kipper aus: 60 Stelen mit trapezförmigem Querschnitt. In unterschiedlichen Höhen verdichten sich diese in loser Anordnung und beschreiben so einen ovalen Raum. Zentral platzierte Sitzgelegenheiten im Inneren bieten die Möglichkeit zum Verweilen, zur stillen Einkehr und sich eingehender zu den Opfergruppen und Geschehnissen zu informieren.

Die Stelen sind gekennzeichnet durch zwei unterschiedliche Oberflächen-Beschaffenheiten. Auf der nach innen gerichteten, breiten Seite werden die Namen und Daten der „Euthanasie“-Opfer sowie einführende Informationstexte angebracht.

Auf der dem Park zugewandten, schmalen Seite der Trapezform ist die Oberfläche spiegelpoliert. Diese reflektiert fragmentarisch die Umgebung, das heutige Wasserburg. Beim Näherkommen des Besuchers mischt sich zudem ein Ausschnitt seines Spiegelbildes in die Ansicht.

Der Lageplan am Heiserer Platz – zwischen den beiden Kriegerdenkmälern:

 

Das sagten die anwesenden Jury-Mitglieder:

Peter Rink, Heimatverein: „Was für uns wichtig war, ist, dass die Opfer ihre Namen zurückerhalten. Die Nazis haben versucht, diese auszulöschen. Wir geben den Getöteten damit ihre Identität zurück. Der Ort für das Denkmal ist perfekt gewählt. Er ist auffällig und liegt sogar an einem Schulweg.”

Marianne Hof-Hippke, Stadträtin: „Für mich war es geradezu befremdlich, als ich erfuhr, dass es sich um so viele Namen handelt. Wenn man bedenkt,  dass auf den Kriegerdenkmalen gerade einmal 200 Namen von gefallenen Wasserburgern festgehalten sind. Auch, wenn beide Zahlen natürlich nicht  die genaue Zahl der Toten widerspiegeln. es sind wohl viel mehr. Aber das Verhältnis ist schon erstaunlich, es war mir neu. Was mir gefällt, ist die Offenheit des Gedenkortes.”

Steffi König, Stadträtin: „Durch die Namen auf den Stelen und den spiegelnden Flächen auf der anderen Seite werden Gegenwart und Zukunft vereinigt. Man muss sich mit Beidem auseinandersetzen. Die Gedenkstätte ist Denk- und Mahnmal gleichzeitig. Das finde ich sehr gut.”

Lorenz Huber, Stadtrat: „Ich wohne genau zwischen Attel und Gabersee. Bin dort mit der Euthanasie-Thematik aufgewachsen, die mich sehr betroffen gemacht hat. Ich finde das Denkmal nicht nur deshalb sehr wichtig. Leider müssen wir in der heutigen Zeit tatsächlich auch auf den Gesichtspunkt Vandalismus Bezug nehmen. Wir haben uns deshalb für eine stabile Ausführung des Denkmals in Form und Material entschieden.”

Rainer Schneider, Bezirkstagsvizepräsident:  „Wir wollten ganz gezielt eine andere Struktur, als die der Kriegerdenkmale. Es soll ein Mahnmal sein, in dem man sich selbst sieht. Es soll uns daran erinnern, das so etwas nie mehr passieren darf.”

Prof. Dr. Peter Zwanzger, Ärztlicher Direktor Klinikum Gabersee: „Für unsere Einrichtung ist die Stigmatisierung von Menschen stets ein großes Thema. Wir freuen uns, dass diese Geschichte jetzt einen Ort des Aufarbeitens hat. Besonders gut finde ich es, dass man damit einen Ort des Nachdenkens schafft.”

Wolfgang Schmid, Stadtrat: „Das Denkmal ist auffällig. Man geht nicht einfach daran vorbei. Meiner Meinung nach symbolisiert es die Vielzahl der Opfer und ihr Schicksal sehr gut.”

Das Denkmal für die Wasserburger Opfer des Nationalsozialismus soll im Frühjahr oder Sommer des Jahres 2020 seiner Bestimmung übergeben werden. Bis dahin wird noch einiges an Forschungsarbeit geleistet.

Das ist die Jury …

So soll es aussehen …

Das sind die Künstler …

Das Konzept der Künstler …

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17 Kommentare zu “„Ein Denkmal, das lebt”

  1. Gerade in Zeiten wie diesen ein wichtiges Signal und der Gewinner-Entwurf dürfte sich auch optisch gut am Heisererplatz einfügen!

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  2. Schöner langer Bericht, aber kein Wort, was das Ganze kostet. Das wundert mich etwas. Bin ich der einzige, den das auch interessieren würde?

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  3. Sorry, aber nach dieser langen Zeit sollte man das Ganze mal Ruhen lassen.

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  4. Sorry, aber aller Ehren wert, die Idee ist gut, die Darstellung, die sich “Kunst” nennt, aber potthässlich.

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  5. Was die Kosten betrifft, bin ich ebenso der Meinung, dass diese schon von Interesse wären, zumal die Stadt Wasserburg bis vor nicht allzu langer Zeit eine Haushaltssperre hatte. Und die Optik dieser Stelen betreffend, na da kann man auch geteilter
    Meinung seiin. Aber Geschmäcker sind bekanntlich verschieden.
    Es ist natürlich richtig, das man die Taten der damaligen Zeit nicht in Vergessenheit geraten lassen sollte, aber wäre es nicht viel wichtiger, sich darum zu kümmern, dass solch Gedankengut nicht wieder aufkeimen kann?

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  6. Ob des dann a immer sooo “schee” bleim werd? Vandalismus, Graffiti, ect.!!!
    Dann soi des a mit Videoüberwachung ausgestattet wern – wird auf de paar Teuros a nimma drauf o´kemma……

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  7. I verstehs ned...

    … einerseits für die Bienen und blühende Wiesen unterschreiben, andererseits unnötig Flächen versiegeln, noch dazu mit solch potthässlichen Stecken. Früher war dort ein Kriegerdenkmal, dann kam das alte von der Burgau dazu. Jetzt noch diese “Kunst”.
    Wie sieht die Zukunft aus? Wird das dann ein Kriegerdenkmal-/Kunstfriedhof? Wenn man die Stelen wenigstens in der Stadt verteilen würde, dann könnte man Parkautomaten oder E-Auto-Ladesäulen einbauen …

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  8. @Ramerberger
    Dann hast du ja bestimmt auch kein Problem damit, wenn wir dein Familiengrab oder die Kriegerdenkmäler auflösen, weil nach so langer Zeit kann man deine Angehörigen doch echt mal vergessen.

    Mal im Ernst, unser Volk ist den Opfern der Shoa soviel schuldig, dass wir gar nicht genug Denkmäler bauen können!

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  9. Die Errichtung eines Stelenfelds zur Erinnerung an die Wasserburger Opfer des Nationalsozialismus ist eine gute Entscheidung des Stadtrats. Die ermordeten Menschen erhalten so – wenn auch sehr spät – ihre Identität zurück, die ihnen einst gezielt genommen werden sollte.

    Das Denkmal steht an einem zentralen Platz mitten in der Stadt und stellt sicher, das dieses dunkle Kapitel der Wasserburger Geschichte nicht vergessen wird.

    Wichtig wäre jetzt, dass sich die Stadt in den nächsten Monaten um eine weitere große Opfergruppe kümmert, für die sie besondere Verantwortung trägt. Von 1934-1939 wurden im städtischen Krankenhaus ‘Im Hag’ (heute Beamtenschule) mehr als 500 Patienten aus Gabersee zwangssterilisiert. Wasserburg ist daher ein Ort, an dem der verbrecherische Charakter des NS-Regimes sehr früh und ganz offen sichtbar wurde. Mitarbeiter der Stadt wurden damals zu Tätern.

    Viele Opfer der Zwangssterilisierung überlebten diesen Eingriff leider nicht, sie starben an den Folgen der Verstümmelung. Auch ihnen sollte ihre Identität nun zurückgegeben werden, ihre Namen sollten mit Unterstützung des Archivs des Bezirks Oberbayern ermittelt werden können.

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  10. Spiegel in der Natur aufstellen … Bin gespannt, wie viele Vögel dagegen knallen ….

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  11. Damit in unserer Gemeinschaft ( Gesellschaft) jeder in Frieden leben kann, wurde das Grundgesetz geschrieben und darin steht…
    ..Artikel 1 Grundgesetz :(1) Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.
    …Artikel 3 Grundgesetz: (3) Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.

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  12. Bei solchen Wettbewerben ist es üblich, die eingereichten Arbeiten vorzustellen. Bei einem zweistufigen Wettbewerb wie diesem wäre es zumindest angebracht, alle (fünf?) Überarbeitungen nach der Entscheidung der Jury öffentlich zu zeigen. Hat die Stadt Wasserburg dies vor?

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  13. Wann werden diese Spiegelflächen den Verkehr blenden, wenn die Sonne ungünstig steht?

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  14. @BeFa: die Stelen stehen inmittten großkroniger Bäume. Die Hauptdurchfahrtstraße geht in einigem Abstand nördlich davon vorbei. Die Gefahr des Blendens dürfte also nicht allzu groß sein. Außerdem können auch Autorückspiegel, Autoscheiben und Fensterscheiben die Sonne reflektieren, wenn diese ungünstig steht.
    Insgesamt schon interessant, was hier gleich wieder für Bedenken an den Haaren herbeigezerrt werden. Ein Zeichen mehr dafür, wie wichtig dieses Denkmal ist.

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  15. Es gibt doch in Attel und in Gabersee schon ein Denkmal oder täusche ich mich da?
    Klar, schlimm genug, was damals alles passiert ist, aber reicht es nicht irgendwann?

    Wenn man sieht, wie viele Menschen unter Stalin, der Kirche früher oder auch in den ganzen Kriegen, die in den letzten 60 Jahren von Amerika aus gingen, ums Leben gekommen sind. Gedenkt dieser Opfer niemand?

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  16. Ganz wichtig !
    Da gibt es die Täter-Opfer-Problematik !
    Bitte die Namen der Täter eingravieren !
    Nicht, dass sich unsere Kinder und Enkel schuldig fühlen.

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  17. Mein kostenloser Vorschlag als Wasserburger.
    Jede Schule pflanzt einen Baum oder Strauch.
    So wird sich jeder Schüler Gedanken über diese schreckliche Zeit machen,
    auch nach Jahren wird er sich erinnern. ICH WAR MIT DABEI !

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