Ein 90 Kilo schweres Argument

Trotz Ebbe in der Stadtkasse: Neue Drehleiter für die Wasserburger Feuerwehr

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Haushaltssperre, leere Kassen – und doch bekommt die Wasserburger Feuerwehr 2020 eine neue Drehleiter, was die Stadt 280.000 Euro kosten wird. Auf den Gesichtern der Wasserburger Stadträte konnte man bei der gestrigen Sitzung lange Zeit eine gewisse Ratlosigkeit ablesen. Kein Geld in der Stadtkasse, aber die dringliche Bitte der Feuerwehr auf dem Tisch. Lange wurde hin- und herdiskutiert, quer durch alle Fraktionen. Doch dann gab es ein 90 Kilo schweres Argument für die Anschaffung, so dass die Entscheidung fast einstimmig ausfiel.

Kreisbrandrat Richard Schrank, erster Feuerwehrmann des Landkreises Rosenheim, war eigens für die Beratung über die neue Drehleiter nach Wasserburg gekommen.  Er war es dann auch, der letztlich für das ausschlaggebende Argument sorgte: „Beim jetzigen Fahrzeug, das schon 19 Jahre auf dem Buckel hat, können wir nur Personen bis 90 Kilo aus großer Höhe retten. Für alles, was darüber ist, brauchen wir eines der moderneren Fahrzeuge, deren Leiter für 270 Kilo ausgelegt ist. Ein solches muss dann aus Haag, Ebersberg oder Rosenheim angefordert werden. Und eines muss man sich in diesem Zusammenhang vor Augen halten: Es gibt nichts Schlimmeres, als bei einer laufenden Reanimation, lange auf ein Rettungsmittel wie die Drehleiter zu warten.“

Waren die Räte in der vorausgehenden, fast einstündigen Diskussion hin- und hergerissen, so herrschte nach dieser Aussage von Schrank nur mehr eine Meinung: Das Menschenleben steht über allem. Bürgermeister Michael Kölbl brachte es auf den Punkt:  „Das 90-Kilo-Argument haben wir bis heute nicht gehört. So schwer es mir beim Blick auf unseren Haushalt fällt: Wir müssen uns für die Neuanschaffung entscheiden.“ In den Beschluss für die Drehleiter müsse man aber reinformulieren, dass gegebenenfalls eine andere Anschaffung in gleicher finanzieller Höhe zu streichen ist.“

 

Diskussion hatte anfangs ganz anderen Verlauf

Kreisbrandrat Richard Schrank hatte eingangs der Beratung dargelegt, warum die Wasserburger Feuerwehr dringend eine neue Drehleiter braucht. Zwar sei das Fahrzeug auf 25 Jahre ausgelegt, nach zwei Jahrzehnten stehe jetzt aber eine große, technische Prüfung für die Drehleiter an. „Das wird richtig Geld kosten und es ist nicht klar, was in den nächsten fünf Jahren alles an Reparaturkosten auf die Stadt zukommt.“ Zudem sei die Gemeinde Rott gerade dabei, sich eine Drehleiter anzuschaffen. Schrank: „Wenn man das gemeinsam mit Rott hinbekommt, wird die Beschaffung deutlich günstiger.“

Stadtkämmerer Konrad Doser legte anschließend die Zahlen für die Anschaffung der neuen Drehleiter auf den Tisch. 670.000 Euro kostet so ein Fahrzeug heute. „Nach Abzug der Zuschüsse durch den Landkreis und den Freistaat bleiben 287.000 Euro an Kosten für die Stadt übrig. Die Entscheidung ist da nicht ganz einfach. Wir haben eine extrem schwierige Haushaltslage.“

Und auch der Bürgermeister war zunächst wenig von der Neuanschaffung begeistert: „Es fällt mir nicht leicht, aber bei dieser Haushaltslage, die ich in den 34 Jahren, in denen ich im Stadtrat bin, noch nie erlebt habe, muss ich fast dagegen sein.“ Zudem werde man wohl bald ein Grundstück für das neue Feuerwehrhaus haben. „Da sollten wir mit den Planungen beginnen. Ein neues Löschfahrzeug wurde auch gerade bestellt. Da kommt jetzt alles zusammen. Es tut mir leid, wir stehen mit Rücken an der Wand.“

Ein brennendes Plädoyer für die Anschaffung hielt der neue Feuerwehrreferent im Stadtrat, Armin Sinziger. Sein abschließendes Argument: „Die Drehleiter ist 19 Jahre alt. Da darf jetzt technisch nichts passieren, sonst wird’s richtig teuer.“ In fünf Jahren habe man wieder höhere Preise und eine ungünstigere Zuschusslage.

Marlene Hof-Hippke brachte das Dilemma bei der Entscheidung zur neuen Drehleiter für ihre Stadtratskollegen auf den Punkt: „Ich fühle mich von der Sachlage direkt erpresst. Wir haben so viele Sachen, die ebenfalls drängend sind. Es ist echt schwierig, eine Entscheidung zu fällen. Ich verstehe beide Seiten.“

Doch dann fiel das 90-Kilo-Argument, was allgemein für Erleichterung sorgte und Josef  Baumann (Freie Wähler) auf seinen Körper blicken ließ: „90 Kilo, da bin ich schon drüber, mich kann man also mit der alten Drehleiter nicht mehr retten. Im Ernst: Die Zahl der Personenrettungen nimmt stetig zu. Da können wir fast nicht aus.“ Und Armin Sinzinger ergänzte: „Normale Löschfahrzeuge haben wir in der Umgebung wie Sand am Meer, aber die Leiter haben nur wir in Wasserburg.“

Auch Kommandant Georg Schmaderer verdeutlichte nochmals die Dringlichkeit der Anschaffung: „Schwerere Patienten können wir aus dem dritten Stock noch rausholen, weil die Leiter dann nicht soweit ausgefahren ist und wir eine geringere Ausladung haben, ab dem fünften Stock geht nichts mehr. Auf der Innhöhe haben wir bis zu acht Stockwerke.“

Der Stadtrat genehmigte schließlich die Anschaffung – trotz angespannter Haushaltslage – zusammen mit der Feuerwehr Rott. Das Fahrzeug muss 2020 geliefert werden. Alle Stadträte stimmten dafür – nur nicht Otto Zwiefelhofer (CSU): „Ich habe mir lange eine Meinung gebildet und die konnte heute durch keines der Argumente entkräftet werden.“

 

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2 Gedanken zu „Ein 90 Kilo schweres Argument

  1. wenigstens einmal eine sinnvolle Ausgabe

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  2. Günther Pfeffinger

    Ich hätte eine ehrlich gemeinte Frage, die gar nicht so polemisch klingen soll, wie sie vielleicht verstanden wird: Können sich bei solch einer Anschaffung nicht auch die umliegenden Gemeinden beteiligen?

    Denn blöd gesagt „profitieren“ auch die Bürger im Umkreis von dieser Investition, oder? Schließlich macht es ja keinen Sinn, dass jede Feuerwehr eine entsrpechende neue Drehleiter kaufen muss, sondern sich eine dafür „opfert“. Dass das dann eher die Feuerwehr aus Wasserburg „trifft“ und nicht die aus Schlicht, Schleefeld oder Reitmehring, macht ja irgendwie Sinn.

    Oder findet so ein System auf irgendeine Art vielleicht schon statt? Liebe Grüße von jemandem, der sich in der Finanzplanung von Feuerwehren und Kommunen leider nicht so auskennt!

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