Die Geschichte der Sebastians-Verehrung

Vortrag von Ferdinand Steffan beim traditionellen Sebastiani-Umtrunk im Pfarrsaal

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An die Geschichte der Sebastians-Verehrung in Wasserburg und seine Darstellung in der Kunst erinnert Ferdinand Steffan beim traditionellen Sebastiani-Umtrunk, zu dem die Pfarrei St. Jakob am 18. Januar nach dem Gelöbnisgottesdienst in den Pfarrsaal in der Färbergasse einlädt.

Dazu Ferdinand Steffan: >>Wenn die Stadpfarrei St. Jakob alljährlich in feierlicher Form des hl. Martyrers Sebastian gedenkt, so lässt sich dies auf ein Gelübde zurückführen, das am 8. Dezember 1634 in seltener Einmütigkeit die Geistlichkeit, die kurfürstliche Beamtenschaft, die Räte der Stadt und die Bürgerschaft abgelegt haben. Die Pest hatte ab dem Herbst 1634 um sich gegriffen – allein vom 1. bis 20. Dezember sollen 114 Tote zu verzeichnen gewesen sein, insgesamt rechnet man mit 640 Toten einschließlich der hier stationierten Soldaten und Flüchtlinge – und eine Hilfe war nicht in Sicht. Daher entschloß man sich, in einem „votum publicum“ = einem öffentlichen oder allgemeinen Gelöbnis Hilfe bei Gott zu suchen. Eine Votivtafel, datiert von 1653 (!), wobei es sich bei dem Datum vielleicht um einen Zahlendreher anlässlich einer späteren Renovierung handeln könnte, erinnert in der heutigen Sebastianskapelle an dieses Ereignis. Der Text der Tafel weicht allerdings von der archivalisch überlieferten Formel des Gelöbnisses erheblich ab.

In moderner Übertragung lautet das öffentliche Versprechen:“Wir Pfarrer und Geistliche, kurfürstliche Beamten, Bürgermeister und Stadträte samt der ganzen Bürgerschaft und allen Bewohnern der Stadt Wasserburg (man unterscheidet zwischen Bürgern und Inwohnern, die kein Bürgerrecht besitzen) geloben und versprechen dem allmächtigen Gott, der allerheiligsten Himmelskönigin und Jungfrau Maria, dem heiligen Apostel Jakobus, dem heiligen Martyrer Sebastian und dem heiligen Beichtvater Rochus, allen lieben Heiligen Gottes und der ganzen himmlischen Heerschar, damit uns der allmächtige, gütige und barmherzige Gott vor der Pest und allen anderen ansteckenden Krankheiten, die derzeit grassieren, jetzt befreie und künftig bewahre durch die Fürbitte der oben genannten Heiligen (es folgt nochmals ihre Aufzählung) auf ewige Zeiten das Fest des Heiligen Sebastian allhier in der Stadt feierlich zu begehen sowie auch die Pfarrkirche, die St. Jakob genannt wird, zu renovieren und zu erneuern. Dazu helfe uns die allerheiligste und unbegreifliche Dreifaltigkeit und alle Auserwählten und Heiligen Gottes, Amen.“

Man muss sich die Chronologie der Ereignisse ins Gedächtnis rufen, um die Notlage der Wasserburger zu verstehen: Ende September 1634 soll der übliche Michaeli-Markt wegen der „gefehrlichen Sterbsleüffe“ abgesagt werden, doch man entscheidet sich nur für ein Teilnahmeverbot der auswärtigen Krämer und Bauern. Am 30. Sept. fasst der Rat den Beschluss, jeden Dienstag ein Amt zu Ehren des hl. Sebastian lesen zu lassen. Mitte Oktober reagiert das Umland auf die dramatischen Nachrichten: Trostberg will Wasserburg zur gesperrten Region erklären, doch dem widersetzt sich der Rat, da „alhir guete lufft“ sei, obwohl die Seuche schon grassiert. Am 24. Okt. vermerkt der Schreiber im Ratsprotokoll, dass der „Schneider auf der Burg“ an der Pest verstorben sei, aber auf Wunsch des Pflegers solle er als „Pfarrkhindt […] bey der Nacht an der Gottsackher Mauer woll dieff begraben werden“. Dies stellt wohl eine Ausnahme gegenüber den sonst üblichen Massengräbern dar. Da sich die Pest weiter ausbereitet, beruft der Rat Anfang November „Commihsarij zu dem infectionwesen“ und stellt zusätzliche Einnäher (die Toten werden in Leinwand eingenäht), Totenträger und Totengräber ein. Alle Pesttoten sind ohne Geleit „vnnd andere Ceremoni“ zu begraben, die Leichen mit Kalk zu überschütten und die Gräber mit Sand abzudecken. Kleider und Bettzeug der Toten müssen weit außerhalb der Stadt verbrannt werden. Die Häuser mit Pestkranken werden gesperrt, auch die Gesunden dürfen diese Häuser nicht mehr verlassen. Die Versorgung wird durch Zuträger aufrechterhalten. Die Sperre wird erst aufgehoben, wenn innerhalb von vier Wochen niemand mehr in dem Haus verstorben ist. Allerdings muss das Haus fünf Tage hintereinander „außgerauchtet vnnd mit scharpfer laug außgewaschen“ werden. Anfang November berichtet der Rat nach Rosenheim „daß biß dato niemand an der Pest…gestorben“ sei, was eine bewusste Falschmeldung war. Am 10. November gelobt der Rat eine neue Kerze, „so ein Cennten“ wiegend, zum hl. Sebastian nach Ebersberg zu stiften, was im Jahr 1635 eingelöst wurde. Ende November erreicht die Seuche ihren Höhepunkt, sodass der Rat, die Geistlichkeit, die Beamtenschaft und die Bürgerschaft das „allgemeine Gelöbnis“ ablegen, woraufhin die Infektion Anfang Januar abklingt und am 23. Februar 1635 „Gott Lob die pest völlig aufgehert“ hat.

Dass neben dem Gelöbnis der Gesamtstadt auch einzelne Stadtviertel auf eigene Faust gesonderte Wallfahrtsgelübde abgelegt haben, ist mittlerweile fast in Vergessenheit geraten. Die „Nachbarschaft … am Platz und beim Tränkthor“ verlobt sich 1634 „wegen damaliger grassierter leidigen Pest zu der allerseligsten Jungfrau und Himmelsköniginn Maria nach Feldkirchen … mit einer jährlichen Wallfahrt“ und „Aufopferung einer Wachskerze“. Diese Wallfahrt findet immer noch statt und die entsprechende Votivtafel wurde 1834 und 1934 erneuert. Ebenso haben sich die „Nachbarschaften am Gries, Hofstatt und Lederergasse“ zum Gnadenbild der Muttergottes von Kirchreit verlobt und zum Dank für „erhaltenen Schutz vor ansteckende(n) Krankeiten, Feuer u: Wassergefahr so wie vielen andern Uebeln des Leibes und der Seele“ im Jubeljahr 1734 eine Votivtafel errichten lassen. Zwei große Votivkerzen erinnern dort noch zusätzlich an das Gelübde.

Die Einlösung des Versprechens, einen neuen Sebastiansaltar errichten zu lassen, war schließlich mit allerhand Schwierigkeiten und Verzögerungen verbunden. Am 5. März 1635 schloss der Rat mit dem Kistler Joseph Degenhart und dem Maler Wolf Pittenharter den Vertrag für den Altar. Im Sept. 1635 mahnt der Rat die Handwerker zur Eile, da der Altar zum Sebastiani-Fest am 20. Januar 1636 fertig sein sollte. Der Termin wurde jedoch nicht eingehalten, im April 1636 konnte der Innere Rat lediglich die neue Stuckierung der Kapelle begutachten. Eine Mahnung im September des Jahres zeigte ebensowenig eine Wirkung wie ein erneuter Verweis im Oktober, sodass der Stadtrat schließlich Degenhart und Pittenharter am 17.Oktober den Auftrag entzog und an die Gebrüder Zürn vergab. Am 26. Februar bzw. 26. März 1638 rechneten Martin und Michael Zürn ihre Arbeit ab, wobei sie wohl die bisherigen Kistlerarbeiten übernommen hatten. Das genaue Datum der Fertigstellung des Altares ist jedoch nicht genannt. Fast 200 Jahre erinnerte dieser Sebastiansaltar in der südlichen Kapellenreihe von St. Jakob an das fromme Gelübde und die Pestkatastrophe, bis er 1826 beim Einbau der Seitenportale abgebrochen werden musste. Seit 1855 steht dieser Altar nun in der Stein-Kapelle in Amerang, allerdings mit einer Marienfigur im Zentrum. Die Zürn-Figur des hl. Sebastian war in eine Kapelle in Gars gelangt und wurde 1993 in einem Münchner Auktionshaus versteigert – ihr derzeitiger Verbleib ist unbekannt.<<

 

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