„Die Corona der Schöpfung”

Ein Gedicht zur aktuellen Krise von unserem Leser Andreas Köbinger aus Albaching

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Ausgangsbeschränkung, keine Feste den ganzen Sommer über, Existenzängste und persönliches Leid – Stadt und Altlandkreis haben schon lustigere Zeiten gesehen als jetzt während der Corona-Krise. Doch es gibt auch Lichtblicke: Nachbarn, die sich gegenseitig unterstützen, Vereine, die Hilfsbedürftigen unter die Arme greifen, Familien, die enger zusammenrücken und gemeinsam Probleme bewältigen. Dabei schwingt immer auch ein bisschen Melancholie mit – wie beim Gedicht unseres Lesers Andreas Köbinger, das wir heute zum Feierabend am 90. Tag, seitdem wir erstmals über Corona berichteten, an dieser Stelle bringen:

Die Corona der Schöpfung

Dem Urschlamm eben erst entkrochen
begann der Mensch den Plan zu fassen,
Natur und Tier zu unterjochen.
Und so hat er sein Heim verlassen,

um Berge zu bezwingen
und Meere einzudämmen,
Wüsten zu durchdringen
und Land zu überschwemmen,

Ozeane zu durchtauchen,
zu fliegen wie die Lerchen,
Ressourcen aufzubrauchen
und Tiere einzupferchen.

Über Leben, Tod, Naturgewalten,
wie Beben, Meer und Stürme,
schickt er an, als Herr zu walten,
errichtet kolossale Türme,

dorthin, wo die Engel wohnen,
um zuletzt den Schöpfer zu entthronen.

Sein Name soll geheiligt werden,
des Menschen Wille soll geschehen,
wie im Himmel so auf Erden.
Ein Triumphzug – wer soll da bestehen?

Und während er von Sinnen baut
seiner Allmachtswünsche wegen,
seiner Unbesiegbarkeit vertraut,
tritt ein Virus ihm entgegen.

Globale Herrschaft ist das Ziel gewesen,
der Mensch zog aus, hybrid, entrückt.
Nun wird er vom kleinsten aller Wesen
postwendend nach Haus‘ geschickt.

Der Mensch, der sich selbst zum Gott ernannt,
ist’s nun, der kleinlaut, ängstlich, zitternd kauert,
von Winzlingen zum Hausarrest verdammt,
hat mit Klopapier sich eingemauert,

verschanzt sich hinter Tür und Tor.
Mein lieber Gott, du hast Humor.

Andreas Köbinger

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4 Kommentare zu “„Die Corona der Schöpfung”

  1. A oibichna südstaatlerin

    Des is a scheens Gedicht!!
    Und wie wahr!!
    Vielleicht sollt ma uns wieda a bissl mehra bsinna auf des, wos wirklich wichtig ist, und a bissl a Gespür griang für des wie’s andre, einschließli da Natur, geht.
    Dankeschee Andreas.

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  2. Feinsinnig und stilistisch präzise! Ein Kreuzreim, der zum Schmunzeln und zum Nachdenken einlädt…

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  3. Sehr gut!
    Ich fürchte nur, wir werden nicht daraus lernen.

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  4. Klasse, Daumen sehr hoch!
    Der Mensch wie er ist,
    wunderbar zusammen gefasst bis zum Schluss. 🙂
    Danke Herr Köbinger

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