Der wichtige Blick ins Archiv

Morgen zur Erinnerung und Mahnung - Beispiel Bücherverbrennung in Wasserburg

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Das Foto zeigt die von den Nationalsozialisten organisierte, öffentliche Bücherverbrennung am Wasserburger Marienplatz, wohl im Mai 1933. Im Fotoausschnitt sind als beteiligte NS-Verbände hauptsächlich die örtliche Hitlerjugend und deren Leitung zu erkennen. Auf die Bedeutung archivischer Arbeit will das Wasserburger Stadtarchiv am morgigen Samstag, 3. März, ab 10 Uhr beim TAG DER ARCHIVE hinweisen und sensibilisieren …

Im unteren Drittel der schwarz-weiß Fotografie (Papier-Positiv) ist bildmittig ein Feuer zu sehen. Auf einem kleinen mit Holzstöcken geformten Scheiterhaufen brennen Schriften. Um welche Schriften oder Bücher es sich handelt, ist nicht zu erkennen. Die Bücherverbrennung findet vor dem Rathaus Wasserburg am Marienplatz statt.

Am linken Bildrand sind die Frauenkirche, mittig die Frauengasse mit Rathaus und historischem Rathaus zu sehen. Im Vordergrund der auf dem Foto zu sehenden Personengruppe stehen jugendliche Buben und junge Männer. Einige betrachten das Feuer, mehrheitlich richten sie aber den Blick zur rechten Bildseite. Wahrscheinlich wenden sie sich einem Redner zu, der auf dem Foto jedoch nicht auszumachen ist. Die Jugendlichen sind einheitlich gekleidet, jedoch nicht uniformiert. Sie tragen weiße Hemden und kurze oder ¾-Bundhosen und Kniestrümpfe. Drei Männer in Uniformen stehen der Jugendgruppe vor (rechter Bildrand).

Im Hintergrund (der jugendlichen Personengruppe) sind auch erwachsene Zivilpersonen, sowohl Männer, als auch Frauen, zu sehen. Die zentrale Gruppe führt Fahnen mit sich. An der Kleidung (kurze Hemden) und der Sonneneinstrahlung ist zu erkennen, dass das Foto im Sommer aufgenommen wurde.

Im Stadtarchiv Wasserburg ist die gleiche Ansicht auch als Postkarte überliefert. Von einer breiteren, öffentlichen, zeitgenössischen Verbreitung kann ausgegangen werden, obwohl die Auflage der Postkarte nicht bekannt ist. Das im Stadtarchiv vorhandene Positiv ist undatiert. Beim oben gezeigten Repro handelt es sich um einen Abzug vom Postkartenoriginal, das ebenfalls im Stadtarchiv überliefert ist.

Die Zensur während der nationalsozialistischen Diktatur war wohl die radikalste in der Zensurgeschichte. Zuerst setzte die ‚Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat‘ (‚Reichstagsbrandverordnung‘) vom 28. Februar 1933 Grundrechte wie Art. 118 außer Kraft. Damit begann die systematische Verfolgung und existenzielle Ausgrenzung auch von Autoren und Publizisten. In ‚Schwarzen Listen‘ wurde unerwünschte Literatur aufgelistet, die bei den reichsweiten, von der Deutschen Studentenschaft organisierten Bücherverbrennungen um den 10. Mai 1933 verbrannt wurden.

Nicht nur in Wasserburg, auch in München, Würzburg, Erlangen, Nürnberg, Regensburg und vielen kleineren Städten kam es zu solchen Aktionen. Berühmt wurde der solidarische Aufruf ‚Verbrennt mich!‘ des bayerischen Schriftstellers Oskar Maria Graf (1894-1967), der sich mit einigen seiner Werke auf der ‚Weißen Liste‘ der vom NS-Regime empfohlenen Bücher wiedergefunden hatte.

Daneben baute Joseph Goebbels (1897-1945) zielstrebig die Reichsschrifttumskammer zur totalen Zensurbehörde aus. Das ‚Reichskulturkammergesetz‘ vom 22. September 1933 ermöglichte die Kontrolle des gesamten kulturellen Lebens.

Zusammen mit dem antisemitischen ‚Gesetz zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre‘ vom 15. September 1935 war schließlich die Grundlage für alle Maßnahmen zur ‚Säuberung‘, Überwachung und Lenkung des gesamten Buchmarktes gelegt.

Das nationalsozialistische Deutschland verzichtete bereits am 10. April 1935 auf das Schmutz- und Schund-Gesetz der Weimarer Republik – in der von Goebbels und Adolf Hitler (1889-1945) unterzeichneten Begründung hieß es: ‚Der nationalsozialistische Staat besitzt im Kampf gegen schädliche Schriften jeder Art, nicht allein um die Jugend, sondern um das gesamte Volk vor diesen zu schützen, im Reichskulturkammergesetz und in den auf ihm beruhenden Einrichtungen der Reichsschrifttumskammer ein weit wirksameres Mittel, als es der liberale Staat in seinen Prüfstellen hatte.‘ (1)

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten versuchte die (mit ihren Vorläuferverbänden bereits seit 1922 existierende) Hitlerjugend (HJ) ihren Monopolanspruch auf dem Gebiet der Jugendarbeit zu realisieren.

Bis Mitte 1933 wurden alle anderen Jugendverbände bis auf die katholischen Organisationen (erst 1938 endgültig verboten) aufgelöst oder in die HJ eingliedert. Auch die Betätigungsfelder der HJJ wurden bis 1939 auf nahezu alle Lebensbereiche ausgedehnt. Ihr Bestreben, sich als Erziehungsinstanz durchzusetzen, fand im ‚Gesetz über die Hitlerjugend‘ vom 1. Dezember 1936 seinen Abschluss. Demnach war sie für die gesamte (‚körperliche, geistige und sittliche‘) Erziehung der Jugend außerhalb von Schule und Elternhaus allein zuständig, was das bestehende Spannungsverhältnis zu diesen weiter vertiefte. (2)

Auf späteren Ansichten des Stadtarchivs wandelt sich die Uniformierung der Wasserburger Hitlerjugend von einheitlicher Kleidung zur richtiggehenden Uniform.

Die angenommene Verbreitung der in Wasserburg durchgeführten Bücherverbrennung in Form einer Postkarte diente dem Zweck, den Kampf der Nationalsozialisten gegen ‚schädliche Schriften jeder Art‘ möglichst wirksam zu führen: Es wird Geschlossenheit gezeigt, kritische Betrachter der Szene, die vor Ort gewesen sein könnten als auch diejenigen, welche die Postkarten-Ansicht betrachten, werden eingeschüchtert.

Während andernorts (vor allem in größeren Städten) Studentenschaften die Bücherverbrennung durchführten, ist es in Wasserburg (mangels Studentenschaft) die Jugend, die stellvertretend für diesen Akt herangezogen wird. Als Grundlage für die symbolische Handlung im Verbrennungsakt wurde Aufstellung genommen und einem oder mehreren Rednern gelauscht (in unserer Bildquelle sind diese angenommenen Redner nicht sichtbar).

Ausgerufen wurde:

„1. Rufer: Gegen Klassenkampf und Materialismus, für Volksgemeinschaft und idealistische Lebenshaltung! Ich übergebe der Flamme die Schriften von Marx und Kautsky.

2. Rufer: Gegen Dekadenz und moralischen Zerfall! Für Zucht und Sitte in Familie und Staat! Ich übergebe der Flamme die Schriften von Heinrich Mann, Ernst Glaeser und Erich Kästner.

3. Rufer: Gegen Gesinnungslumperei und politischen Verrat, für Hingabe an Volk und Staat! Ich übergebe der Flamme die Schriften von Friedrich Wilhelm Foerster.

4. Rufer: Gegen seelenzerfasernde Überschätzung des Trieblebens, für den Adel der menschlichen Seele! Ich übergebe der Flamme die Schriften von Sigmund Freud.

5. Rufer: Gegen Verfälschung unserer Geschichte und Herabwürdigung ihrer großen Gestalten, für Ehrfurcht vor unserer Vergangenheit! Ich übergebe der Flamme die Schriften von Emil Ludwig und Werner Hegemann.

6. Rufer: Gegen volksfremden Journalismus demokratisch-jüdischer Prägung, für verantwortungsbewusste Mitarbeit am Werk des nationalen Aufbaus! Ich übergebe der Flamme die Schriften von Theodor Wolff und Georg Bernhard.

7. Rufer: Gegen literarischen Verrat am Soldaten des Weltkriegs, für Erziehung des Volkes im Geist der Wehrhaftigkeit! Ich übergebe der Flamme die Schriften von Erich Maria Remarque.

8. Rufer: Gegen dünkelhafte Verhunzung der deutschen Sprache, für Pflege des kostbarsten Gutes unseres Volkes! Ich übergebe der Flamme die Schriften von Alfred Kerr.

9. Rufer: Gegen Frechheit und Anmaßung, für Achtung und Ehrfurcht vor dem unsterblichen deutschen Volksgeist! Verschlinge, Flamme, auch die Schriften von Tucholsky und Ossietzky!“ (3)

Foto: Stadtarchiv Wasserburg – Bildarchiv, Sammelmappe IV e 2 (=„Drittes Reich“).
Fotograf: Unbekannt.

Quellen:
[1] Michael Stephan, Zensur (Altbayern und Bayern), publiziert am 31.01.2012; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Zensur (Altbayern und Bayern)> (17.01.2018)
[2] Tessa Sauerwein, Hitlerjugend (HJ), 1926-1945, publiziert am 09.10.2006; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Hitlerjugend (HJ), 1926-1945> (17.01.2018)
[3] Neuköllner Tageblatt. Nr. 111, 12. Mai 1933.

Das Programm in Wasserburg zum Tag der Archive am Samstag, 3. März, ab 10 Uhr:

10 bis 11 Uhr
Zugang zu Archivalien
Klar, das Archiv ist öffentlich zugänglich. Doch wie finde ich Quellen zu meinen Fragestellungen und wie kann ich mich dem Lesen alter Schriften nähern und diese sicher entziffern? Eine Einführung in die Benützung von Archiven.

11.30-13 Uhr
Bücherflohmarkt
Mehrfach vorhandene Buchwerke können beim Bücherflohmarkt erworben werden. Ebenso gibt es eine kleine ‚Kramkiste‘, aus der Bücher kostenlos mitgenommen werden können.

15 bis 16 Uhr
„Leibhaftige Fragmente“
Archivalien zur Geschichte der Hygiene in Wasserburg …
Franziska Honer und Matthias Haupt stellen originale Quellen des 19. Jahrhunderts aus dem Umfeld der „städtischen Reinlichkeitspolicey“ vor.

Eine Ausstellung zum früheren Umgang mit Hygiene ist ab 8. März im Museum Wasserburg zu sehen (wir berichteten bereits).

Weitere Infos: www.museum.wasserburg.de

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2 Gedanken zu „Der wichtige Blick ins Archiv

  1. Die Geschichte

    Eine wichtige Veranstaltung gegen das Vergessen – gerade in Zeiten rechtspopulistischer Umtriebe auch in unserer Heimatregion!

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  2. Interessanter Beitrag gegen das Vergessen. Kann mich meinem Vorredner nur anschließen, gerade jetzt müssen wir den wieder aufkeimenden Anfängen wehren!

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