Der Preis für die „Weißwurstjahre“

Theater Zwangsvorstellung aus Nürnberg in Wasserburg ausgezeichnet

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Das Theater Zwangsvorstellung aus Nürnberg erhielt am Wochenende im Theater Wasserburg den mit 4000 Euro dotierten Inszenierungspreis der 13. Wasserburger Theatertage. Die gekürte Produktion „Weißwurstjahre“ wurde im Anschluss an die Auszeichnung noch einmal gezeigt. 

Wolfgang Hauck, Vorsitzender des Verbandes Freie Darstellende Künste Bayern, stellte  es dem Publikum im Rahmen seiner Laudatio zur Wahl, ob es das Stück überhaupt sehen möchte – es wollte. Hätte es wenigstens drei Gegenstimmen gegeben, wäre das eine gute Möglichkeit für jeden im Raum gewesen, hinterher zu erklären, er hätte zu denjenigen Drei gezählt, die dagegen gewesen wären.

Als die Produktion im letzten Frühjahr auf den Wasserburger Theatertagen zu sehen gewesen war, hatte es bei Zeitungslesern, die sich das Stück zwar nicht angesehen hatten, sich aber auf die Rezension darüber beriefen, für Empörung gesorgt. Es war von „Geschmacklosigkeit“, „Blasphemie“ und „Schmierentheater“ die Rede.

Die Jury der Theatertage hatte befunden, es lohne sich, einen Blick hinter diese „vordergründig klamaukige“ Fassade zu werfen und das Nürnberger Kollektiv, in dem fränkische Kabarettisten und Musiker wie Matthias Egersdörfer und Bird Berlin mitwirken, dafür zu ehren, dass es sich Themen widmet ohne sich einem Publikumsgeschmack zu unterwerfen oder sich durch ein Tabu von scharfer Gesellschaftskritik abhalten zu lassen, so wie es die „Zwangsvorstellung“ in ihrer Selbstbeschreibung auch vorgibt: „Das Künstlerkollektiv mag es gerne böse, schmutzig und intensiv. Wenn es anfängt, weh zu tun, fühlt sich die Nürnberger Gruppe erst wohl und watet schnell weiter, bis die Akteure knietief im Dreck stehen und in menschlichen Abgründen baden können.“

„Weißwurstjahre“ befasst sich mit Missbrauchsfällen in kirchlichen Einrichtungen. Der Mut zu dieser Themenwahl und die Kunst, sich dabei auf einem schmalen Grat zwischen Abartigkeit und Poesie, zwischen Übelkeit und Katharsis zu bewegen, sei beachtenswert, wertete die Jury.

Wolfgang Hauck fasste diese Jury-Entscheidung in seiner Laudatio noch einmal zusammen und betonte, es würden keine Schulnoten für Inszenierungen vergeben, sondern inhaltliche Auseinandersetzungen gewürdigt, und gerade solche, die zu kontroversen Diskussionen führen. Claudia Schulz, Regisseurin und Autorin des Abends, nahm den Preis im Beisein zweier Kollegen des Kollektivs entgegen. Mit „Danke, ich muss jetzt ans Licht“ entschwand sie in die Technik. Nachdrücklicher Applaus am Ende der Vorstellung.

 

Foto oben: Wolfgang Hauck (links) übergibt die Urkunde an Claudia Schulz, Martin Fürbringer und Anders Möhl.

Foto: privat

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