Aus dem Tagebuch einer Königstochter

Eine historisch so bedeutende Woche steht bevor: November-Tage vor genau 100 Jahren

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Eine historisch so bedeutende Woche steht bevor – die Tag um den 7. /8. und 9. November vor genau 100 Jahren! Am kommenden Donnerstag vor einem Jahrhundert kam es auch dazu, dass sich drei bayerische Königstöchter bei Nacht und Nebel auf den Weg durch die Region machten, um den Gefahren für Leib und Leben in der Revolution zu entfliehen. Ausgangspunkt der Flucht war Schloss Wildenwart und angekommen sind sie dann in Hintergschwendt in der Gemeinde Aschau im Chiemgau.

Interessante Einblicke in die damaligen Geschehnisse geben Auszüge aus dem Tagebuch von Prinzessin Wiltrud von Bayern (Repro oben), das uns Josef Aiblinger aus Hintergschwendt zusammen mit mündlichen Überlieferungen zur Verfügung gestellt hat.

Die November-Revolution 1918 mit dem Sturz des bayerischen Königs Ludwig III (1845 – 1921) begann am 7. November in München. Das erklärte Zielt der Aufständischen um Kurt Eisner (1867 – 1919) – Mitglied der Unabhängigen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Deutschlands (USDAP) und bis zu seinem gewaltsamen Tod der erste, allerdings selbsternannte Ministerpräsident des Freistaats Bayern – waren die sofortige Beendigung des I. Weltkriegs und die Umwandlung des Staatswesens in eine parlamentarische Demokratie.

Begonnen hat die Flucht der drei Königstöchter Hildegard (37 Jahre), Wiltrud (34 Jahre) und Gundelinde (27 Jahre) nach den Aufzeichnungen von Prinzessin Wiltrud am 6. November.

An diesem Tag war Fliegeralarm in München und ein namentlich nicht bekannter Abgeordneter hat Prinzessin Hildegard Folgendes angeraten: „Wenn Ihr Sachen habt, die wertvoller seien, dann bringt sie in Sicherheit, denn jetzt wird es sehr ernst“. Am Mittag des 7. November bereitete sich Wiltrud auf kurzfristig zu erwartende Ereignisse vor indem sie ihre Gelder in Ordnung brachte und 3.000 Mark einsteckte, auch andere Wertsachen lagen bereit für ein rasches Weggehen.

Am Revolutionstag, 7. November, machten sich dann das Königspaar sowie seine Töchter und einige Begleiter mit zwei Autos auf den Weg vom unsicheren München nach Wildenwart. Das Auto mit den Prinzessinnen erlitt eine Panne in Ostermünchen, so dass ein nächtlicher Aufenthalt in Maxlrain erforderlich wurde und erst am 8. November vormittags kam durch Baron Redwitz ein Ersatzauto.

Über Bad Aibling (dort war Einquartierung des Grenzschutzes), Rosenheim, Neubeuern und Frasdorf wurde an einem trüben Tag Wildenwart erreicht, wo die Königsfamilie wieder zusammen war. „Trotz der Flucht und des winterlichen Hauses waren wir daheim und geborgen. Wir Übernächtigen ruhten nach Tisch aus, denn wir sagten uns: vielleicht müssen wir bald wieder fliehen“ – so die Aufzeichnungen von Prinzessin Wiltrud.

Mit dem örtlichen Baumeister Wolfgang Klampfleitner wurden Kleider von dessen Frau ausgesucht, als es wieder hieß „Fort, wir können hier nicht länger bleiben“.

Und weiter ist festgehalten: „Der Eltern Flucht sollte in zwei Autos vor sich gehen, man nannte mir Hintersee als ersten Aufenthalt, dann allenfalls Innsbruck“. Für die Prinzessinnen war vorgesehen, sie im Lazarett von Baron von Cramer-Klett in Hohenaschau aufzunehmen, dies lehnten sie jedoch ab, da sie den Cramer-Kletts keine Unannehmlichkeiten bereiten wollten.

Prinzessin Helmtrud war Pflegerin und weniger nervös, deshalb wurde sie ausgewählt, mit den Eltern zu gehen, zumal kein Arzt zu haben war. Wiltrud schlug dann vor, zusammen mit Hildegard und Gundelinde zu den Bauern zu gehen. Sie verabschiedeten sich tränenreich von ihren Eltern, ungewiss, ob man sich je wieder sehen wird und sie gingen vom Schloss in die benachbarte Ökonomie, kleideten sich dort so ein, dass sie nicht zu erkennen waren und der nassen Kälte trotzen konnten.

„Die eleganten Hüte, Pelzmäntel, Reisetaschen, Jaketts ließen wir zurück, behielten aber unsere Stadtkleider unter der Bauernkleidung der Wärme wegen an“, so in den Aufzeichnungen. Der Baummeister Klampfleitner packte noch drei Pfund Butter und einen Laib Brot in seinen Rucksack, ebenso wurde Gundelindes Schmuckkassette mitgenommen.

„Es war mehr als dämmrig im Freien, die Luft kühl, schwacher Lichtschein kam aus dem Ökonomiegebäude, das wir eben verlassen hatten und aus der Wirtschaft gegenüber. Von dort sollte uns Niemand sehen“ – gemäß diesen Aufzeichnungen kam das Prinzessinnen-Trio mit dem Baumeister unbemerkt aus dem Dorf. Der Baumeister sagte noch: „Hildegard ist mei Weib und ihr seids meine Kind“. Als Wegbeschreibung ist festgehalten: „Durch Nebel und Nacht nahmen wir den Weg über den Kollmann und die Priener-Brücke über die Höhen hinter Dösdorf, Leitenberg ließen wir rechts und Höhenberg links liegen und es ging dem Bärensee zu.“

Die Flüchtigen hatten keine Handschuhe, sie mussten frieren und Hildegard drückten die Schuhe arg, so dass sie Blutblasen bekam. Alsdann ging es ziemlich steil bergan durch den Wald, den Kreuzweg zur Abendmahlkapelle hinauf und eine Orientierung war schier unmöglich. In Vordergschwendt ging es an den Häusern vorbei, bei der Herbergssuche in Hintergschwendt wurden sie im ersten Haus abgewiesen (da Russen als Knechte im Haus), doch im Nachbarhaus machte der Baumeister eine Schulkameradin aus seiner Jugendzeit in Aschau ausfindig.

Und die Wirtin, Kathi Meier, genannt die „Belzin“ des kleinen Gasthofes Hintergschwendt richtete dann das Notquartier in zwei Zimmern her.

Am 9. November hüllte starker Nebel das Hochplateau ein, Prinzessin Wiltrud ging am nachmittag zum Feldkreuz hinauf (an dem sie später eine Erinnerungstafel anbringen ließ). Nur spärlich sickerten Gerüchte (die sich später als nicht wahr herausstellten) vom Schicksal der Familie und von den politischen Unruhen durch, unter anderem hieß es: „Die Residenz sei gegen Morgen geplündert worden, Wildenwart wird geplündert, Leutstetten stehe in Flammen“.

„Armut und Gelübde wie bei der Heiligen Elisabeth als sie verstoßen war ist jetzt unser Los“ – so das niedergeschriebene Gefühl von Prinzessin Wiltrud. Am 10. November war der 34. Geburtstag von Wiltrud, gut verkleidet ging sie mit Gundelinde und mit der Wirtstochter Nani (Anna) um 7 Uhr früh zum Hochamt nach Bernau hinunter.

An diesem Tag kam die Jungfer Josefa Zinsmeister über Wildenwart und durch den Baumeister nach Hintergschwendt, sie konnte die vortägigen Gerüchte zerstreuen und wichtige Sachen zum Anziehen bringen.

Am 19. November kehrten die drei Königstöchter wieder zurück nach Wildenwart, bereits einen Tag vorher war dort wieder das Königs-Paar angekommen. Hintergschwendt und die dortigen Gastgeber waren für die drei Prinzessinnen eine wichtige Bleibe auf Zeit, die gute Obhut blieb den Schwestern Wiltrud, Hildegard und Gundelinde in dankbarer Erinnerung.

Repro: Hötzelsperger

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