Auf zu neuen Ufern

Eine Abschiedsrede an eine Laufstrecke - Von Alex Rieger

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Er ist Wasserburger Bürgerspieler, mit seiner kleinen aber rührigen IT-Firma „Pixelempire” bekannt wie ein bunter Hund, bekennender Löwen-Fan (Wasserburg und München) und seit drei Jahren auch leidenschaftlicher Läufer. Alex Rieger aus dem Burgerfeld. Jetzt heißt es für ihn Abschied nehmen. Nein, nicht von Wasserburg, sondern von seiner heißgeliebten Laufstrecke. Eine Ode an den Inn und die Wege rund um die Stadt mit einem fast poetischen Ende. Von Alex Rieger …

„Ich bin kein Läufer, war nie einer, und werde auch nie einer sein“, so war meine feste Überzeugung noch im Jahr 2016. Doch kategorische Imperative haben – insofern sie nicht von Immanuel Kant sind – selten Bestand. Genau so änderte sich meine Meinung zum Jahreswechsel 2016/2017 als ich meiner Bierwampe den Krieg erklärt habe und angefangen habe zu Laufen.

Um das Laufen möglichst gut in den Alltag zu integrieren habe ich mir eine Strecke ausgesucht, die mich vom Kindergarten Gänseblümchen wieder zurück in das heimische Büro bringt. Die Strecke ist fünf Kilometer lang und kann beliebig verlängert, jedoch kaum verkürzt werden. Da ich ab nächster Woche jedoch kein Kindergartenkind mehr habe, war es heute an der Zeit, Abschied zu nehmen. In den letzten zwei Jahren bin ich diese Strecke sicherlich gut 150 Mal gelaufen, manchmal in Begleitung, meist jedoch allein. Diese Strecke hat mich laufen gelehrt, hier bin ich anfangs an jeder noch so kleinen Anhöhe verzweifelt, doch hier konnte ich auch jeden meiner Fortschritte spüren:

Der Startpunkt ist der Kindergarten Gänseblümchen in der Burgau. Unten angekommen schlängelt sich der Weg zuerst ein bisschen durch den Wald, es geht auf und ab, bis es dann schlussendlich nach fast zwei Kilometern direkt am Inn entlang geht. Nach zweieinhalb Kilometern erreiche ich zum ersten Mal das Kraftwerk und dachte mir meist „Gottseidank, die Hälfte ist geschafft“. Heute war ich dort fast ein bisschen wehmütig. Es geht weiter auf die Altstadt zu, vorbei am Inngarten vom Kindergarten Gänseblümchen bis nach drei Kilometern der Eisenbahntunnel erreicht wird, doch diesen lasse ich links liegen und arbeite mich weiter am Inn entlang bis zur Burg.

Die Treppen zur Burg hinauf waren immer eine Art subtile Folter, in den letzten Wochen bin ich sie dann auch hinaufgelaufen, Fortschritt durch Beständigkeit! Oben angekommen geht es dann die Schmidzeile herunter bis zur roten Brücke, fast vier Kilometer sind geschafft und an dieser Stelle habe ich immer nochmal die letzten Reserven mobilisiert denn die Blöße auf der Brücke langsam zu sein oder gar zu gehen anstatt zu laufen, die wollte ich mir nicht geben – auch in Wasserburg gilt „Sehen und gesehen werden“. Nach der Brücke geht es am Unterauer-Haus vorbei gleich wieder runter an den Inn, nochmal einen Kilometer entlang am Flussufer, vorbei an der Kapuzinerinsel, die einem in dieser Situation schon mal sehr lang vorkommen kann bis dann beim zweiten Antreffen des Kraftwerks endlich das erlösende „Distanz: Fünf Kilometer“ aus dem Handy schallt und mal wieder eine Laufeinheit mehr abgeschlossen ist.

Ich habe diese Stecke gehasst, wenn ich am Vortag mal wieder geschludert hatte und mich mit flauem Magen und Restalkohol aufgemacht habe. Ich habe diese Strecke geliebt, besonders im Spätherbst, wenn ich kurz nach Sonnenaufgang unterwegs war bei angenehmen zwölf Grad und sich die Herbstsonne magisch im Inn gespiegelt hat. Ich habe einiges erlebt, im Winter wenn ich vor lauter gefrorenen Pfützen nicht wusste, ob ich Schlittschuh laufe oder jogge; im Frühling als ich bei Hochwasser die Sperrung „meiner“ Strecke nicht hingenommen habe und knietief durch den Inn waten musste.

Jede Fitnessberatung sagt einem, dass man nicht immer die gleiche Strecke laufen soll, weil sich der Körper darauf einstellt und der sportliche Effekt reduziert, doch der Mensch ist ein Gewohnheitstier und ich erst recht. Auf dieser Strecke, auf der ich jeden Grashalm, jeden Kieselstein beim Vornamen kenne, habe ich meine persönliche Bestleistung über fünf Kilomter gelaufen, habe die Gedanken kreisen lassen, Musik gehört, gebetet und geflucht. Doch jetzt ist Schluss. Ab September muss ich mir eine neue Stammstrecke suchen, ich hoffe sie hat die gleiche Eleganz wie mein ganz persönliches Stück am Inn. Auf zu neuen Ufern!”

 

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7 Kommentare zu “Auf zu neuen Ufern

  1. Das ist das Schönste das ich je gelesen habe , Hut ab Alex Rieger !!! Ganz toll !!!

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  2. wunderbar, anregend und aufregend!!! ich werde es mir zu Herzen legen!!!
    Auf zu neuen Ufern und viel Erfolg!!!

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  3. Super nette Story 😊. Wie man hier 👎🏻 geben kann versteht wohl kein vernünftiger Mensch. Wem‘s nicht gefällt soll‘s einfach nicht lesen.

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  4. Nette, witzige Geschichte. Daumen hoch (-:

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  5. Kann mir bitte mal jemand erklären warum hier so viele 👎🏻 gegeben werden? Ich versteh das irgendwie nicht…..

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  6. Wolfgang Schmid

    @ A Ramerberger
    Weil Deppentum einfach nicht ausrottbar ist! 😉

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  7. “Kann mir bitte mal jemand erklären warum hier so viele 👎🏻 gegeben werden? Ich versteh das irgendwie nicht…..”

    Neid ,Gehässigkeit ,Mißgunst oder einem ist einfach nur fürchterlich Langweilig und er/sie/es braucht das .

    Karl Valentin soi moi gsogt ham “Des ignorieren ma ned amoi” ^ ^

    Und das ist ein schöner Bericht ich hab ihn gerne gelesen .. das gibt jetzt gleich noch mehr 👎🏻 😀

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