Alles hängt an einer Abbiegespur

Am Burgstall: Neuer Kindergarten für Wasserburg - Stadtrat gab gestern grünes Licht für die nächsten Schritte

Was hat eine Linksabbiegerspur auf einer Staatsstraße mit dem Bau eines neuen Kindergartens zu tun? Eine ganze Menge – zumindest in Wasserburg. Denn an einer neuen Verkehrsführung auf der Salzburger Straße hing bei der gestrigen Sitzung des Stadtrates die Errichtung weiterer, dringend benötigter Kindergarten- und Krippenplätze in der Stadt – quasi wie an einem seidenen Faden. Mit überwältigender Mehrheit beschlossen die Räte dann aber, dass die Stadt die 400.000 Euro für den Bau der Abbiegespur auf der Straße zwischen dem Autohaus MKM Huber und dem Großmarkt Singer in Richtung Magdalenenberg (siehe Grafik) übernimmt.

Sie gaben damit nicht nur grünes Licht für einen beantragten Kirchenneubau (wir berichteten), sondern auch für den angegliederten, neuen Kindergarten. Für Letzteren will das Straßenbauamt Rosenheim zahlreiche verkehrsrechtliche Auflagen erlassen. Kern der Forderungen aus Rosenheim: Auf der vielbefahrenen Münchner Straße muss eine Spur für Linksabbieger her, damit es zu keinen langen und gefährlichen Staus von der Altstadt in Richtung Penzing und B304 kommt – an einer Stelle, die ohnehin wegen der großen Tankstelle und der umliegenden Supermärkte und eines Baumarktes recht unübersichtlich ist.

Der Antragsteller, das Advent-Wohlfahrtswerkes, das Sozialwerk der Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten, wurde gestern durch deren Pastor und Projektleiter Frederik Woysch vertreten. Der Stadttrat erteilte ihm Rederecht und dieses nutzte Woysch, um das Projekt näher zu erläutern: „Wir wollen uns da als Kirche nicht aus unserer sozialen Verantwortung stehlen und die finanzielle Last alleine der Stadt überlassen. Das Straßenbauamt fordert allerdings nicht nur die Abbiegespur, sondern auch noch Kurzzeitparkplätze, den Ausbau des Magdalenenweges und Lärmschutzmaßnahmen: „Dafür müssen wir rund 260.000 Euro in die Hand nehmen, die im ursprünglichen Projekt, dem Kirchenneubau, nicht eingeplant waren. Auch, wenn es sich rein um Spendengelder handelt, tun wir das für den Kindergarten gerne. Dann ist aber leider das Ende der Fahnenstange erreicht. Mehr können wir einfach nicht leisten. Die 400.000 Euro für die geforderte Abbiegespur können wir beim besten Willen nicht mehr aufbringen.”

Nachdem Bürgermeister Michael Kölbl zuvor den Stadtrat in Sachen Kirchenneubau und Errichtung des Kindergartens am Burgstall auf den neuesten Stand gebracht hatte, gab es zahlreiche Wortmeldungen.  Bettina Knopp (Grüne): „Zwei Herzen schlagen da in meiner Brust. Natürlich brauchen wir den neuen Kindergarten, aber 400.000 Euro für den Autoverkehr in der Stadt in die Hand zu nehmen, das ist auch nicht ganz einfach.” Sie könne sich dennoch mit dem Projekt anfreunden, wenn beim Ausbau der Straßen und Wege im Rahmen des Neubaus ausreichend an die Radfahrer und Fußgänger gedacht werde.

 

Josef Baumann (Freie Wähler Reitmehring) wollte wissen, wie der tatsächliche Bedarf an Kindergartenplätzen aktuell zu bewerten sei und wie sich dieser aller Voraussicht nach entwickle. Er befürchte zudem, dass sich die Lage des neuen Kindergartens als nachteilig erweisen könnte: „Das ist für die Eltern aus Babensham und Eiselfing prima, wenn sie morgens in die Stadt reinfahren, können sie ihre Kinder da oben praktisch und unkompliziert auf dem Arbeitsweg parken. Wir zahlen da als Stadt Wasserburg quasi für die Nachbargemeinden.”

Bürgermeister Kölbl erklärte darauf, der Bedarf sei bereits spätestens seit einer Erhebung von 2018 klar festgestellt. „Der ist absolut gegeben. Bei allen Plänen lagen wir bisher mit den Zahlen stets unter dem tatsächlichen Bedarf. Es ist klar: Den Kindergarten brauchen wir. Der Antrag der Adventgemeinde kommt uns entgegen.”  Ein Alternativgrundstück stehe innerhalb der Stadt nicht zur Verfügung. „Und selbst, wenn wir einen anderen Standort fänden, wird die Wirtschaftlichkeit des Gesamtprojektes durch die hohen Grundstückspreise sicherlich nicht besser.” Bei der Vergabe der Kindergartenplätze könne man festlegen, dass zunächst Kinder aus der Stadt bevorzug würden.

Friederike Kayser-Büker (SPD) wollte wissen, an welchen Werte-Kanon (wir berichteten) sich die Adventgemeinde halte und ob gewährleistet sei, dass Kinder und Erzieher aller Religionen und aller Familienkonstellationen dort ihren Platz finden könnten, was Pastor Frederik Woysch zusicherte.

Georg Machl (CSU) sagte, er sei nicht besonders glücklich darüber, dass die Stadt die neue Abbiegespur alleine bezahlen solle. „Allerdings sehe ich die Notwendigkeit des neuen Kindergartens natürlich ein. Und wir dürfen auch nicht außer Acht lassen, dass mit dem verkehrstechnischen Ausbau des gesamten Areals dort oben auch der Stadtteil Burgstall aufgewertet wird.”

Elisabeth Fischer (ebenfalls CSU) fragte nach, ob die anderen Träger für Kindergärten in der Stadt mit einbezogen seien, um nicht unnötige Konkurrenzsituationen heraufzubeschwören. Auch dies konnte Woysch bejahen. „Wir haben unter anderem sehr früh das Gespräch mit der katholischen Pfarrgemeinde gesucht und sind da in engem Kontakt.”

Ein klares Ja gab es von Woysch auch auf die Frage von Heike Maas (CSU), ob der neue Kindergarten so geplant sei, dass man ihn bei weiterem Bedarf auch noch ausbauen könnte.

Bedenken von Dr. Hermann Budenhofer zerstreute Bürgermeister Michale Kölbl. Der Stadtrat der Freien Wähler-Reitmehring hatte gefragt, was denn passiere, wenn der Träger nach ein paar Jahren seine Meinung ändere und keinen Kindergarten mehr betreiben will, man also auf den Kosten für den Straßenausbau sitzen bleibe. Darauf das Stadtoberhaupt: „Das kann und wird vertraglich so geregelt, dass der Antragsteller dann gewährte Forderungen zurückzahlen muss.”

Letztlich stimmten 23 Stadträte dafür, maximal 400.000 Euro für den Ausbau der Abbiegespur bereitzustellen. Nur Josef Baumann stimmte dagegen. Die Adventgemeinde will jetzt die Planungen vorantreiben und dabei auch auf die Ökologie des Baukörpers (eine Forderung von Norbert Bourtesch, Bürgerforum) achten. So ist eine Photovoltaik-Anlage und viel Grün auf dem Dach geplant. „Im Verhältnis zu unserem alten Kirchenbau sind wir energietechnisch natürlich trotz des größeren Gebäudevolumens viel effektiver”, versicherte Woysch, der einen Baubeginn für Frühjahr 2022 in Aussicht stellte – „wenn alle noch ausstehenden Genehmigungsverfahren reibungslos verlaufen.”

Entstehen werden 50 Kindergarten- und zwölf Krippenplätze.

 

HC

 

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15 Kommentare zu “Alles hängt an einer Abbiegespur

  1. Ganz ehrlich… 400.000 für eine Abbiegespur? Und die bestehende Waldgruppe wurde damals im Regen stehen gelassen. 5000 Euro einmaliger Zuschuss dann nichts mehr. Dadurch wurden die Rahmenbedingungen für Erzieher und Eltern dermaßen schlecht, dass das Projekt eigentlich von Anfang an keine Chance hatte. Hätte hier die Stadt mal ein wenig Geld in die Hand genommen und evtl. eine Trägerschaft übernommen, hätte eine wunderbare Naturgruppe entstehen können. Der Platz am Hesseweiher ist so schön. Passt nicht zu ihrem Konzept war die Aussage damals. Dann frage ich mich, ob dieses Konzept noch zeitgemäß ist und die Vorstellungen, wie ein Kindergarten auszusehen hat, etwas eingerostet sind. Schaut euch doch um in den umliegenden Gemeinden… Draußen zu sein hat einen großen Einfluss auf die psychische und körperliche Gesundheit von Kindern. Gerade in Hinblick auf Bewegungsmangel, übermäßigen Medienkonsum und zunehmenden Infektionskrankheiten.

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  2. 400.000€ für eine Abbiegespur-Respekt!!!
    Aber eine kostengünstigere Variante, umweltfreundlicher, pandemiefreundlicher und pädagogisch wertvoll, ist nach wie vor für die Stadt Wasserburg nicht vorgesehen-ein Naturkindergarten…. dazu bräuchte man keine Abbiegespur ins grüne…. da fehlen einem die Worte
    In allen umliegenden Gemeinden klappt es, die Wasserburger investieren lieber in eine Abbiegespur

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  3. aus dem Burgerfeld

    Wenn der Bedarf schon 2018 festgestellt wurde, warum hat man dann seitdem nichts unternommen? Zum Glück fangen die Babenshamer die Kinder auf, die in Wasserburg keinen Krippen- oder Kindergartenplatz bekommen haben. Die sind auf den Kindergarten, der erst noch gebaut, erschlossen und irgendwann in Betrieb genommen werden muss gar nicht angewiesen.

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  4. Weil sie da schon die Adventgemeinde in Aussicht hatten. Die Stadt wäre ja schön blöd, selbst was anzugehen wenn sich ein anderer Träger findet. Die müssen dann selbst zusehen wie sie an Gelder kommen. Da kommt nicht viel von der Stadt. Meiner Meinung nach wären sie da schon längst in der Verantwortung gewesen, was auf die Beine zu stellen.

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  5. Weil sie da schon die Adventgemeinde in Aussicht hatten. Die Stadt wäre ja schön blöd, selbst was anzugehen wenn sich ein anderer Träger findet. Die müssen dann selbst zusehen wie sie an Gelder kommen. Da kommt nicht viel von der Stadt. Meiner Meinung nach wären sie da schon längst in der Verantwortung gewesen, was auf die Beine zu stellen.

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  6. Ich glaube nicht das Wasserburg zu befürchten hat, das Eiselfing bzw. Bomsham ihre Kinder nach Wasserburg bringen. Meines wissens fahren aber Wasserburger ihre Kinder nach Soyen bzw. Babensham im denen ihrer Waldbezogenen Kindergartengruppen. Des Weiteren werden Waldgruppen in Eiselfing und Schonstett im Sommer neu eröffnet.
    Aber wie oben beschrieben passt eine Waldgruppe nicht zu der Stadt Wasserburg und ihren Kindergartenkonzept.

    Ich weiß ned, aber für 400000 Euro hätte man einige Waldgruppen und ihre Schutzräume ausstatten können.

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    1. Das bleibt ja nicht bei 400000, da kommen noch 2 Mill Baukostenzuschuss und später der gesetzliche Anteil am Personal.

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  7. Oh Mann… Ich kann es einfach nicht glauben dass 400.000 Euro für eine Abbiegespur ausgegeben werden können und andere Projekte mit Kindern als “Präzedenzfall”
    abgetan wurden.

    Das ist einfach nur noch frustrierend und es verwundert mich doch tatsächlich wie hier gedacht (oder auch nicht gedacht) wird. Für dieses Geld könnte man doch schon fast einen eigenen Kindegarten bauen.
    Aber wer will den schon betreiben… Kindergärten machen keine Gewinne, sie kosten nur Geld und sind Verwaltungsaufwand.
    Ich bin traurig und schockiert was Kinder wert sind. Nichts. Was ist mit dieser Welt nur gerade los!?!

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  8. * kernzlsepp, was Sie nicht alles wissen. Meines Wissens hält sich die Stadt vornehm zurück bei Deckungslücken der nicht städtischen Kitas in Wasserburg! Und es ist die Pflicht der Kommune ausreichend Kitaplätze zur Verfügung zu stellen, gemäß einer zu erfüllenden Quote! Vielleicht waren ja auch ihre Kinder Nutznießer dieser Vorgaben
    Schade dass Kinder oft so wenig Lobby haben.
    P S. Einen Waldkindergarten fände ich schon auch sehr erstrebenswert

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  9. …. da ist die Stadt Wasserburg wohl auch auf einer sehr komischen Spur abgebogen…. immer weiter weg vom familienfreundlichen (bzw. Kindernahen) Weg
    Sehr schade dass auch die aktuelle Pandemie, die Stadt, in Bezug auf Kinderbetreuung nicht zum Umdenken gebracht hat!

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  10. gestern mitten dabei...

    Wichtig zur Einordnung der 400.000 Euro sind noch folgende Informationen: Der Burgstall gehört grundsätzlich erschlossen. Regelmäßige Unfälle auf der Staatsstraße, die Müllabfuhr kann nicht richtig einbiegen, Begegnungsverkehr für diesen kleinen Stadtteil ist nicht möglich. Daher wäre diese Baumaßnahme eh über kurz oder lang auf uns zugekommen.

    Und: In WS alternative Flächen zu finden, an denen ein dreigruppiger Kindergarten entstehen kann, ist aktuell so gut wie unmöglich. Und wenn dann, wären die Grundstückspreise ein vielfaches dieser 400.000 Euro.

    Das finanzielle Engagement der Adventgemeinde führt dazu, dass die Kosten für die Stadt geringer ausfallen, als müsste die Stadt das gesamte Projekt stemmen.

    Auch wenn es wehtut, ist es eine richtige, weil die kostengünstigste und nachhaltigste Entscheidung zur Mittelverwendung. Eine echte WIN-WIN-Situation…

    Von daher relativieren sich manche der Kommentare. Wir haben es uns gestern nicht leicht gemacht.

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  11. Mit oder ohne Kindergarten, eine Abbiegespur ist dort schon längst fällig! Am besten wäre noch eine Geschwindigkeitsbegrenzung, denn nicht selten rasen manche mit 130 km/h die Straße rauf und runter.
    Zur allgemeinen Sicherheit wär auch ein Fußgängerüberweg sinnvoll.

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  12. Ich glaube es geht auch nicht darum dieses Projekt schlecht zu reden. Die Stadt wäre blöd es nicht zu machen. Die Plätze werden dringend benötigt. Das ist längst überfällig und kommt eigentlich viel zu spät.. in den letzten Jahren haben viele Wasserburger Kinder keinen Platz bekommen. Und als sich Eltern zusammengetan haben um einen Naturkindergarten zu schaffen, wurde man mit großer Skepsis behandelt. Man wurde zum Bittsteller.. dabei hatte die Stadt es doch längst übersehen Kindergartenplätze zu schaffen.

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  13. Die Abbiegespur und der Kindergarten kann ja gerne am
    Burgstall entstehen, das eine schließt das andere aber trotzdem nicht aus! Es fehlt meines Erachtens in Wasserburg ein naturnaher Kindergarten, der in den letzten Jahren immer mehr an Beliebtheit bei Kindern und Eltern gewonnen hat! Was spricht dagegen ein solches Projekt anzugehen? Die Investitionskosten belaufen sich mit absoluter Sicherheit in einem kleineren Rahmen- es wäre ja schon einiges vorhanden dass man sich zu nutzen machen könnte!
    Zudem bezweifle ich dass die neu gewonnenen Plätze am Burgstall für die Zukunft ausreichen….. auch stellt sich die Frage wann der geplante Kindergarten öffnen wird? Es geht um JETZT und da wäre eine naturnahe Einrichtung auch eine schnelle Lösung (und kostengünstiger) zumindest für den Übergang!!!

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  14. Nachdem die Stadt Wasserburg bereits mit geringen Kosten im Bereich von Staatsstraßen im Stadtgebiet drei Kreisverkehre gebaut hat, wäre diesmal der Freistaat Bayern als Baulastträger auch einmal wie in anderen Gemeinden am Zug. Insbesondere ist gerade in diesem Bereich eine schwierige Kreuzung zum Gewerbe- und Einzelhandelsgebiet an der Salzburger Straße, sodass man durchaus hier überlegen kann einen Kreisverkehr zu errichten. Dann wäre vielleicht auch möglich,den Burgstall über die Achatzstraße an diesen Kreisverkehr anzuschließen. Dies wäre ein winwin Situation für alle. Verkehrssicherheit, Geschwindigkeitsreduzierung, neue sichere Erschließung des Burgstall sowie Rückbau der alten Erschließung wären nur ein paar Vorteile die mir spontan einfallen. Gleichzeitig könnten die in den Kreisverkehr einmündenden überbreiten Straßen teilweise zu Gunsten von Grünflächen zurückgebaut werden.Ich gehe davon aus, dass das Straßenbauamt bereits eine solche Maßnahme und deren Machbarkeit untersucht hat. Falls ja würde mich ein Einblick in diese Studie sehr interessieren.

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