120 stolze Gesichter

Wir haben die Fotos von allen Wasserburger Abiturienten

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Am Freitagabend fand die Abiturfeier des Luitpold Gymnasium in Wasserburg statt (wir berichteten). 120 fesch herausgeputzte junge Damen und Herren bekamen von Direktor Peter Rink in der Badria-Halle ihre Zeugnisse überreicht. Wir haben Bilder von allen 120 Abiturienten und die Rede des Schulleiters in vollem Umfang:

 

Die Abiturrede 2018 von Direktor Peter Rink in vollem Umfang:

<< Liebe Abiturientinnen, liebe Abiturienten,

heute ist für Euch ein großer Tag und deshalb begrüße ich Euch auch zuerst, bevor ich alle anderen begrüße. Ich freue mich mit Euch, dass Ihr alle, die Ihr hier vor mir sitzt, die Prüfung zur Allgemeinen Hochschulreife bestanden habt, das ist, wie Ihr selbst habt erfahren müssen, nicht selbstverständlich, wie man meinen könnte, denn es setzte Anstrengung, Ausdauer und Bemühung voraus. Aber bei Euch sind 120 in die Prüfung gezogen und alle 120 haben bestanden. Das freut mich sehr, zeigt es doch, dass man Prüfungen auch bestehen kann, wenn man sich anstrengt. 18 unter Euch haben ein richtiges „Einserabitur“, haben also ein Ergebnis von 1,5 und besser erzielt. Das freut mich auch sehr!

 

Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich begrüße sehr herzlich den stellvertretenden Landrat Huber, den zweiten Bürgermeister der Stadt Wasserburg Werner Gartner mit seiner Frau, ich begrüße den Bürgermeister der Gemeinde Schonstett, Herrn Josef Fink mit seiner Frau, den Bürgermeister der Gemeinde Soyen, Herrn Karl Fischberger mit Frau, den Bürgermeister der Gemeinde Ramerberg, Herrn Georg Gäch, den Bürgermeister der Gemeinde Eiselfing, Herrn Georg Reinthaler, den stellvertretenden Bürgermeister der Gemeinde Amerang, Herrn Linner.

Ich begrüße den Ministerialbeauftragten für die Realschulen in Oberbayern-Ost, Herrn Wilhelm Kürzeder, ich begrüße die Schulleiter der benachbarten Schulen, Herrn Gerhard Heindl von der Berufsschule Wasserburg, die Leiterin der FOS/BOS, Frau Claudia Romer und Frau Dirschl, die stellvertretende Schulleiterin der Realschule. Ich begrüße ganz besonders Pfarrer Holger Möller von der evangelischen Gemeinde Wasserburg und ich begrüße sehr herzlich die Vertreter der Presse.

Ich freue mich auch, dass der stellvertretende Vorsitzende der Studiengemeinschaft Luitpoldiana, Herr Hannes Hain bei uns ist. Das Zusammenwirken mit der Luitpoldiana ist für die Schule ein wichtiges Symbol. Ich freue mich auch über die Anwesenheit unserer Elternbeirat mit dem Vorsitzenden Sebastian Weger. Die Zusammenarbeit mit dem Elternbeirat funktioniert seit Jahren hervorragend und dafür bin ich im Interesse der Schule sehr dankbar.

Liebe Eltern, liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Freunde des Luitpold-Gymnasiums Wasserburg, ich freue mich sehr, dass Sie alle zu unserer Abiturfeier gekommen sind, zeigt es doch, dass auch Sie alle mit unseren Abiturienten heute feiern wollen. Das finde ich sehr schön.

 

Im vergangenen September zog in Lissone, einer Mittelstadt mit knapp 50.000 Einwohnern in der Lombardei in der Nähe von Monza, eine Frau alleine vor den Traualtar. Sie hatte sich selbst versprochen, bis zu ihrem 40. Geburtstag zu heiraten und nachdem der richtige Mann sich nicht einfinden wollte, heiratete sie sich nunmehr selbst. Zu ihrer Hochzeit lud Laura Mesi zirka 70 Gäste ein. Die Fitnesstrainerin Laura Mesi folgte damit einem Trend, der in Japan bereits eine Marktlücke zu sein scheint. Dort hat ein Unternehmen sich auf Singlehochzeiten spezialisiert.

Was heißt das für uns, für euch, an diesem Tage, an dem Ihr die Schule verlasst und Euch neuen Ufern zuwendet?

Alexa Phazer (später Alexa Feser) hat vor zehn Jahren einen Song geschrieben, der heißt: „Ich heirate mich selbst“.

„Ich find mich gut so wie ich bin und hab mich halt in mich verknallt … ich mag mich, mag mich gar so sehr, ich brauch gar keinen anderen mehr!“

Ich finde, dieser Trend der Singlehochzeit sagt mehr über unsere Welt als wir glauben mögen.

Ist unser ego so groß, dass niemand sonst mehr in unserer Welt Platz hat? Wie oft höre ich den Satz: „Ich muss jetzt auch mal an mich denken!“ Ich beobachte bei nicht wenigen Menschen, dass auch die zur Schau getragene Nächstenliebe im Grund eine Funktion der Selbstliebe sein könnte. Nicht selten wollen Menschen noch perfekter werden: perfekter aussehen, perfekter angezogen sein, perfekter auf andere wirken. Woran können andere sehen, dass ich mich selbst liebe? Indem ich immer attraktiver und effektiver werde.

Zur Attraktivität gehört natürlich das gesunde Leben. Deshalb trinken wir keinen Kaffee, sondern Kräutertee, vermeiden Fleischkonsum und effektivieren unsere Beziehungen. Wir versuchen einfach uns bewusst zu werden, wie wir leben.

Viele wollen aus ihrem Leben das Maximum herausholen. Das Leben wird so zu einer Erlebnishetze. Es gibt aber so viele Informationen, dass wir müde sind von so viel Information und wir wollen unsere Ruhe – beschäftigen uns nur noch mit uns selbst.

Dazu ist es dann natürlich erforderlich, dass man sich nicht untreu wird. Man traut sich ja auch nicht so recht über den Weg. Mit Hilfe von Selbstoptimierung kann man das Ganze besser kontrollieren: Mit Hilfe von Sensoren, Programmen und Apps.

So zählt man seine Schritte, die Kalorien, am Computer kann man die Effektivität seiner Arbeit überprüfen und auch die Schlafphasen messen.

So entwickelt sich das ganze Leben zum Hochleistungssport, sozusagen ein Wettlauf letztendlich gegen sich selbst. Dabei kann man aber letztlich nur verlieren, selbst dann, wenn man sich selbst dahingehend täuscht, dass man gewonnen habe.

Ursache für diesen Perfektionierungs- und Effektivierungswahn scheint mir eine große Unsicherheit vieler Menschen zu sein, die dann in eine Harmoniefalle tappen. Man will, weil man sich unsicher ist, sich selbst vergewissern und löst eine Harmonisierungswelle bei sich selbst aus. Eine konstruktive Streitkultur bedarf nämlich eines Fundamentes der Sicherheit. Wer keine Identität, man könnte auch sagen, keine geistige Heimat, hat, läuft schnell allem nach, was ihm begegnet und hofft so, sich dessen zu vergewissern, was ihm fehlt.

So ist das auch mit der Globalisierung und der Digitalisierung.

Warum fahren wir denn so gerne in andere Länder? Sind wir nicht fasziniert von der anderen Kultur, finden es schön, dass die Italiener oder Griechen anderes essen, einen anderen Lebensstil pflegen? Den wollen wir gar nicht nach Deutschland bringen, aber mal so 14 Tage in die andere Kultur eintauchen, das hat was. Und wenn wir abends zum Italiener oder Spanier oder Griechen gehen, dann sagen wir nicht selten: „Es ist wie im Urlaub!“

Jetzt stelle man sich vor, wir hätten weltweit eine Multi-Kulti-Einheitskultur, beim Essen, beim Wohnen, beim Arbeiten. Dann gäbe es nichts faszinierend Fremdes mehr. Dann wäre alles heimisch und gleichzeitig doch fremd, ja unheimlich. Wir brauchen nämlich das Heimische, damit wir das Fremde als bereichernd empfinden können. Sonst wäre das alles ein kultureller Einheitsbrei, der jedwede Vielfalt zerstört, oder wie es der frühere Bundespräsident Roman Herzog einmal sagte: „Vielfalt ist der Gegensatz von Einfalt“.

Natürlich ist das alles anstrengend und nicht jeder wird in gleicher Weise damit gut fertig.

Dass Digitalisierung außerdem die Privatsphäre zerstören können, ist, denke ich, evident. Wenn ich mein smartphone einschalte, bin ich „online“, überwacht. Viele Programme schreiben exakt mit, wo ich mich wann aufgehalten habe, über andere smartphones ist relativ leicht nachvollziehbar, mit wem ich gesprochen habe und dann weiß man auch sehr schnell, was ich denke und wie.

Das erhöht die Unsicherheit und so bin ich dann nur noch bereit, laut zu äußern, was ungefährlich ist, keinen Widerspruch hervorruft, ich werde also „political correct“.

Wenn wir uns nur mit uns selbst beschäftigen, können wir auch dem Trugschluss aufsitzen, als ob wir immer das Richtige denken, tun. Und dann besteht die Gefahr, dass die tägliche Selbstvergewisserung Maß und Richtschnur unseres Handelns wird.

Dabei geht dann allerdings die konstruktive Streitkultur verloren. Der Sportjournalist Marcel Reif hat in der vergangenen Woche in der Rheinischen Post beklagt: „Die Kritikkultur in Deutschland ist einfach total kaputt!“. In den sozialen Medien könnten sich die Menschen anonym „auskotzen“. Beleidigungen und Schmähungen träten an die Stelle sachlicher Auseinandersetzung und Marcel Reif schließt fast pessimistisch: „Gegen die anonyme Masse im Internet hast Du keine Chance“.

Die anonyme Verächtlichmachung Anderer hat in Deutschland leider Tradition: In der NS-Zeit publizierte „Der Stürmer“ regelmäßig anonymisierte denunziatorische Nachrichten über Menschen, was nicht selten zu deren Verhaftungen führte. Und auch das Begrüßen war nicht frei von Fallstricken: Wer in der NS-Zeit „Grüß Gott“ sagte, galt als Widerstandskämpfer, war von vorne herein verdächtig. Auch heute sind bestimmte Begrüßungsformeln negativ konnotiert.

Ich möchte Euch, die Ihr nun nach acht Jahren am Gymnasium nicht nur die Schule, sondern nicht selten auch das Elternhaus verlasst und damit einen neuen Lebensabschnitt in mehrererlei Hinsicht vor Euch habt, einladen, Euch kein X für ein U vormachen zu lassen. Verführer gibt es in unserer Gegenwart viel zu viele.

Winston Churchill war ein erbitterter Gegner der Appeasement-policy des britischen Premiers Chamberlain. Das Nachgeben gegenüber den Nazis um jeden Preis hat er angeklagt. „An appeaser is one, who feeds a crocodile, hoping, it will eat him last“, wird Churchill zugeschrieben.

Das Krokodil ist allerdings nicht wählerisch, sondern frisst alles, was es finden kann, wenn es Hunger hat. Es kennt auch kein Mitleid mit den Verständnisvollen. Vielleicht hat ja das Krokodil eine schwere Kindheit gehabt, ist gedemütigt worden und was es nicht alles an Gemeinheiten gegenüber Menschen gibt. Das alles interessiert das Krokodil nicht, es frisst Dich trotzdem.

Als Kind habe ich mit Leidenschaft Michael Endes Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer gelesen und im Fernsehen in der Augsburger Puppenkiste angeschaut. Dort überwinden Jim Knopf und die Prinzessin Li Si den bösen Drachen Frau Mahlzahn, töten ihn aber nicht und so kann er sich zum Goldenen Drachen der Weisheit verwandeln.

Das wäre wohl nicht gelungen, wenn Jim und Li Si für den Drachen endloses Verständnis aufgebracht hätten – nein: sie mussten das Böse in Frau Mahlzahn ein für allemal bekämpfen.

Auch Ihr werdet in Eurem Leben mancher Prüfung gegenüberstehen. Das wird dann nicht immer einfach sein. Ihr müsst Euch dann nämlich entscheiden: Mut zeigen oder sich unterwerfen?

Vor zwei Jahren las ich das Buch „Die Unterwerfung“ von Michel Houellebecq. Vor drei Wochen habe ich die Verfilmung mit Edgar Selge gesehen. Der Titelheld hat keine Werte mehr, für die es sich zu sterben lohnt, folglich unterwirft er sich und er wird für den vollständigen Kotau mit Geld und einem schönen Domizil belohnt. Dafür durfte er seinen Charakter und seine eigene Meinung abgeben – er hat sich unterworfen.

Neulich stieß ich in einem Buch von Robert Pfaller auf die Frage: „Wofür würden Sie sich hängen lassen?“ und die Frage hinterließ bei mir Verlegenheit, Ratlosigkeit. Was ist es wert, dafür oder dagegen zu kämpfen. Wir leben in einer Zeit materiellen Wohlstandes, da wird die Frage nach den Werten anscheinend immer weniger wichtig.

Unsere Schule hatte stets das ethische Ziel, Euch dabei zu helfen, selbstständige, mündige Bürger zu werden, Bürger, die sich nicht hinters Licht führen lassen, die urteilen können und das auch wollen, die sich beteiligen an einem Gemeinwesen, dieses mitgestalten wollen.

Wie gesagt, wofür würdet Ihr Euch hängen lassen?

Der Onkel meiner Frau, Philip von Boeselager, hat im Frühsommer 1944 für Claus Graf Schenk von Stauffenberg eine Bombe gebaut, damit dieser Hitler töten konnte. Onkel Philipp ist nie entdeckt worden, aber er war bereit, für diese Aktion zu sterben.

Wir leben heute in Freiheit und doch gibt es untrügliche Anzeichen, dass unsere Freiheit beschnitten werden könnte oder wir sie selbst gar beschneiden. Bundeskanzlerin Merkel sagte vor knapp drei Jahren, dass eine bestimmte politische Entscheidung „alternativlos“ gewesen sei. Wenn Entscheidungen „alternativlos“ sind, hat man leider auch nicht mehr die Möglichkeit, kritisch darüber nachzudenken. Am 9. April konnte ich bei Frank Plasberg in einer talk-show eine Diskussion zwischen Hamad Abdel Samad und Enissa Amani beobachten, in der Hamad Abdel Samad zu Enissa Amani sagte: „Ich teile Ihre Meinung nicht, darf ich meine äußern?“ und Enissa Amani antwortete: „Nein, denn meine ist die richtige!“

Wenn es nur eine richtige und viele falsche Meinungen gibt, dann ist diese Meinung alternativlos, dann sind wir aber auf dem Wege, die pluralistische Gesellschaft zu verlassen, dann nähern wir uns zumindest gedanklich einer Diktatur.

Und ich möchte Euch bitten, darüber nachzudenken, was wir tun, wenn wir bestimmte Gedanken nicht zulassen. Lasst uns nicht alternativlos denken, keine richtigen und falschen Meinungen erwägen – lasst uns trefflich streiten, immer in dem Bewusstsein, dass auch wir irren können. Nur in der Auseinandersetzung, in einer kritischen Streitkultur, ist es möglich, gute Lösungen zu finden. Dafür muss man aber den Mut haben, abseits vom main-stream zu denken und darf sich nicht der Mehrheit unterwerfen wollen.

Max Weber hatte die Begriffe „Gesinnungsethik“ und „Verantwortungsethik“ entwickelt. Wir brauchen natürlich eine solide Gesinnungsethik, aber wir dürfen uns Lösungen nicht verschließen, nur weil sie unserer Gesinnung nicht 100-prozentig entsprechen.

In diesem Sinne: Habt Mut, etwas Abwegiges zu denken und zu formulieren, habt Mut zu einer konstruktiven Streitkultur. Dies ist eine Tugend, die wir von den Griechen übernommen haben.

Und 480 v. Chr. fand die berühmte Seeschlacht von Salamis statt; als es darum ging, die griechische Streitkultur gegen die Unterwerfungskultur der Perser zu verteidigen, ein sehr wichtiges Ereignis der abendländischen Geschichte.

In diesem Sinne: Habt Mut, das, was Ihr als richtig und gut erkannt habt, zu verteidigen, aber lasst Euch nie das Recht nehmen, Eure Meinung zu ändern, auch das ist die Grundlage einer freiheitlichen Gesellschaft. Aber unterwerft Euch nicht und begegnet allen mit kritischem Respekt, auch wenn sie eine andere Auffassung haben. Denn diese freiheitliche Gesellschaft werdet Ihr in der Zukunft verteidigen müssen. Und das geht mit dem Grundsatz von Voltaire einher, der gesagt haben soll:

„Ich missbillige, was Sie sagen, aber ich werde bis in den Tod Ihr Recht verteidigen, es zu sagen.“

Und damit bin ich bei der anfänglichen Singlehochzeit: Wer nur sich selbst liebt, kann eigentlich gar nicht die Rechte anderer verteidigen. Dazu bedarf es einer sozialen Verantwortung. Max Weber nennt dies „Verantwortungsethik“. Aristoteles sagte einst, der Mensch sei ein „zoon politikon“ – ein Gemeinschaftswesen.

 

Haltet Eure Identität hoch, pflegt die Gemeinschaft und lasst Euch nicht ins Bockshorn jagen – oder wie Don Bosco meinte: „Fröhlich sein, Gutes tun und die Spatzen pfeifen lassen“.

 

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

Und nun bitte ich unsere Abiturienten zu mir!>>

 

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