„Viele Eltern erwarten viel von ihrem Kind“

Zum Schulanfang: Christa Fiedler, Rektorin der Wasserburger Grundschule, im Interview

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Morgen ist Schulanfang. Für 56 junge Wasserburger ist der morgige Tag der Beginn eines neuen Lebensabschnitts, sie werden an der Grundschule am Gries eingeschult. Rektorin Christa Fiedler verrät in unserem Interview, worauf es beim Schulanfang ankommt, auf welche Veränderungen sich die Wasserburger Grundschule einstellt und wie sie selbst damals ihren Schulanfang erlebt hat …

56 Kinder werden an der Wasserburger Grundschule eingeschult. Sind das mehr als in den letzten Jahren?

Es sind sehr wenige. Im letzten Jahr waren es zum Beispiel 65. Bei uns sind in der vierten Jahrgangsstufe in diesem Schuljahr mit 71 Kindern die meisten Schüler. Aber ich denke, dass die Schülerzahlen in den nächsten Jahren wieder steigen.

 

Welche grundsätzlichen Entwicklungen oder Veränderungen gibt es an Ihrer Schule?

In diesem Schuljahr wird trotz der niedrigeren Schülerzahl eine erste Klasse mehr gebildet. Eigentlich dürfte es bei 56 Schülern nur zwei Klassen geben, da erst ab 57 Schülern eine dritte Klasse gebildet werden darf. Da geht es sehr genau! Aber weil der Migrationsanteil der neuen Schüler bei über 50 Prozent liegt, gibt es heuer eine dritte erste Klasse. Darüber sind wir sehr froh! Die Schüler mit Migrationshintergrund werden dabei selbstverständlich auf die drei Klassen verteilt.

Grundsätzlich wird für die Förderung der Schüler immer mehr getan. Die Sprachentwicklung wird bereits in allen Kindergärten in Wasserburg durch Vorkurse gefördert, nicht nur für ausländische Kinder.

In der Schule wird dann gezielt darauf aufgebaut. Ein neues Kooperationsprojekt zur Sprachförderung mit dem Förderzentrum wird ab September mit zehn zusätzlichen Lehrerstunden durchgeführt.

Außerdem haben wir seit diesem Schuljahr eine Förderlehrerin mit voller Stundenzahl zugeteilt bekommen. Sie unterstützt unsere Kinder bei Lernschwächen. Für andere Probleme haben wir noch eine Jugendsozialpädagogin. Außerdem haben wir auch in diesem Schuljahr wieder zwei Bundesfrewilligendienstleistende und Praktikanten, die uns bei unserer Arbeit unterstützen. 

 

Wie kann man den Kindern die Veränderung vom Spielen aufs Lernen erleichtern?

Viele Eltern erwarten viel von ihrem Kind. Der Leistungsdruck steigt mit dem Beginn der Schule. Die Eltern müssen auf alle Fälle darauf achten, ihr Kind nicht zu überfordern. Nach der Schule sollte es zunächst spielen. Der Zeitpunkt, zu dem das Kind am Schreibtisch sitzt, trägt entscheidend zum Erfolg der Hausaufgaben bei. Nach dem Mittagessen braucht das Kind Spielzeit oder vielleicht sogar eine Schlafpause. Danach klappt es dann bestimmt besser mit den Hausaufgaben.

In den letzten Jahren haben immer mehr neue Lernformen in der Schule Eingang gefunden. So arbeiten die Kinder mit Wochenplänen und dürfen den neuen Lernstoff in Freiarbeitsphasen einüben. Die Lehrer sind geschult, Lernprobleme einzelner Schüler schnell zu erkennen und Förderpläne zu entwickeln, die auf die Schwierigkeiten zugeschnitten sind.

Unsere Lehrerinnen sind jederzeit Ansprechpartner für die Eltern. Durch eine vertrauensvolle Zusammenarbeit können sicher viele Probleme bereits in ihrer Entstehung gelöst werden.

 

Haben Sie den Eindruck, dass sich die Kinder trotz des steigenden Leistungsdrucks immer noch auf den Schulanfang freuen?

Ja, den habe ich. Wir können seit einigen Jahren die Kinder, die im letzten Jahr in den Kindergarten gehen, vier bis fünf Mal für zwei Schulstunden am Nachmittag in die Schule einladen. Sie lernen in kleinen Gruppen das Schulgebäude kennen und dürfen auch zu den „Großen“ in den Unterricht gehen. Bei dieser Gelegenheit zeigen die Kinder sehr wohl ihre Freude auf den Schulbesuch.

 

Nicht nur für die Kinder, auch für die Eltern ist die Einschulung des Kindes immer ein besonderes Ereignis. Was sollten Eltern auf keinen Fall tun und was sollten sie auf jeden Fall tun, wenn ihr Kind in die Schule kommt?

Den schlimmsten Spruch, den man oft von Eltern, Geschwistern und anderen hört ist: „Jetzt beginnt der Ernst des Lebens“. Alle sollten dem Kind vermitteln, dass Schule Spaß macht, dass es Vertrauen zu seinen Lehrerinnen und Lehrern haben darf.

In den letzten Monaten vor Schulbeginn wäre es schön, wenn die Eltern die Selbstständigkeit der Kinder fördern würden, zum Beispiel alleine anziehen, die Schuhe binden und solche Sachen.

Vor Schulbeginn findet bei uns immer ein Elternabend statt, an dem die Eltern in Workshops erfahren, wie sie ihre Kinder in den Bereichen Mathe, Deutsch oder auch im Sozialverhalten noch fördern können. Hier geht es aber auf keinen Fall darum, ihnen Lesen, Schreiben und Rechnen beizubringen.

Auch der Schulweg sollte trainiert werden. Das Elterntaxi ist nämlich nicht die einzige Möglichkeit, in die Schule zu kommen und sicherlich auch nicht die gesündeste. 

Kinder mit unter 1,30 Meter Körpergröße nehmen den Straßenverkehr ganz anders wahr als ein Erwachsener. Die Eltern sollten einmal in die Hocke gehen, um die Verkehrssituation aus der Sicht des Kindes zu sehen.

 

Können Sie sich noch an Ihre Einschulung erinnern? Was war in Ihrer Schultüte? Und was sollte Ihrer Meinung nach in eine Schultüte?

Ich kann mich vor allem an den Test erinnern, den ich über mich ergehen lassen musste, weil ich früher in die Schule wollte. Bei uns in Nordrhein-Westfalen war die Einschulung damals an Ostern und ich wurde erst im Mai sechs Jahre alt. Bei drei größeren Schwestern war es mir anscheinend sehr wichtig, auch ein Schulkind zu sein. Nach diesem Test bekam ich Süßigkeiten, das weiß ich noch.

An den Inhalt meiner Schultüte kann ich mich nicht mehr erinnern. Mir fällt auf, dass die Tüten immer schwerer werden und von den Kindern fast nicht mehr getragen werden können. 

Grundsätzlich finde ich, dass die Schultüte nicht nur Süßigkeiten enthalten sollte, sondern kleine nützliche Dinge für die Schule, vielleicht ein schönes T-Shirt für den Sportunterricht. Lang gewünschte Spielsachen bereiten sicher auch Freude oder Gutscheine für Ausflüge, zum Beispiel ins Badria oder in den Wildpark Oberreith … 

Foto: Grundschule Wasserburg

MP

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6 Gedanken zu „„Viele Eltern erwarten viel von ihrem Kind“

  1. Ich hoffe, dass am ersten Schultag die Ampel in der Rosenheimerstr. wieder geht…..da kommt kein Grundschüler ohne Gefahr rüber, da ist man als Erwachsener schon sehr gefährdet.

    Vielleicht prüft das die Stadt noch…..

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    1. geht wieder DANKE

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  2. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Aber weil der Migrationsanteil der neuen Schüler bei über 50 Prozent liegt…….

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    1. Ja ich glaube die Kinder werden auf dem Pausenhof mehr fürs Leben lernen als im Klassenzimmer.

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  3. Dass ich nicht lache: Nicht die Eltern erwarten zu viel, sondern das Schulsystem krankt.

    Wie kann es sonst sein, dass Kinder, die eine Ganztagesklasse besuchen, in den Ferien mit Hausaufgaben bedacht werden?

    Schule und Spass: Das ist bei vielen Kindern ganz schnell vorbei und so manche Lehrkraft ist auch schlichtweg überfordert.

    Man hat fast den Eindruck, dass das einzige, was zählt, der Übertritt auf´s Gymnasium ist, egal um welchen Preis.

    Oh, wo ist die Zeit, wo ein Kind noch Kind sein durfte? Und aus dieser damaligen Generation sind auch eine Menge schlauer Köpfe hervorgebracht worden.

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    1. Dass unser Schulsystem krank ist, das ist gar keine Frage.
      Aber den Druck mit dem Übertritt, den üben schon oft die Eltern aus.

      Ich hab jetzt mein drittes Kind aus der Grundschule raus und hab dreimalig erlebt, wie die Eltern spätestens in der vierten Klasse anfangen, durchzudrehen, dass ihr Lieblung ja nicht in der Hauptschule bleibt.

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