Weiter Unwetter am Fließband

Was ist nur mit unserem Wetter los? Diplom-Meteorologe Dominik Jung im Interview

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jungKatastrophenalarm in Niederbayern, Überschwemmungen im Norden Deutschlands: Überall ist nur noch von Unwettern mit großer Zerstörungskraft die Rede und nicht etwas irgendwo in fernen Ländern, sondern direkt bei uns – quasi um die Ecke. Woran liegt das? Wie geht es in den nächsten Tagen und Wochen weiter? Müssen wir uns künftig auf mehr Extremwetter einstellen und ist der Klimawandel daran schuld? Diplom-Meteorologe Dominik Jung vom Wetterportal wetter.net versucht auf diese Fragen eine Antwort zu geben …

1.    Wieso gibt es seit Wochen bei uns im Land Unwetter am laufenden Band?

Die Wetterlage ist seit Tagen festgefahren. Direkt über Deutschland treffen sich immer wieder feucht-warme und kühlere Luftmassen. An dieser Grenze bilden sich dann immer wieder Gewitter und die fallen lokal sehr heftig aus. Aber da gibt es noch ein weiteres Problem und das haben wir besonders am Sonntagabend in Baden-Württemberg und auch gestern in Südbayern zu spüren bekommen: Die Gewitter sind oftmals recht stationär bzw. bewegen sich nur sehr langsam weiter. Daher können heftige Niederschläge immer wieder die gleiche Region treffen.

Das führt dann zu diesen massiven Überschwemmungen. Gestern fielen allein im Rottal binnen weniger Stunden über 80 Liter Regen pro Quadratmeter. Das ist mehr als normal in einem ganzen Monat vom Himmel kommt. Die Gewitter kleben quasi an Ort und Stelle und laden ihre Fracht ab. Blitzschlag oder Sturm war dabei in den vergangenen Tagen noch das geringste Problem. Das größte Problem war das Hochwasser oder besser gesagt die Flutwellen und die können wirklich großflächig etlichen Schaden anrichten und eben auch Todesopfer fordern.

 

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Auch am Freitag bilden sich besonders im Westen neue heftige Schauer und Gewitter, www.wetter.net

2.    Sind diese Gewitter für Ende Mai/Anfang Juni normal?

Die meisten und stärksten Gewitter treten für gewöhnlich in den Sommermonaten auf. Dann erwärmt sich der Erdboden am stärksten und es bilden kommt zu den meisten Gewitterereignissen. Gewitter Ende Mai oder sogar schon im April sind aber nichts Ungewöhnliches.

 

3.    Wie geht es in den nächsten Tagen und Wochen weiter?

An der unwetterträchtigen Großwetterlage ändert sich bis in die nächste Woche hinein nicht viel. Vor 3drei Wochen haben US-Wetterexperten Deutschland vor einem extremen Gewittersommer gewarnt. Man hat das Gefühl, dass wir uns schon mittendrin befinden. Es vergeht auch in den kommenden Tagen kein Tag, an dem es nicht heftige Gewitter geben könnte. Richtung Wochenende nehmen die Gewitter sogar nochmal an Stärke zu. Dann drohen wieder fast überall Unwetter mit Starkregen, aber auch Sturmböen und Hagel. Dann können auch wieder Tornados oder sogenannte Gewitterfallböen mehr in den Fokus rücken. Solche Ereignisse hatten wir ja ebenfalls vor ein paar Tagen im Land. 

Ob sich die Wetterlage Richtung EM-Auftakt in Frankreich (10. Juni) endlich etwas stabilisiert, ist derzeit offen. Es sah zunächst so aus, als würde es ab Montag schöner, sonniger und trockener werden, doch das hat sich nun wiederum verschoben. Die Schauer und starken Gewitter werden über das Wochenende hinaus andauern.

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US-Wetterexperte warnen vor Gewittersommer (T-Storms = Gewitter)

 

4.    Welche Gebiete sind besonders unwettergefährdet?

Grundsätzlich sind die Mittelgebirge oder die Alpenregionen im Fokus der häufigsten Starkregen- und Gewitterbildungen. An den Gebirgen stauen sich nämlich die die Wolken, sie steigen auf und können abregnen. Und wenn dann in kurzer Zeit besonders viel Regen fällt, hat dieser gar keine Chancen einzusickern, sondern fließt gleich ab in das nächste Bachbett. Und die sind in den Gebirgen meist recht eng und dann kann es zu geballten Flutwellen kommen, die alles mit sich reißen.

5.    Müssen wir uns zukünftig auf mehr Extremwetter einstellen?

Wir haben in den letzten Tagen die Daten in unseren Wetterarchiven untersucht und konnten keine Zunahme der Anzahl von Unwettern oder Gewittern in Deutschland feststellen, wohl aber hat deren Intensität zum Teil deutlich zulegen können. So gibt es beispielsweise deutlich mehr Starkregenereignisse als noch vor zwei bis drei Jahrzehnten. Kurzum: wenn es heutzutage gewittert, dann hat man höhere Chancen auf heftigen Starkregen bzw. auf eine unwetterartige Entwicklung als noch vor einigen Jahrzehnten.

Wenn wir heute oft hören es gebe mehr Unwetterschäden als früher, dann hört man das meist aus der Ecke der Versicherer. Sie betrachten ihre Schadenbilanzen. Die sind höher geworden. Das liegt aber auch oftmals daran, dass die Menschen heutzutage mehr versichern als noch vor 20 oder 30 Jahren, ergo sind die Schäden bei Unwetterereignissen natürlich auch höher.

Der Trend deutet darauf hin, dass es im Jahr 2040 deutlich mehr Starkregenereignisse als heute geben wird. Wir müssen uns also offenbar an die aktuellen Bilder aus den Überschwemmungsgebieten langsam aber sicher gewöhnen. Der ein oder andere Bebauungsplan in Städten und Gemeinden muss daher sicherlich auch nochmal überdacht bzw. genau geprüft werden.

6.    Ist der Klimawandel an der aktuellen Unwetterserie schuld?

Zunächst sollten wir mal festhalten, dass sich das Klima schon seit Bestehen der Erde im Wandel befindet. Den Klimawandel gab es also schon immer. Das ist keine „Erfindung“ der Neuzeit. Im Mittelalter gab es bereits Eiszeiten ebenso wie starke Erwärmungen. In England war zeitweise Weinbau bis in den hohen Norden möglich.

Derzeit zeigen die Temperaturen global wieder eine ansteigende Tendenz und das seit einigen Jahrzehnten. Wie hoch daran der menschliche Anteil ist, ist bis heute unter den Experten umstritten.

Ich bin überzeugt, dass auch der menschliche Einfluss seinen Anteil am derzeitigem Temperaturanstieg hat. Der Mensch und seine Weiterentwicklung gehört nun mal auch zur Klimageschichte dazu.

Mit steigender Temperatur kann die Atmosphäre mehr Feuchtigkeit aufnehmen, die dann wieder als Regen ausfällt. Daher ist die Annahme, dass es bald immer mehr Starkregenereignisse geben kann richtig. Wo diese aber genau verstärkt auftreten, das kann heute noch keiner vorhersagen.

In den vergangenen Tagen war die Lage der Tiefdruckgebiete Elvira und Friederike denkbar ungünstig bzw. besonders günstig für die Bildung von Unwettern. Diese Einzelereignisse allein haben noch nichts mit dem Klima an sich zu tun. Das ist einfach Wetter. Wetter ist immer das was sich aktuell draußen abspielt.

Wetter über einen langen Zeitraum betrachtet (z.B. 30 Jahre) das ist dann Klima. Das muss man klar unterscheiden. D.h. erst in ein paar Jahrzehnten werden wir in der Lage sein die aktuellen Wettergeschehnisse klimatologisch einordnen zu können.

Leider verwirren viele Klimaexperten die Menschen bis zum Exzess. Nach dem Hitzesommer 2003, dem wärmsten Sommer seit Beginn der Wetteraufzeichnungen, wurden mehr Hitze und Dürre angekündigt. Dann wurden die Sommer in Deutschland aber oftmals immer nasser. Dann kam die Aussage, dass neben der Dürre und der Hitze auch mit mehr Starkregenereignissen zu rechnen sei. Ja was denn nun? Mehr Dürre und Hitze oder mehr Regen?

Da kann der Normalbürger schon mal den Überblick verlieren…

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