Stadt älter als gedacht – „Fletzi“ ein Riese

Sensationsfunde führen ins 8.Jahrhundert - Skelett 1,80 m groß

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Das sind sie – die gefundenen Keramikstücke, die Wasserburg ins achte Jahrhundert zurückführen.   Fotos: Renate Drax

So Fletzi, jetzt mach mal schön den Mund auf. Mit einer Zahnbürste nahmen sich Antropologin Franz Immler und Archäologe Matthias Tschud dem Gebiss an

So Fletzi, jetzt mach mal schön den Mund auf. Mit einer Zahnbürste „reinigten“ Anthropologin Franzi Immler und Archäologe Matthias Tschud das Gebiss. Fletzi ist etwa 1000 Jahre alt.

Wasserburg – Nach wochenlangem Rätselraten gab das Denkmalamt am Dienstag endlich eine Pressekonferenz auf dem Fletzinger Areal. Und nun steht fest: Die Geschichte Wasserburgs muss neu geschrieben werden. Denn Keramik-Funde deuten darauf hin, dass die Innschleife an der Stelle unserer Stadt vermutlich schon im 8./9. Jahrhundert und nicht erst im 11. – wie bisher angenommen – besiedelt war. Das Bild der Geschichte der Stadt müsse komplett revidiert werden, sagten die Archäologen.

Ein sehr großer mann für damalige Verhältnisse war unser Fletzi - und richtig kräftig gebaut, sagen die Fachleute. tausend Jahre ist er alt. Und wo sind alle anderen?

Ein sehr großer Mann für damalige Verhältnisse war unser Fletzi – und richtig kräftig gebaut, sagen die Fachleute. Und wo sind seine Kumpels?

Die nächste Sensation: Das Skelett, das auf dem Areal gefunden wurde (wir berichteten exklusiv) – unser Fletzi – ist nach Auskunft von Dr. Jochen Haberstroh vom Amt für Denkmalpflege 1,80 Meter groß. „Fletzi“ war also für seine Zeit ein Riese. Er stammt aus dem zehnten oder elften Jahrhundert, hieß es. Und: Es kann durchaus noch weitere Skelettfunde geben, so Dr. Haberstroh zur Wasserburger Stimme. Weil sehr komisch sei es natürlich schon, dass nur ein Mann dort begraben sein soll. Das Alter schließt man übrigens nicht aus dem Knochenbau oder ähnlichem, sondern viel mehr aus der Fundstelle.

Es habe sich um ein Grab an der Stadtmauer gehandelt – registriert unter Abschnitt 24 auf der Baustelle – also genau da, wo der Biergarten drüber war. Wegen des Grabs sei das Skelett auch so komplett erhalten. Der Kopf sei auf einem Stein gelegen, der von der Mauer stamme und einhundert oder gar zweihundert Jahre älter zu datieren sei. Wenn man nun annehme, dass die Mauer einige Generationen lang gestanden habe, dann sei das Skelett jünger zu datieren – also etwa zehntes oder elftes Jahrhundert, so Dr. Haberstroh. Was aber ja auch einem Alter von immerhin rund 1000 Jahren entsprechen würde.

Sie stehen auf Mauerresten, die ungewöhnlich im Verlauf über das gelände sind und ebenso ungewöhnlich für diese zeit durch den kalkmörtel: Von links Johannes Sewald, Bauherr und Geschäftsführer von KSS-Immobilien, Bürgermsieter Michael Kölbl und Prof. Dr. C. Sebastian Sommer vom Amt für Denkmalpflege.

Sie stehen auf Mauerresten, die ungewöhnlich im Verlauf über das Gelände sind und ebenso ungewöhnlich für diese Zeit durch die Verwendung von Kalkmörtel: Von links Johannes Sewald, Bauherr und Geschäftsführer von KSS-Immobilien, Bürgermeister Michael Kölbl und Prof. Dr. C. Sebastian Sommer vom Amt für Denkmalpflege.

Unerwartet und spektakulär

Während Fletzi voraussichtlich in eine archäologische Sammlung nach München kommen wird, schaut’s für die Stadtmauerreste ziemlich schlecht aus. Obwohl Prof. Dr. C. Sebastian Sommer bekanntgeben konnte, dass die Funde (Keramikstücke, Tonscherben, Kalkmörtel) rundherum äußerst ungewöhnlich zahlreich seien – und wie bereits erwähnt – bis ins achte/neunte Jahrhundert zurückgehen: Es werde alles auf einer Halde landen – im Müll sozusagen. Nichtsdestotrotz seien die Hinweise auf die Bebauung des heutigen Fletzinger Areals lange vor der ersten urkundlichen Erwähnung Wasserburgs (die war in der Zeit um 1085) absolut unerwartet und geradezu spektakulär, so Prof. Sommer weiter.

Verbindung zum Geschlecht der Grafen von Sempt-Ebersberg?

Man frage sich, was mit dem vereinzelten Grab ist, das sich weit entfernt von Kirche und Friedhof befindet. Das gebe den Fachleuten Rätsel auf. Welche Rolle spielte die mittelalterliche Vorgängersiedlung von Wasserburg im 9. bzw. 10. Jahrhundert? Gibt es hier möglicherweise eine Verbindung zu dem damaligen Geschlecht der Grafen von Sempt-Ebersberg, eines der reichsten und mächtigsten bayerischen Adelsgeschlechter im Mittelalter? Dies alles werde aktuell von Fachleuten geklärt, hieß es heute.

Interessant in diesem Zusammenhang, so Dr. Haberstroh, sei vor allem der Fund von Kalkmörtel aus diesem alten Stadtmauernteil. In der damaligen Zeit sei das absolut keine Selbstverständlichkeit gewesen. Es sei auch teuer gewesen und nur in Ebersberg habe man in den 70er Jahren etwas ähnliches gefunden. Deshalb die Vermutung zu der Grafen von Sempt-Ebersberg Familie. Er tendiere auch zu der Schlussfolgerung, es könnte sich an dieser Stelle um einen Klosterbau gehandelt haben. Sensationell sei besonders der Fund der Keramikstücke, die auf das achte Jahrhundert deuten.

„Ich freu mich – und er zahlt“

Auch wenn man noch gar nicht weiß, was noch alles gefunden wird unter den noch nicht freigelegten Teilen des Areals, sagte die Sprecherin der Presseabteilung des Amtes für Denkmalpflege, Beate Zarges, dass „ganz sicher im Juli“ die Grabungsarbeiten komplett abgeschlossen seien. Dann könne für den Inhaber des Grundstücks, Johannes Sewald und seine KSS Immobilien-Firma, alles wieder nach Plan weitergehen. Das wolle man in aller Deutlichkeit sagen, um Gerüchten vorzubeugen, die Baustelle könnte länger stillstehen aufgrund der Sensationsfunde. 250.000 Euro kosten das Unternehmen bisher allein die Grabungen. Da gebe es keine Fördermittel oder sonstige finanzielle Hilfen. Bürgermeister Michael Kölbl, selbst Mitglied im Landesdenkmalrat, meinte deshalb auch lobend, dass die Zusammenarbeit mit der Firma KSS großartig sei. „Ich freu mich halt und er zahlt“, meinte er schmunzelnd. Johannes Sewald selbst ergriff kurz das Wort an der Fundstelle und meinte, dass man sich in der Verantwortung sehe – und sich zu keinem Zeitpunkt dieser entzogen hätte. Eigentum verpflichte nun mal. Und man habe die Geschichtsträchtigkeit der Stadt beachtet. Aber niemand habe wohl mit solchen Sensations-Funden hier gerechnet.                Renate Drax

Siehe auch unseren Kommentar unter der Rubrik „Des moanan mia“.

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