Wasserburg: 2018 kommt die Biotonne

Stadtrat diskutiert eingehend über die Einführung - Nutzungszwang für die Bürger

image_pdfimage_print

Jetzt ist es amtlich: Die Biotonne mit Holsystem und Nutzungszwang wird für die Haushalte in Wasserburg ab 1. Januar 2018 eingeführt. Das hat der Stadtrat bei seiner jüngsten Sitzung nach eingehender Diskussion beschlossen. Dass die geplante Einführung dieses Systems für kompostierbare Abfälle an sich eine gute Sache ist, darüber waren sich die Räte einig. Allerdings gab es auch jede Menge Bedenken.

Der Landkreis Rosenheim hatte vor kurzem ein Bringsystem für Bioabfälle eingeführt hatte (wir berichteten) – von dem ist die Stadt Wasserburg aber befreit. Sie muss sich jetzt allerdings selbst um die Entsorgung kümmern, nachdem das so genannte Kreislaufwirtschafts-Gesetz bereits seit zwei Jahren eine getrennte Erfassung von Bioabfällen fordert. Obendrein sprechen die Prognosen für die Erhöhung der Biomüll-Menge: Statt den momentan 65 Tonnen werden bis zu 600 Tonnen im Jahr erwartet.

Bürgermeister Kölbl, der selbst ein Jahr lang die Biotonne ausprobiert hatte, ist von dem System überzeugt: „Ein Geruchsfilter mit Abschluss-Lippe sorgt dafür, dass der Müll nicht stinkt.“ Aus diesem Grund sei auch der Plan, die Tonnen alle vier Wochen abzuholen, durchaus vertretbar.

Auch wolle man das Entsorgungssystem über die Grundgebühr laufen lassen: „Dadurch, dass man sich voraussichtlich relativ viel Gewicht in der Entsorgung des Restmülls über die schwarze Tonne sparen wird, scheint uns das Abwiegen der Bio-Tonne im Gegenzug nicht sinnvoll“, sagte Kölbl. Geplant sei, die Grundgebühr für den Müll von 4,35 auf 4,50 Euro pro Monat zu erhöhen und die Entsorgung des Biomülls darüber abzudecken.

In die Diskussion schaltet sich auch Stadtkämmerer Konrad Doser ein: „Bisher wurden fast nur Gartenabfälle im eigenen Garten kompostiert oder zum Wertstoffhof gefahren – die restlichen Speiseabfälle und anderweitiger, verwertbarer Müll landete meist im Restmüll und wurde verbrannt“, veranschaulichte er anhand einer Präsentation. Durch die Einführung der Biotonne würden künftig verwertbare Abfälle – solange sie nicht wie bisher selbst entsorgt oder kompostiert würden – ganz im Sinne des Klimaschutzes weiterverarbeitet: „In einer Vergärungsanlage werden die Speisereste zur Gewinnung von Strom oder Biogas verwendet. Die phosphorhaltigen Reste kommen der Landwirtschaft als Kompost zu Gute. Durch die Vergärung von Biomüll entsteht eine viel positivere Energiebilanz – langfristig können fossile Energieträger dadurch ersetzt werden.“

Ausnahmen von der neuen Regelung:

Wer ein Grundstück im Ensemblegebiet der Wasserburger Altstadt oder einen Garten mit mindestens 50 Quadratmetern Fläche besitzt, hat die Möglichkeit, einen Antrag auf Befreiung vom Benutzungszwang zu stellen.

Ansonsten gilt für alle Bewohner im Stadtgebiet Nutzungszwang. Auch wird die Option angeboten, seine Tonne verschließen zu können.

Die Stimmen im Stadtrat zur Einführung der Biotonne:

Peter Stenger (SPD) äußerte eine ganze Liste an Bedenken zur Einführung: „Zwang ist für mich ein rotes Tuch“, so Stenger zum Thema Benutzungszwang. „An sich bin ich für die Biotonne. Aber wer soll kontrollieren und entscheiden, was bei mir auf den Kompost kommt?“ Dazu Abfallberater Bernhard Schachner: „Man müsste, wie es in anderen Gemeinden bereits der Fall ist, ab und zu jemanden direkt vor der Leerung die Biotonnen vorkontrollieren lassen.“

Peter Stenger weiter: „Sollte jemand eine große Wiese haben, die 50 Quadrat übersteigt, muss sie ja noch lange keinen biologischen Nutzen haben. Es kann ja sein dass sie verpachtet ist. Dennoch kann man sich damit vom Benutzungszwang befreien, schmeißt aber nach wie vor seinen Biomüll in den Restmüll. Mir kommt es vor, als wäre die Biotonne ein weiterer Schritt, uns von natürlichen Vorgängen zu entfernen.“

Dazu Bürgermeister Michael Kölbl: „Es ist natürlich nach wie vor erwünscht, dass jeder zuhause kompostiert. Die 50 Quadratmeter mussten angesetzt werden, weil eine eigene Kompostieranlage in einem kleineren Garten zur Überdüngung führen würde.“

Stenger legte in Sachen Kritik an der Biotonne noch einen obendrauf: „Wenn die neue Regelung kommt, ist jeder selbst dafür verantwortlich, seine Tonne zu säubern. Wenn man warmes Wasser und Reinigungsmittel benutzt, damit die Tonne auch wirklich sauber wird, ist das nicht gerade umweltschonend. Außerdem ist es ohne Garten auch gar nicht möglich, seine Tonne mal eben auszuwaschen. Und was mache ich im Winter, wenn mir der Dreck in der Tonne einfriert?“, fragte Stenger.

Auch darauf konnte der Bürgermeister Antwort geben, nachdem er selbst die Tonne über längeren Zeitraum bereits ausprobiert hatte: „Noch kann man die kompostierbaren Müllbeutelchen benützen. Alternativ kann man seine Speisereste in Zeitungspapier einwickeln.“ Weiter erklärt er, dass das Auswaschen der Tonne ohne ein Reinigungsmittel vollkommen ausreichend sei und im Winter sowieso kein Problem bestehe – da gefrorener Biomüll ja nicht stinke. Des Weiteren sei angedacht, ein Vorsortiergefäß für den Biomüll auszugeben. Es handelt sich dabei um einen kleinen Eimer mit Klappdeckel, der leicht gereinigt werden könne.

Stenger stellte abschließend den Antrag, die Biotonne ohne Nutzungszwang einzuführen.

Weitere Stimmen aus dem Stadtrat:

Werner Gartner (SPD): „Mein erster Gedanke war auch: Bitte nicht noch eine Tonne vor der Haustüre. Aber nachdem ich mir die ganzen Argumente angehört habe, die für die Einführung der Biotonne sprechen, bin auch ich letztlich doch überzeugt. In meinen Augen ist die jetzige Planung die perfekte langfristige Lösung: In größeren Wohnanlagen wird eben statt vielen kleinen nur eine große Tonne aufgestellt und vor allem geht die wertvolle Biomasse nicht verloren.“

Christian Stadler (Grüne): „Wir sind mit der Biotonne kein Vorreiter – das System gibt es schon in vielen anderen Kommunen. Dass der Landkreis Rosenheim nun das Bringsystem eingeführt hat, ist praktisch. Rosenheim liefert uns nun eine gute Vergleichsgrundlage für unser geplantes Abholsystem. Um eine höhere Akzeptanz bei den Bürgern für die Einführung der Biotonne zu erlangen, sollten wir unsere Informationspolitik verbessern. Beispielsweise wären Besichtigungsfahrten zu den Verwertungsanlagen eine Option, den Wasserburgern zu zeigen, was tatsächlich mit dem Biomüll geschieht und warum sich das neue System lohnt.“

Edith Stürmlinger (Bürgerforum): „Ich kann verstehen, warum wir den Benutzungszwang brauchen: Ohne ihn wäre die Einführung der Tonne ein irrsinniger Verwaltungsaufwand. Auch die Reinigung der großen Tonnen kann man ja eventuell gegen Gebühr übernehmen. Der kleine Eimer ist eben einfach zu klein – wenn ich einmal zum Frühstück selbst Orangensaft presse, ist der schon voll. Eventuell könnte man andenken, dass man am Wertstoffhof einen Austausch wie mit dem ,Öli‘ macht – die Bürger bringen ihren benützten  Vorsortierbehälter dorthin und bekommen einen neuen, gereinigten dafür. Das könnte die Akzeptanz steigern.“

Oliver Winter (CSU): „Ich war lange Zeit  gegen die Bio-Tonne. Die Verwaltung hat es geschafft, mich innerhalb einer Sitzung von der Einführung zu überzeugen. Besonders durch die Gewichts-Gebührenfreiheit habe ich die Möglichkeit, mich mit meinem Nachbarn zusammen zu tun. Und das unabhängig davon, ob ich einen eigenen Garten habe. Immerhin gibt es genügend Speisereste, die ich nicht im eigenen Garten kompostieren darf, wie etwa Orangenschalen. Das Geld, dass ich jetzt mehr zahle, spare ich mir an Gewichtskosten vom Restmüll. Man braucht nur zu überlegen, wie schwer Kaffeefilter sind. Und ganz ehrlich – die Mülltonnen stinken doch so oder so.“

Winter wollte auch wissen, ob es für Gewerbetreibende eine separate Regelung gibt. Darauf Schachner: „Als Gewerbetreibender darf ich die Biotonne ebenfalls benützen. Die einzigen, die von dieser Regelung ausgeschlossen sind, sind Gaststätten – diese haben ihre Speiseabfälle in vorgeschriebene Behälter zu entsorgen.“

Lorenz Huber (Freie Wähler): „Als Landwirt muss ich sagen, dass eine Kompostierung der Speiseabfälle auf dem eigenen Misthaufen für uns ganz normal ist. Doch hat man in der Stadt einfach nicht die Möglichkeit dazu – und dass das Phosphat im Umkreis bleibt, ist besonders für die Landwirtschaft unglaublich wichtig. Auch verstehe ich, warum große Tonnen eingeführt werden müssen: Das  Eimerchen ist nach zweimal kochen voll. Wenn ich damit dann drei- oder viermal pro Woche zum Ausleeren fahren muss, ist das doch auch wieder schlecht für die Umwelt. Ich finde die Einführung der Biotonne, so wie sie jetzt geplant ist, absolut richtig.“

Irene Langer (SPD): „Ich fände es wichtig, dass man die Bevölkerung umfangreich über die Einführung informiert. Auch allgemeine Infos zur Mülltrennung wären ideal, da sonst vielleicht einfach aus Unwissenheit viel in den Restmüll geworfen wird.“

Dr. Christine Mayerhofer (SPD): „Es ist essentiell, dass wir mit Ressourcen nachhaltig umgehen. Je besser unser Entsorgungs-System ist, umso mehr können wir einsammeln. Doch wie wird eine Schwermetallbelastung kontrolliert, wenn wir unseren Biomüll in Zeitungspapier einpacken sollen?“

Dazu Bernhard Schachner: „Die Vergärungsanlagen haben sehr hohe Qualitäts-Standards, die durch die Biogüte-Gemeinschaft kontrolliert werden – man würde uns ganz schnell darüber informieren, wenn wir eine zu hohe Schadstoff-Belastung im Biomüll hätten. Doch davon abgesehen befindet sich fast kein Blei mehr in der Druckerschwärze.“

Friederike Kayser-Büker (SPD): „Wie schaut es aus mit der Kleintierhaltung – kann man beispielsweise Katzenstreu in die Biotonnen werfen?“

Laut Schachner kommt es darauf an, welche Vergärungsanlage die Ausschreibung gewinnt. Diese gibt dann vor, was in den Tonnen gesammelt werden darf.

Weiter regt Kayser-Büker an: „Auch ich fände eine bürgerfreundliche Information in einfacher Sprache und gut lesbarer Schriftgröße wichtig.“

Andreas Aß (CSU): „Ich sehe eine Gefahr im Entleerungs-Rhythmus. Meiner Meinung nach sollte man schon jede Woche entleeren, da die Tonnen sonst bei Hitze zum Problem werden könnten. Außerdem denke ich auch, dass sich die Reinigung der Behälter als problematisch herausstellen wird. Man sollte ein Reinigungsmittel und warmes Wasser benützen, da man sonst ganz schnell Maden in der Tonne hat. An sich jedoch finde ich, dass die Verwaltung mit diesem System einen großen Schritt gemacht hat und die Einführung der Tonne eine gute Idee ist.“

Josef Baumann (Freie Wähler): „Auch ich finde, dass wir mit einem durchdachten System zur Biomüll-Verwertung bereits überfällig sind. Seit über 20 Jahren diskutieren wir bereits darüber – es wurde Zeit.“

Sophia Jokisch (Linke Liste): „Aus der Gewichtsgebühren-Freiheit ergibt sich natürlich die Gefahr, dass auch Restmüll in den Biotonnen entsorgt wird. Ich fände es gut, wenn man diesbezüglich kontrolliert und gegebenenfalls zurückrudert und Gewichtsgebühren erhebt.“

Die Einführung der Biotonne mit Abholsystem und Benutzungszwang ab 1. Januar 2018 nach der Geschäftsordnung, jedoch ohne Gewichtsgebühr, wurde mit einer Gegenstimme beschlossen. Der Antrag von Peter Stenger, die Biotonnen ohne Benutzungszwang einzuführen, war somit hinfällig. HF

 

 

 

 

 

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

7 Gedanken zu „Wasserburg: 2018 kommt die Biotonne

  1. jutestattplastik

    Grundsätzlich bin ich voll dabei, eine Biotonne macht wirklich Sinn!
    Aber ich hab ein paar Anmerkungen…
    – die Zeitdauer von 4 Wochen ist mir persönlich viel zu lang!
    – „eine Versuchsperson“ ist mir statistisch gesehen zu wenig;-)
    – wieso die Ausnahmen in der Altstadt? Steht dort die Optik vor dem Biomüll? Platzprobleme hat man nämlich bei mittlerweile drei Tonnen auch vor einem Haus im Burgerfeld…

    Ich hoffe es kommt niemand auf die Idee und führt auch noch einen verpflichtenden Glascontainer ein;-)!!!

    37

    0
    Antworten
    1. Eine Versuchsperson wäre statistisch gesehen tatsächlich zu wenig. Bundesweit gibt es aber Millionen von Versuchspersonen mit teilweise jahrzehntelanger Erfahrung. Die ersten Biotonnen wurden übrigens ca. zeitgleich mit dem Internet gestartet. Man stelle sich nun vor, der Wasserburger Stadtrat würde im Jahr 2016 darüber diskutieren, ob es auch in Wasserburg dieses Internet braucht oder ob dieser neumodische Käse nicht sowieso bald wieder von der Bildfläche verschwindet.

      4

      1
      Antworten
  2. Bin für die Biotonne kann mir das aber mit der 4 Wochenleerung nicht vorstellen, wie groß müssen da die Tonnen sein ?
    Wie funktioniert das in großen Mehrfamilienhäusern , ich denke da besteht noch Aufklärung !

    23

    0
    Antworten
  3. Wir haben in Grafing seit Jahren die Biotonne und es funktioniert wunderbar. 14-tägig wird sie abgeholt, in den Sommermonaten sogar wöchentlich. Da entsteht dann auch kein gestank. Ich habe bei uns hier noch keione negativen Stimmen dazu gehört.

    15

    4
    Antworten
  4. Burgerfelderin

    Ich finde die Idee mit der Biotonne auch sehr gut. Ich kenne sie von meiner Mutter aus Wartenberg bei Taufkirchen. Es war für mich kein Problem rauszufinden was hineindarf und was nicht, da es vorne auf der Biotonne drauf steht. Ich fände es gut, wenn wir auch solche Biotonnen bekommen würden, dann ist es für alle ganz klar.

    12

    11
    Antworten
  5. Wie viele Tonnen will unser Herr Bürgermeister noch vor die Häuser stellen!!
    Wie kann ich mich als Testperson selber benennen, wenn er sowieso dafür ist. Super Lachnummer.

    28

    13
    Antworten
    1. Wo steht das bitte, dass der Bürgermeister von Haus aus dafür war? Ich kenne die Geschichte aus vorangegangenen Artikeln eigentlich anders: demnach war der Bgm der Biotonne gegenüber eher skeptisch bis ablehnend, bis er sie selbst getestet hat.

      3

      3
      Antworten