„Was soll dieser Krieg?“

Wasserburger aus der Türkei spricht über die Gewalt an den Grenzen seiner Heimat

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musti_kAleppo, Kobane, Homs – Orte, die seit Wochen in aller Munde sind, seitdem die dschihadistisch-salafistische Terrororganisation ISIS dort einen grausamen Krieg gegen alles führt, was nicht in ihr Weltbild passt. Ganz in der Nähe von Aleppo ist einer zuhause, den viele Wasserburger seit vielen Jahren als beliebten Gastonomen in der Stadt kennen. Keine zwei Kilometer ist seine südtürkische Heimatstadt Reyhanli von der syrischen Grenze und dem Kampfgebiet entfernt. „Im August fliege ich mit meiner Familien wieder runter. Wir hören daheim den Kampflärm. Und wir verstehen diesen Krieg einfach nicht.“

Der, der das sagt, heißt Mustafa Büyükatilla, den Wasserburgern besser bekannt als „Musti“. Zusammen mit seiner Frau Fatma bietet er seit über zehn Jahren seine Mittelmeerspezialitäten in der Altstadt an – ob bei den Warenmärkten oder beim Christkindlmarkt, oder seit 2009 auch in seinem eigenen Restaurant zwischen Rotem Turm und Heiserer-Platz, dort wo früher eine Fahrschule war. Die Wasserburger kennen Musti und seine Frau schon viel länger. 1978 waren die Beiden erstmals in der Stadt. „Ich war jung und wollte unbedingt in Deutschland studieren“, so der Wasserburger Gastronom. Und tatsächlich: Musti lernte deutsch beim Goethe-Institut in Prien und studierte schließlich in München fürs Lehramt. Er konnte das Studium aber nicht abschließen – rechtliche Probleme. Die Türkei war damals der EU noch nicht so nahe.

Die Familien Büyükatilla machte sich also auf Wanderschaft durch ganz Deutschland. Eine Station war unter anderem Bremerhaven. „Irgendwie hatten wir uns da aber schon in Wasserburg verliebt. Hierher zog es uns zurück.“ Arbeit fand Musti, der auch eine Ausbildung zum Schweißfacharbeiter hat, schließlich bei Wacker in Wasserburg. Doch das Werk schloss bekanntermaßen die Pforten.

Seit 1997 sind die Büyükatillas jetzt wieder in der Stadt am Inn. Musti: „Hoffentlich für immer. Es geht uns hier sehr gut. Wir fühlen uns in Bayern und vor allem in der wunderbaren Stadt Wasserburg sehr wohl und sicher“, sagt der Vater vierer Kinder: „Drei Söhne und eine Tochter“, fügt Musti, der schon lange einen deutschen Pass hat, hinzu.

Seine Heimat und die seiner Frau Fatma liegt eigentlich in der Südtürkei. Geboren in der Stadt Reyhanlı in der Provinz Hatay, lebte er später zusammen nur ein paar Kilometer entfernt in der Großstadt Antakya, wo auch heute noch seine beiden Schwestern und sein Schwiegervater wohnen. In Antakya befindet sich ein archäologisches Museum mit einer der bedeutendsten Sammlungen römischer Mosaike. Neben den Moscheen gibt es mehrere christliche Kirchen. Die bekannteste dürfte die St.-Petrus-Grotte sein, die etwas außerhalb an einem Berghang zu finden ist. Sie wurde vom Vatikan offiziell zur ältesten Kirche der Christenheit erklärt und soll der Legende nach vom Apostel Petrus eingeweiht worden sein. Doch nicht nur den Christen war die Südtürkei stets eine Heimat. „Bei uns lebten Jahrhunderte lang die verschiedenste Religionen friedlich zusammen“, sagt Musti, der selbst dem Islam angehört. „Es gab nie irgendwelche Probleme. Wir waren Nachbarn, halfen uns, wo es ging. Egal, ob Syrer, Türke, Kurde, egal aus welcher Religion jemand stammte – der Süden der Türkei war ein Schmelztiegel.

Und allen ging es gut. Es gibt dort unten wunderbare Landstriche, antike Städte, geschichtsträchtiger Boden, das Meer ist in der Nähe und im Sommer ist es bei uns richtig südländisch heiß.“ Nicht umsonst sei die Region um Hatay und Antakya beliebtes Touristenziel. „Im Sommer haben wir da ganz viele Gäste aus Deutschland. Da ist das fast wie in Wasserburg“, schmunzelt Musti. Oder zumindest war es so. Denn seit einiger Zeit hat sich an der Grenze zu Syrien vieles geändert. „In Reyhanli lebten vor dem Krieg 60.000 Menschen, jetzt sind dort genauso viele Flüchtlinge untergebracht. Es gibt Spannungen, vor allem mit den syrischen Flüchtlingen, und ich lasse nachts nicht mehr gerne meine Tochter oder meine Frau alleine auf die Straße. Außerdem hören wir ständig den Gefechtslärm aus den ISIS-bedrohten Gebieten an der türkischen Grenze. Das ist schon traurig, dass so etwas in einem EU-Staat möglich ist“, sagt Musti, der jede Woche mit seinen Verwandten in der Türkei telefoniert und der sich im Urlaub in Antakya trotzdem sicher fühlt: „Die türkische Armee zeigt an der Grenze starke Präsenz. Da kommt kein Radikaler rüber.“

Zum Islamischen Staat (IS) hat Musti nur eine einzige Meinung: „Das ist kein Glaube, den die vertreten. Krieg ist niemals eine Lösung und Terror schon gleich gar nicht. Für das, was ISIS tut, gibt es unserem Glauben und im Koran nicht die geringste Grundlage.“

Auf die in Deutschland kritische betrachtete Kurden-Politik in der Türkei eines Präsidenten Erdogan angesprochen, antwortet Musti: „Wir haben viele kurdische Nachbarn in Antakya. Da gab es nie Probleme. Wir respektieren die Kurden.“ Denn eines ist für Musti und seine Frau ohnehin klar: „Mit Gewalt oder Terror lassen sich keine Probleme lösen, nicht die der Kurden und schon gar nicht die der religiösen Fanatiker.“ HC

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