Wallensteiner im Pulverdampf

Wasserburgs Bürgerspieler beim Tillyfest in der Oberpfalz im Einsatz

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Gefecht (1280x853)Fast genau zwei Jahre ist es her, dass beim Wasserburger Bürgerspiel „Teufel, Tod und Wallenstein“ der letzte Vorhang fiel. Doch die Geschichte um Liebe, Hass und Verrat in Zeiten des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) hat einige Bürgerspieler infiziert und nicht mehr losgelassen. Erstmals nahm jetzt eine Gruppe Wasserburger an einem sogenannten „Reenactment“ teil – einer Nachstellung tatsächlicher historischer Begebenheiten mit möglichst realistischer Aufführung eines Gefechtes. Voraussetzung: Historisch korrekte Kleidung und die Kenntnis damaliger Kampfesweisen.

Beide Herausforderungen haben die Wasserburger am vergangenen Wochenende beim traditionellen Tillyfest im oberpfälzischen Breitenbrunn bei ihrer Feuertaufe mit Bravour gemeistert.

„Wenn ich mir vorstelle, dass wir vor einem Jahr einfach nur zwei Narrische waren, die tiefer in die Zeit des Dreißigjährigen Krieges eintauchen wollten und ich mir jetzt unsere Gruppe ansehe“, berichtet Chris Fritz, der den Corporal (einen Unteroffizier) spielen darf, „ist das schon der Wahnsinn!“

„Der Wahnsinn“ – das sind bislang 13 Frauen und Männer aus dem Altlandkreis Wasserburg, die stundenlange Heimarbeit, großes handwerkliches Geschick, akribische historische Recherche sowie nicht unerheblichen, finanziellen Aufwand eingesetzt haben, um möglichst originalgetreu in die Zeit vor etwa 400 Jahren einzutauchen.

Um das Erreichte endlich auch öffentlich zur Schau tragen zu können, haben sich die Wasserburger beim diesjährigen Tillyfest in der Oberpfalz beworben – und wurden gleich beim ersten Anlauf eingeladen!

Seit 1989 veranstaltet die Marktgemeinde Breitenbrunn, im idyllischen Altmühltal gelegen, alljährlich das Tillyfest. Die Idee dahinter ist die historische Begebenheit, wonach der Feldherr Johann T’serclaes Graf von Tilly, der im Dreißigjährigen Krieg dem abgesetzten Wallenstein nachfolgte, für seine Verdienste vom Kurfürsten Maximilian mit dem Besitz von Breitenbrunn belohnt wurde.

Und auch dieses Jahr haben sich wieder tausende Besucher und Darsteller zum zweitägigen Historienspektakel eingefunden. Mittendrin die Wasserburger, die als Pikeniere (Soldaten mit bis zu fünf Meter langen Spießen) angetreten waren. Bevor sich die Innstädter aber ohne jegliche Erfahrung ins Getümmel stürzten, stand erstmal Drill und Exerzieren auf dem Plan. Das sollte sich auch bewähren, denn als erster Höhepunkt stand am frühen Nachmittag des vergangenen Samstags die Erstürmung des Breitenbrunner Marktplatzes auf dem Programm. Dafür wurden die ehemaligen Bürgerspieler bei den angreifenden protestantischen Schweden eingereiht, die sonst zahlenmäßig den verteidigenden katholischen Kaiserlichen unterlegen gewesen wären.

Pulverqualm und Musketengekrache, Kanonendonner, Trommelgerassel, Gebrüll und gebellte Kommandos bildeten die Kulisse für ein Scharmützel, wie es sich tatsächlich zugetragen haben könnte. Beim anschließenden Festumzug durch die Gemeinde wurden „Freund“ und „Feind“ mit dem Applaus der begeisterten Zuschauer für ihr grimmiges Schauspiel belohnt.

Beim abendlichen Schaugefecht auf dem nahegelegenen Sportplatz mussten die Wasserburger einmal mehr ihren Mann stehen – mit Erfolg, denn die Choreographie der Veranstalter sah es vor, dass die Schweden diesmal auf der Gewinnerseite standen.

Etwas erschöpft, aber beschwingt, erholte sich die Gruppe in ihrem Lager, das mit den großen Zelten des Wasserburger Theatervereins ein echter Hingucker war. In der Marktgemeinde wurde bei Musik, Tanz und in den historischen Schänken bis spät nachts noch gefeiert.

Nach nur wenigen Stunden Schlaf wurden die Pikeniere erneut gefordert, kassierten diesmal allerdings eine Niederlage. Da kam es im hitzigen Gedränge dem einen oder anderen Kämpfer ganz recht, „verwundet“ niedersinken zu dürfen, um nach Luft schnappen zu können, denn die spätsommerlichen Temperaturen setzten den Darstellern in ihren Monturen aus schwerem Wollstoff gehörig zu.

Viel zu schnell ging das Tillyfest schließlich zu Ende. Doch er Ritterschlag erfolgte zum Schluß, als der Veranstalter die Wasserburger verabschiedete: „Nächstes Jahr seid’s wieder dabei…“

 

Gruppenbild (1280x853)

Foto: Die Bürgerspieler als Historiengruppe im Dreißigjährigen Krieg (von links, knieend): Schneidermeisterin Ina Kroworsch, Regina März, Karin Poschner; (stehend): Michael Rossberg, Chris Fritz, Jürgen Scheper, Robert Kinzlmaier, Sebastian Schwab, Michael Zimmermann, Erik Rossberg, Thomas Haberle, Walter Althoff, Robert Poschner

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Ein Gedanke zu „Wallensteiner im Pulverdampf

  1. was für uns nur ein Abenteuer war, wo Männer noch echte Männer sein dürfen, die treu vom mitziehenden Weibsvolk umsorgt und gepflegt werden, war es damals im 30 jährigen Krieg bittere Realität und in seiner ganzen Grausamkeit heute kaum darzustellen oder für uns, die wir noch keinen Krieg miterlebt haben, auch nur zu begreifen. Dennoch gibt es zumindest einen kleinen Einblick, wie hart das Leben und Überleben damals gewesen sein muss und wie schnell man vom Leben in den Tod befördert werden konnte!

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