Von wegen Dolce far niente…

Aus dem Leben der Wasserburger Neubürgerin Hiltrud Sander (XVI)

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Fashion models. Sketch.Sie kennen Hiltrud Sander nicht? Kein Wunder. Die Dame mittleren Alters ist Wasserburger Neubürgerin – erst seit ein paar Monaten da. Was für uns Stodara ganz selbstverständlich ist, muss die gute Frau aus Münster in Westfalen erstmal erkunden und lernen. „Hille”, wie wir sie liebevoll nennen, berichtet jede Woche von ihrem Leben als Neu-Wasserburgerin. Heute: Was Hiltrud im Urlaub so erlebt… www.wasserburger-stimme.de …

Oh mein Gott, wie viele Monate sind es eigentlich noch bis zur Sommersaison? Auf jeden Fall viel zu wenige. Wir zählen Tag zwei des vermeintlichen Liebesurlaubs mit Franz am italienischen Lago di Garda. Eingetopft in ein romantisches Hotel namens Aurora und zu täglichen Ausflügen an der frischen Luft genötigt, wird mir schnell klar, wie dramatisch es um meine Kondition bestellt ist.

Während ich mich am liebsten von einem sahnigen Eiskaffee zum nächsten Prosecco hangele, hasst der Franz nichts mehr als diesen Stillstand, den ich genussvoll das „dolce far niente“ nenne! Er muss sich bewegen, will „die Natur spüren“ und begnügt sich zwischen Frühstück und Mittag mit einem trockenen Fitnessriegel. Meinem Körper hingegen verlangt es nach mehr. Ich habe ständig Gelüste, einen gesunden Appetit und das unbedingte Bedürfnis nach prickelnden Getränken in den zahlreichen Bars auf der belebten Piazza.

Zugegeben, trotz eifriger Wanderungen rund um den See fühle ich mich irgendwie speckig und dezent kurzatmig um die Brust. Das liegt zum einen an der Tatsache, dass ausgerechnet die knackig trainierte Gisela (Mitte fünfzig, braungebrannt und durchtrainiert wie eine Gazelle!) im Speisesaal neben mir sitzt und zum anderen daran, dass der Franz mich vom ersten Tag an auf Teufel komm raus zum Radsport überreden möchte.

In einer meiner geliebten Frauen-Gazetten habe ich mal gelesen, wer seinen Partner loswerden will, der solle doch mit ihm verreisen. Denn nirgendwo könne man seine Beziehung so gut ruinieren wie im gemeinsamen Urlaub. Denn dieser bringt unsere schlechtesten Seiten am schnellsten zum Vorschein.

Wie wahr, wie wahr…ich fühlte mich ertappt. Urlaub in Bella Italia, das verband ich mit Pizza, Pasta und ganz viel Vino. Auf gar keinen Fall aber mit Sport! Und weil mir die klugen Sätze aus dem Magazin im Gedächtnis spukten und ich knuserte, wie sehr dem Franz der Radfahrwunsch am Herzen lag, ließ ich mich breit schlagen.

Die zuckersüße Gisela hatte sich beim letzten gemeinsamen Abendessen spontan dazu bereit erklärt, mir ihr pastellig schimmerndes Radsportdress zu borgen. „Damit du mit dem Franz endlich in den Genuss der wundervollen Bergstrecken rund um den See kommst!“, so ihre scheinheilige Ausrede. In Wirklichkeit wollte sie sich doch nur am Münsteraner Dickerle im Salami-Look belustigen.

Gisela und Hans-Günter kamen seit Jahren und zu jeder Saison an den Gardasee. Sie kennen meinen Franz schon eine Weile und als begeisterte Radsportler nutzten sie jede freie Minute zum Ritt auf dem Drahtesel. Mein Gewissen haben die beiden gehörig in die Schieflage gebracht. Gisela schwört auf Fahrradferien und erzählte während des gemeinsamen Abendessens, wie herrlich doch die Bewegung an der frischen Luft sei, zum Stressabbau und für die innere Balance und so.

So hatte sie mir nicht nur ihr knallenges Outfit, sondern auch das farblich abgestimmte schicke Rennrad zu Verfügung gestellt. „Du wirst schnell erkennen, wie erfüllend Sport in der Natur sein kann!“

Franz war Feuer und Flamme. Sein Rad stand startklar im Schuppen des Aurora und langsam dämmert mir, weshalb er all die funktionstüchtige Kleidung mit im Gepäck hatte. Er wollte mich mit diesem vermeintlichen Romantik-Trip in den Süden zu ein wenig mehr Leibesertüchtigung motivieren.

Auch mir war mein Leben zwischen Wursttheke und heimischem Kühlschrank mit Zwischenstopp auf der Couch längst mehr als unangenehm. Der Franz ist ein Naturbursche und gerade deswegen hatte er ein Problem mit meiner notorischen Antriebsschwäche. So konnte es echt nicht weitergehen. Mit einem Gewicht von 72 kg bei 1,67 Meter Körperlänge war ich nicht nur leicht übergewichtig, sondern, was viel schlimmer war: meine Kondition ging gegen Null und ich schnaufte bereits nach wenigen Metern wie ein Walross. Auch im heimischen Wasserburg stand der Frühling vor der Tür. Ran an den Speck, rauf auf das Rad: Alarmstufe rot!

Die Sonne schien, der See glitzerte. Ich war startklar für die erste Tour. Die Gegend um den Gardasee umarmt den faulen Radfahrer nicht gerade. Es geht bergauf und bergab in ständigem Wechsel und die Sicht auf die kurvigen Straßen aus der Fahrradperspektive war eine entschieden lebensgefährlichere als die aus dem Auto. Den Blick auf alle anderen superprofessionellen Radler empfand ich auch nicht gerade als stressabbauend. Und nachdem ich schon wenige Meter vom Hotel entfernt an einer kleinen Kreuzung beinahe für einen Massenauffahrunfall gesorgt hatte, war meine Begeisterung zunächst gedämpft.

Ich blieb tapfer und sehr lernwillig. Meter um Meter wurde ich ein Stückchen sicherer. Und auch wenn mir wohl für alle Zeiten unergründlich bleiben wird, wie man seine Ferien über 50 Kilometer am Tag auf einem ergonomischen Ledersattel verbringen kann, so wurde mir schnell klar, dass das eigentlich Wunderbare am Radfahren nicht im Konditionstraining bestand, sondern darin, dass ich neben meinem Franz an der frischen Luft zu zweit sein konnte.

Ja, die Gisela hatte recht: beim Anblick meines sehnig muskeligen Partners geriet meine innere Balance tatsächlich in Wallung und ich freute mich schon jetzt auf den abendlichen Ausklang unseres Urlaubs im Hotelzimmer des Aurora!

Amore, amore, amore….

Ihre Hille

 

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