Tag des Denkmals: Es geht bunt zu

Wasserburg bietet ein vielfältiges Angebot an Führungen und Vorträgen

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2 Blaudrucker WerkstattDer diesjährige Tag des offenen Denkmals am Sonntag, 14. September, widmet sich dem Thema Farbe. Die Stadt Wasserburg, die zu den farbenprächtigsten Orten zählt, hat wieder ein vielseitiges Angebot an Führungen und Vorträgen organisiert, die zu und in die Gebäude der Altstadt führen. Neu dabei: Ein Nachmittag für Kinder im Stadtarchiv. Farben transportieren Stimmungen und Inhalte. Die farbliche Gestaltung von Kunstwerken, Baudenkmalen sowie von Gärten und Parks ist immer schon ein wesentlicher Aspekt für ihre Erschaffer und Erbauer gewesen. Ebenso ist sie es heute …

… für Denkmalpfleger, Restauratoren und Wissenschaftler genauso wie für Betrachter und Besucher im Hier und Jetzt.

Farben unterliegen dem Zeitgeschmack. Was wir heute als knallig bunt empfinden, entsprach in der Antike oder in Renaissance und Barock den geläufigen Sehgewohnheiten. Schon vor Jahrhunderten wurden Malereien und Farbfassungen immer wieder übermalt: sei es aus ästhetischen Gründen oder um Geschehnisse vergessen zu machen und neuen religiösen Ansichten oder weltlichen Machtansprüchen Ausdruck zu verleihen. Bei vielen Denkmalen treten daher unter neueren Farb- und Putzschichten die interessantesten Schaufenster in die Vergangenheit zutage.

Diese Schaufenster für Interessierte zu öffnen ist die Aufgabe der Referenten und Führer am Tag des offenen Denkmals. Den Anfang macht um 11 Uhr Stadtführerin Ingrid Unger. Eingebettet in eine allgemeine Stadtführung, bei der den Teilnehmern die Grundzüge der baulichen Entwicklungs- und Stadtgeschichte vermittelt werden, steuert sie gezielt einige repräsentative spätgotische Bürger-, Stadt- und Stiftungshäuser an, deren Fassaden dem Betrachter wahrlich einiges Farbiges vermitteln.

Denkmalpflegerisch begleitete Projekte von in den letzten Jahrzehnten restaurierten, freigelegten und auch rekonstruierten Fassaden werden unter die Lupe genommen und eingeordnet. So ist beispielsweise die kühne, in Rotocker, Gelbocker und Schwarz gehaltene Diamantquadermalerei am Surauerhaus als Rekonstruktion auf der Grundlage einer Befundung einzustufen, während an einem Haus in der Schmidzeile eine freigelegte Fassade aus dem 16. Jahrhundert samt Bäckerwappen zu sehen ist. Aber auch spannende Bildprogramme an den Fassaden von Rathaus und Brucktor kommen bei dieser Entdeckungstour nicht zu kurz.

„Sprechende Wandmalereien“ informieren den Betrachter über Bauherren, Besitzer und Schutzheilige eines Hauses. Bei einem Gang durch die Altstadt um 14 Uhr entschlüsselt Kreisheimatpfleger Ferdinand Steffan bekannte und unbekannte farbige Motive und ruft diese ins Bewusstsein zurück. Dazu zählen neben den Zunftemblemen vor allem die Wappen, die neben dem dekorativen Aspekt einst vor allem Schriftunkundige auf Geschäfte und Eigentumsverhältnisse hinwiesen und Rang und Vermögen der Besitzer dokumentieren sollten.

Darüber hinaus erläutert Stadtführer Thomas Rothmaier um 13 und um 13.30 Uhr in einer Kurzführung die Entstehung und Bedeutung der „Lebensbaum – Darstellung“ an der Chorseite von St. Jakob, das auf das Jahr 1460 zurückgeht. Als eine allegorische Gegenüberstellung von Neuem und Altem Testament stellt es eine Annäherung an eine „biblia pauperum“ im Format von 74 Quadratmetern dar. Einige Wasserburger „Feinheiten“ kommen in der Betrachtung auch nicht zu kurz.

 

Mit dem Inneren der Altstadthäuser macht der Wasserburger Kunsthistoriker Dr. Gerald Dobler um 14 und um 15 Uhr vertraut. Er präsentiert Ergebnisse seiner in diesem Jahr durchgeführten Bauforschung zu den Gebäuden des städtischen Museums, bei denen es sich um drei bis in das Mittelalter zurückreichende Patrizierhäuser handelt. Im Fokus der Führung steht die Entwicklung der farbigen Wandgestaltungen in verschiedenen Räumen durch die Jahrhunderte, die anhand von Befunden an den Wänden erläutert werden. Stark vergrößerte Mikroskopaufnahmen erlauben einen ungewöhnlichen Blick auf die Abfolge der zum Teil mehreren hundert Anstriche.

Am gleichen Ort findet um 13.30 und um 16.15 Uhr eine Führung mit Museumsleiterin Sonja Fehler zur Blaudruckerwerkstatt des Museums statt. Nach dem Tod des letzten Wasserburger Färbers Josef Unterauer wurden Teile seiner Werkstatt in das Museum übernommen. Neben der Farbbereitung werden auch Wasserburger Blaudruckdirndl vorgestellt.

Den ganzen Tag über ist im Stadtarchiv Programm. Dort führt Stadtarchivar Matthias Haupt um 10 Uhr auf die Spuren von farbigen Archivalien aus sieben Jahrhunderten: die Besucher sehen eine illuminierte, mittelalterliche Prunkhandschrift im Original und aus der Nähe, erfahren, wie farbige Wappen beschrieben werden, warum mittelalterliche und frühneuzeitliche Siegel unterschiedliche Wachsfarben aufweisen, was Buntpapiere sind und wo man diese im Archiv findet. Aus der Neuzeit begegnen ihnen eine rote Samturkunde, historische Plakate und technische Baupläne. Anschließend findet bis in die Mittagszeit ein Bücherflohmarkt statt.

Von 14 bis 16 Uhr können Kinder nach einer kurzen Archivführung ihr eigenes Wappen gestalten oder historische Vorlagen kolorieren sowie einen Brief mit Feder und echter Eisen-Gallus-Tinte verfassen und diesen mit rotem Wachs siegeln.

 

Abbildungen:

 

Lebensbaum-Darstellung an der Ostseite der Wasserburger Stadtpfarrkirche St. Jakob#

1 Lebensbaum

 

Innfront von Wasserburg a. Inn

3 Innfront

 

Mittelalterliche Prunkhandschrift im Stadtarchiv Wasserburg

4 Prunkhandschrift

 

Wappen am Bürgerhaus der „Ebenstetter“

5 Wappen

 Foto ganz oben: Blaudruckerwerkstatt des Museums Wasserburg

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