„Stehen für Kontinuität und Tradition“

Positive Bilanz bei Hauptversammlung des Heimatvereins Wasserburg

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P1030492Rund 400 Mitglieder, eine ganze Reihe bestens besuchter Veranstaltungen, ein erfolgreiches und buntes Jubiläumsjahr, eine äußerst erfreuliche finanzielle Situation – der Heimatverein Wasserburg unter Führung von Peter Rink zog gestern eine rundum positive Bilanz für 2013. Nur einen einzigen Wermutstropfen musste der Vorsitzende in den ansonsten klaren Wein gießen: „Wir tun uns schwer, neue Mitglieder zu finden und die Jugend zu erreichen.“ Doch das soll sich mit ein paar Neuerungen ändern …

So fasste die Mitgliederversammlung gestern die Satzung neu. Zum einen wird es künftig eine Familienmitgliedschaft zu günstigen Konditionen geben. Zum anderen erhalten die Mitglieder des Heimatvereins jetzt mehr Vergünstigungen und einen ganz neuen Mitgliederausweis.

„Außerdem versuchen wir die Themenschwerpunkte neu zu setzen. Wir haben mit unserer gemeinsamen Veranstaltung von Heimatverein, Museum, Stadtarchiv und Luitpold-Gymnasium zum Thema Erster Weltkrieg gesehen, dass sich Jugendliche auch für die Geschichte begeistern lassen“, so Rink. Man werde deshalb in Zukunft auch darauf achten, das 19. und 20. Jahrhundert mehr in den Mittelpunkt des geschichtlichen Bereich des Heimatvereins zu rücken.

In seiner abschließenden Rede verdeutlichte der Vereinsvorsitzende und Direktor des Wasserburger Luitpold-Gymnasiums, wie wichtig die Beschäftigung mit der eigenen Kultur und mit der Heimat sei. Rink sagte: „Gerade heute, da die Menschen oftmals mehrere Heimaten haben, sind Tradition und Kontinuität wichtiger denn je.“

Dass der Heimatverein finanziell auf sicheren Beinen steht und „gut für die Zukunft gerüstet ist“, bestätigte der Bericht des Schatzmeisters. Sparkassen-Chef Richard Steinbichler legte das trockene Zahlenwerk in gewohnt humoriger und kurzweiliger Form vor. Das Besondere aus finanzieller Sicht im abgelaufenen Jubiläumsjahr: Trotz der Feierlichkeiten weist die Kasse kein Loch auf. „Wir konnten durch großzügige Spenden unter anderem von den Firmen Meggle und Gronbach sowie durch die Sparkasse alle Ausgaben decken.“

P1030491_kZum Ende der Versammlung gab es noch eine Ehrung. Der Ehrenvorsitzende des Heimatvereins, Altbürgermeister Dr. Martin Geiger (links), überreichte an Dr. Otto Helwig die Ehrenmedaille des Heimatvereins. „Helwig ist in seiner Zeit als Vorsitzender der Gefahr des Erstarrens nicht erlegen und hat den Heimatverein durch seine Kompetenz und sein Wissen nach vorne gebracht.“ Dafür gebühre ihm der Dank aller Mitglieder. Für Helwig gab es langanhaltenden Applaus.

Den hatte eingangs der Versammlung auch der geschäftsführende Vorsitzende, Stadtarchivar Matthias Haupt, für seine Ausführungen bekommen. Haupt ging auf die zahlreichen Veranstaltungen ein, die im vergangenen Jahr, speziell auch zum Jubiläum, über die Bühne gegangen waren.

Dazwischen referierte Wittgar Neumeier jun. zur Tätigkeit der „Kellerfreunde“. Die Führungen durch die ehemaligen Sommerbierkeller der Stadt erfreuten sich nach wie vor großer Beliebtheit. Zudem habe man auch einige Exkursionen unternommen. HC

Die Rede von Peter Rink im Wortlaut:

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

mit der heutigen Jahreshauptversammlung geht der Heimatverein für Wasserburg a. Inn und Umgebung (Historischer Verein) in das 102. Jahr seines Bestehens.

Seit neun Monaten habe ich die Freude, in diesem Verein die Aufgabe des Ersten Vorsitzenden wahrnehmen zu dürfen. In den ersten hundert Jahren seines Bestehens hatte der HV 11 1. Vorsitzende gehabt. Ein Zeichen großer Kontinuität. Die Bundesrepublik Deutschland hat in den 65 Jahren ihres Bestehens auch 11 Bundespräsidenten gehabt, nehmen Sie dies als Zeichen für die Beständigkeit und die Treue, die in Wasserburg herrschen. Dies ist ein Pfand, auf das wir aufbauen können. Im Wasserburger HV existieren Kontinuität und Tradition als wichtige Werte.

 

Nach neun Monaten im Vorsitz des HV stelle ich fest: Dieser Verein ist bisher bestens geführt worden. Alle Mitglieder des Vorstandes haben dazu immer wieder ihren Beitrag geleistet. Alljährlich gab es ein attraktives Programm, das von den Menschen in Wasserburg und Umgebung gerne angenommen wurde und wird.

Bei der Ausstellungseröffnung im Luitpold-Gymnasium am 14.07.14 waren immerhin 550 Besucher anwesend, und das, obwohl zeitgleich der Wasserburger Theatersommer eröffnet wurde und es einen Empfang für die Wasserburger Neubürger gegeben hat. Die Themen, die der Heimatverein aufgreift, treffen also offensichtlich die Bedürfnisse der Menschen hier in der Region.

Dennoch können Veranstaltung dieser Art leider kaum neue Mitglieder gewinnen. Der Wasserburger Heimatverein stagniert seit einigen Jahren bei knapp 400 Mitgliedern mit eher abnehmender denn steigender Tendenz.

Natürlich erleben wir nicht selten eine gewisse gesellschaftliche Gleichmut, andererseits aber ein hohes Engagement der Menschen, wenn es um soziale Not und erste Hilfe für Asylsuchende geht.

Das heißt aber, dass diese beobachtete gesellschaftliche Gleichmut durchaus nicht flächendeckend festgestellt werden kann. Bezogen auf die Ziele unseres Vereins heißt das eben auch, dass die Menschen des Jahres 2014 durchaus mehrere Heimaten haben, nicht wenige sind Wahl-Wasserburger, wie auch ich. Als ich vor etwa 18 Monaten von unserem 1. Bürgermeister gefragt wurde, ob ich für das Amt des 1. Vorsitzenden unseres Heimatvereines zur Verfügung stünde, hatte ich starke Zweifel.

Der Grundsatz des „Ubi bene ibi patria“ half mir, die Heimatgefühle, die ich seit meinem Zuzug nach Wasserburg zunehmend stärker empfinde und die mich zu dem Satz, ich hätte hier in Wasserburg das Gefühl des „Angekommen-Seins“ entwickelt, positiv zu pflegen.

 

Was können denn nun die Ziele eines Heimatvereines im Jahre 2014, 101 Jahre nach seiner Gründung, sein?

Wir sollten uns auch weiterhin als ein Verein begreifen, der umfassende heimatliche Kulturvermittlung betreibt, das schließt Denkmals- und Erinnerungspflege ein, beschränkt sich aber nicht darauf.

 

Der Heimatverein hat eine wichtige Aufgabe, er vermittelt Kultur in der Stadt und der Umgebung, er will ein kompetenter Ratgeber bei der Denkmalpflege sein und er sieht, dass zwischen ökonomischer Zukunftsorientierung und vielleicht romantisierender Denkmalpflege mitunter ein Zielkonflikt entsteht:

Die Bewahrung des schönen Stadtbildes von Wasserburg, das Touristen anzieht und Filmemacher immer wieder reizt, ist dem Verein ein sehr wichtiges Anliegen. Ich meine, der Heimatverein sollte auch weiterhin Stellung beziehen, wenn Baumaßnahmen in der Stadt dieses Stadtbild zu verändern trachten. Die guten Beziehungen die der Verein zur Stadt Wasserburg hat, können dabei eine wichtige Hilfe sein, und darüber freue auch ich mich. Ein stets gutes Miteinander kann helfen, bei Interessensunterschieden zu guten Lösungen zu kommen.

Lassen Sie mich auf einen Punkt eingehen, der mich ein wenig beschäftigt und auch beunruhigt: Wir haben eigentlich relativ wenig junge Mitglieder. Hier haben wir eine wichtige Aufgabe: Jeder von uns wird in einem Jahr ein Jahr älter. Nur wenn wir für jüngere Menschen interessanter sind, werden wir erfolgreich sein können, jüngere Menschen für unseren Verein zu gewinnen.

Der Heimatverein kann ein spannender Verein für junge Menschen sein. Ich möchte das an zwei Beispielen belegen: Zum einen beobachte ich, dass junge Menschen mit Freude bei Volksfesten und ähnlichen Anlässen Tracht tragen. Diese Tracht vermittelt das Gefühl der Heimatverbundenheit in einer globalisierten Welt. Menschen haben das Bedürfnis nach Geborgenheit durch Heimatgefühle. Hier könnten wir ansetzen und ich meine, wir sollten das auch tun.

Das zweite Beispiel ist die Veranstaltung, die wir gemeinsam mit dem LGW, dem Archiv und dem Museum gestaltet haben. Hier haben wir es vermocht, junge Menschen an Heimatverbundenheit und Geschichtsinteresse heranzuführen. Die Attraktivität unserer Initiativen scheint wohl gegeben, dennoch wirkt sich das nicht in Beitrittszahlen aus.

Ganz offensichtlich existiert nach wie vor ein gewisses Ressentiment gegenüber dem Heimatverein.

Wie schafft man eine Attraktivität für einen Verein, der prima facies anscheinend einen angestaubten Charakter hat? Cornelia Oelwein hat in ihrem Beitrag in der Heimat am Inn 33/34 diese Problematik trefflich umschrieben. Wenn heutige Moderne die Kulturgeschichte von morgen ist, dann lasst uns Themen aufgreifen, die auch junge Menschen interessieren.

Das könnte z.B. das 19. und 20. Jahrhundert sein. Das Projekt um die jüdischen displaced persons, das Jim Tobias am 17. März 2014 bei seinem Vortrag bei uns so mitreißend angesprochen hat, ist es sicher wert, gefördert zu werden und deshalb haben wir im Vorstand auch eine Förderung beschlossen. Wir wissen, dass gerade die Geschichte des Nationalsozialismus in Deutschland und seine Folgen nach wie vor Wunden zu schlagen weiß. Aber nur durch gezielte Forschung können wir Geschichte angemessen aufarbeiten.

Und noch ein anderer Punkt liegt mir am Herzen. Die Migration unserer Tage ist nicht nur eine regionale, sondern eine globale. Wir sollten alle miteinander an unserer Willkommenskultur arbeiten. Wir sollten offen sein für Menschen anderer Regionen, anderer Kulturen. Dazu müssen wir ihnen zeigen, dass wir eine eigene Kultur haben und diese Kultur mögen und leben.

Sie wissen, dass ich 14 Jahre im Orient gelebt habe, davon war ich 8 Jahre an einer katholischen Klosterschule in Alexandria beschäftigt. Die Schule war katholisch in einer muslimischen Welt, sie unterrichtete ausschließlich Mädchen in einer Männergesellschaft, sie vermittelte deutsche, europäische Werte im Orient. Sie war respektiert und akzeptiert, weil wir die Schülerinnen zum gegenseitigen Respekt erzogen und das wurde auch von fundamentalistischen Moslems respektiert. Manche von ihnen gingen sogar mit in die Kirche, so wie wir in die Moschee oder die Synagoge mitgingen. Und wir zogen in der Moschee die Schuhe aus und setzten uns in der Synagoge die Kippa auf. Dieser Respekt funktionierte, weil auch wir unsere eigene Kultur respektierten. Das was wir an mörderischem Wahnsinn in der Welt erleben, ist Ergebnis umfassender gegenseitiger Respektlosigkeit.

Und deshalb hat nach meinem Dafürhalten der Heimatverein eine wichtige Aufgabe, wenn er es als seine Aufgabe ansieht, bei der Integration von Menschen aus anderen Regionen und Kulturen mitzuwirken. Der Heimatverein ist deshalb dafür prädestiniert, weil hier der Respekt für die eigene Heimat gelebt wird. Und dieser Respekt wirkt integrationsfördernd. Davon bin ich überzeugt.

 

Abschließend, liebe Freunde, der HV WS hat ein spannendes, attraktives Angebot und dieses Angebot wird gut genutzt. Auch für 2015 ist es gelungen, ein vielfältiges Programm vorzubereiten. Ich danke hier allen, die an der Vorbereitung sich beteiligt haben, ganz besonders unserem geschäftsführenden Vorsitzenden Matthias Haupt. Ich bin sehr dankbar, einen derart tüchtigen geschäftsführenden Vorsitzenden an meiner Seite zu wissen.

Wir wollen denen, die Mitglied bei uns sind, das Vereinsleben auch weiterhin spannend machen und diejenigen, die zweifeln, einen evtl. Beitritt erleichtern. Deshalb werden wir künftig kostenpflichtige Veranstaltungen für Mitglieder günstiger oder gar kostenlos anbieten und Nichtmitglieder den vollen Preis zahlen lassen. Ich bin nicht der Ansicht, dass diejenigen, die durch ihre Mitgliedschaft den Heimatverein mit Leben erfüllen, nicht einen Vorteil bei der Inanspruchnahme der Angebote des Vereins haben sollen. Die Mentalität des: „Was habe ich denn von der Mitgliedschaft außer dem freien Eintritt ins Museum?“ wollen wir dadurch nicht noch zusätzlich nähren.

Wir werden eine Familienmitgliedschaft anbieten, damit die jüngere Generation auf ganz natürliche Weise an unseren Verein herangeführt werden kann. Junge Menschen interessieren sich für Geschichte, und sie interessieren sich für ihre Heimat. Das haben wir zuletzt bei der Ausstellung im LGW gesehen. Wenn wir selbst verschämt auf unsere Heimat und die damit verbundenen Traditionen blicken, dürfen wir uns aber nicht wundern, wenn die nachfolgende Generation dem mit vergleichbarer Zurückhaltung begegnet. Ich betone nochmals: Nur wenn wir selbst zu unseren Fundamenten, zu unseren Werten, zu unserer Tradition stehen, können wir erwarten, dass diesen Werten Respekt gezollt wird.

 

Wir wollen im HV zusätzliche Segmente der Heimatpflege beleuchten: Natur und Kunst. Ich freue mich daher, dass wir im kommenden Jahr unseren bekannten Wasserburger Maler Willy Reichert bei sich zu Hause besuchen dürfen und mit ihm über Wasserburg, seine Sicht auf die Stadt und die Gegend und seine Heimatverbundenheit sprechen können. Lieber Willy, hab herzlichen Dank dafür, dass Du bereit bist, an dieser Offenheit unseres Vereins aktiv mitzuwirken.

Auch mit dem Bund Naturschutz wollen wir kooperieren, ich glaube, dass es hier viele Berührungspunkte gibt, in denen eine gute Kooperation möglich ist.

Liebe Freunde, der Wasserburger Heimatverein ist ein wirklicher Wasserburger Kulturverein, der sich intensiv um die Vermittlung von regionaler Kultur besorgt ist und wir wissen, dass in unserer Stadt das auch so gesehen wird. Dabei sind wir offen für alle, die mit uns zusammenarbeiten wollen und wir freuen uns über jedwede Zusammenarbeit.

 

Ich freue mich, mit Ihnen den HV WS in seiner bisher bestens bewährten Form begleiten zu dürfen und kleine Impulse bei der Weiterentwicklung liefern zu können.

 

„Menschen brauchen Zukunft, um ihre Herkunft durch Innovationen zu retten: Herkunft braucht Zukunft. Aber die Menschen haben nie genug Zukunft um beliebig viele Innovationen herbeizuführen; denn egal wie lange sie leben, dafür sterben sie immer zu früh. Darum müssen die Menschen stets mehr das Alte bleiben, das sie schon waren, als sie jenes Neue sind, das sie erst werden wollen. Also: Zukunft braucht Herkunft. Beim menschen gehört zu jeder Belastung mit Innovationsleistungen die Entlastung durch Kontinuitätskultur, sonst zerstört er sich .

In diesem Sinne sind Kontinuität (oder Tradition) und Innovation im Heimatverein richtiges Ereignis. Und darauf wollen wir auch weiter bauen.

 

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit

 

 

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