Seit 1785: Eine Familie – ein Handwerk

Die 230-jährige Geschichte der Gerberei Irlbeck in Wasserburg

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P1060065Ob Schafe, Rehe, Füchse, Marder oder Ziegen – keiner kommt aus! Den Vierbeinern wird bei der Familie Irlbeck das Fell sprichwörtlich „über die Ohren gezogen“. Die Gerberei der Irlbecks befindet sich mittlerweile in der Hand der siebten Generation. Die ersten Schritte als Gerber machte ein Vorfahre von Mario Irlbeck, jetziger Besitzer der Pelzzurichterei, im Jahre 1785. Heute gilt das Familienunternehmen als älterster Handwerksbetrieb in der Stadt Wasserburg. Ob Marios Kinder Aryd und Larsia, seine Ehefrau Patricia oder die Großeltern Dorle und Alex Irlbeck – nach wie vor helfen alle fest zusammen. Heute war übrigens ein großer Tag für die Gerberei …

P1060064„1785 ist der erste Irlbeck hier her nach Wasserburg gekommen“, erzählt Alex Irlbeck (Foto mit seinem Enkel), ehemaliger Besitzer und Seniorchef der Gerberei. Über Jahrhunderte wurde die Familientradition aufrecht erhalten und stets an die nächste Generation weitergegeben. „Seit meinem 15. Lebensjahr war ich in der Gerberei tätig.“

Die Brüder Jakob, Anton und Alex gründeten damals, nach dem Tod des Vaters, eine KG. Mit seinen Geschwistern fertigte er wie schon in den Jahren zuvor Sohlleder für Schuhe. 1960 gründete der heute 83-jährige die Pelzzurichterei. Von diesem Zeitpunkt an wurden im Hause Irlbeck Pelze gegerbt. „Durch die Industrialisierung wurde der Verkauf von Sohlleder immer schlechter. Gummi und Kunststoff haben die Vorherrschaft übernommen.“ Tatkräftige Unterstützung hatte Alex Irlbeck dabei immer von seiner Gattin Dorle: „Ich habe immer mitgeholfen. Ob Buchführungen, Rechnungen schreiben und vieles mehr.“

Auch der Sohn von Alex und Dorle konnte sich schon immer für die Tätigkeit der Eltern begeistern. Er besuchte die Gerberschule in Reutlingen und übernahm 2013 die Pelzzurichterei. „Da Mario hat schon immer mitgewerkelt. Er hat den Betrieb auch gern übernommen. Man kann wirklich sagen, dass er Gerber mit Leib und Seele ist“, sagt Dorle Irlbeck. Sie erzählt auch, dass Marios Frau Patricia eine große Bereicherung für den Betrieb sei: „Er hat das große Glück, dass Patricia aus einem Elternhaus stammt, in dem der Vater auch Jäger war. Von Kind auf hatte sie mit Fellen und Wildtieren zu tun. Sie ist eine große Stütze und kann mit der Kundschaft im Jägerlatein gut umgehen.“

P1060074Die meisten Aufträge, die Mario Irlbeck erhält, stammen von Jägern und privaten Interessenten. Früher habe man sogar die Felle von Bären und Tigern gegerbt. „Mit den jetzigen Gesetzen ist das nicht mehr möglich“, erzählt Dorle Irlbeck. Jagdtrophäen wie Dachse, Füchse, Rehe oder auch Biber seien noch immer üblich. Doch vor allem bei Tieren wie dem Biber sei eine Genehmigung nötig: „Bei uns werden nur Biberfelle gegerbt, die von den Biber-Beauftragten des Landratsamtes mit einem Zertifikat freigegeben wurden.“ Die Felle werden von den Kunden normalerweise bereits gesalzen geliefert. „Hin und wieder haben wir auch Füchse. Die werden vom Mario dann ausgezogen und fachgerecht entsorgt“, sagt Dorle Irlbeck. Wegen dem großen Tier-Überschuss in den Wäldern, müsse der Bestand reduziert werden. „Wenn die Tiere nicht nur abgeknallt werden, sondern danach noch verwendet werden können, dann hat das ja einen Vorteil“, sagt Mario.

Momentan haben der 49-jährige und seine Familie alle Hände voll zu tun. Die alte Gerberei-Maschine wird durch eine neue ersetzt. Heute war der große Tag.  „Unsere alte Maschine ist zirka hundert Jahre alt. 1960 haben wir sie von der Firma Ort & Sohn Lederfabrik in München übernommen. Damals hätte so eine Maschine 30.000 DM gekostet. Für einen so kleinen Betrieb wie wir ihn haben, wäre das unerschwinglich gewesen. Deshalb haben wir sie gebraucht übernommen“,sagt Dorle. Nicht nur die Kosten stellten in der damaligen Zeit eine Hürde dar. Auch der Transport, der zirka sechs Tonnen schweren Maschine, brachte Schwierigkeiten mit sich: „Mit den damaligen Mitteln war es wirklich ein Problem. Wir haben uns von der Stadt einen Kettenflaschenzug ausgeliehen und die Maschine mit Rollen bewegt. Der Transport war eher mittelalterlich. Hebebühnen oder Ähnliches gab es ja noch nicht“, erzählt Alex Irlbeck. Der Rahmen der alten Maschine sei durchgerostet. Sie habe jetzt ausgedient. „Die neue Maschine hat nur ein drittel des Gewichtes. Die Hydraulik ist natürlich moderner, aber ansonsten ist nicht viel anders“, so Mario.

Was das Handwerk betrifft wird sich auch in der Zukunft nicht viel ändern: „Es ist wie bei allem: Die Industrie drückt rein, mit Silikonen und Haarbeschichtungen. Wir machen das aber weiterhin so wie wir es schon immer machen“, erzählt Mario Irlbeck zuversichtlich. Was die Zukunft betrifft, will er sich noch nicht festlegen. Ob Aryd oder Larsia die Gerberei einmal übernehmen werden, stehe noch nicht fest: „Bis wir uns darüber Gedanken machen müssen, ist es noch mindestens zehn Jahre hin. Das hängt vielleicht auch von der wirtschaftlichen Lage ab.“  ISA

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