Schüler lauschen dem Zeitzeugen

Ehemaliger KZ-Häftling Max Mannheimer hält Vortrag am Gymnasium

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rink_kIn der Aula des Luitpold Gymnasiums hätte man heute eine Stecknadel fallen hören können. Gespannt lauschten die Schüler und Schülerinnen der zehnten und elften Klasse dem Zeitzeugen Max Mannheimer. Der 95-Jährige wurde 1943 nach Auschwitz deportiert. Nach einem langen Leidensweg wurde er über zwei Jahre später von den amerikanischen Truppen befreit. Seit vielen Jahren besucht er als Zeitzeuge Schulen und andere Institutionen. Am heutigen Mittwoch konnte Peter Rink, Direktor des Wasserburger Gymnasiums (rechts), Max Mannheimer zum wiederholten Male begrüßen.

Als Willkommensgruß bot der Chor des Luitpold Gymnasiums ein hebräisches Lied dar. Max Mannheimer fischte sich aus dem Liedtext das Wort „Geschenk“ heraus. „Es ist wirklich ein Geschenk, dass ich mit 95 Jahren noch hier sitzen darf“, sagte er.

Direktor Peter Rink begrüßte den Gast mit sichtlicher Freude: „Es ist mit 95 Jahren nicht mehr ganz so leicht, herumzureisen. Um so mehr freut es uns, dass Sie wiedereinmal nach Wasserburg gekommen sind. Das ist für die Schüler und auch für die Erwachsenen sehr wichtig“, betonte Rink.

Max Mannheimer wurde 1920 in Neutitschein (Tschechoslowakei) geboren. Er erlernte den Beruf des Kaufmanns. Nach der Besetzung des Sudetenlandes übersiedelte seine achtköpfige Familie nach Ungarisch Brod. 1943 wurde der damals 23-jährige nach Auschwitz deportiert. Im Oktober des selben Jahres überstellte man ihn als „Arbeitsjude“, so die Sprache des Nazi-Unrechtregimes,  nach Warschau und im August 1944 nach Dachau. In den Jahren bis zu seiner Befreiung am 30. April 1945 erfuhr Mannheimer nicht nur größte Demütigung und Vertreibung, er war auch tagtäglich mit dem Tod konfrontiert und blieb vor Krankheiten, Hunger und Misshandlung nicht verschont. Heute ist er Vorsitzender der „Lagergemeinschaft Dachau“ und unermüdlich in Vorträgen. Mit seiner Frau lebt er in der Nähe von München.

Um mit seiner Vergangenheit umgehen zu können, entschloss er sich im Rahmen von Vorträgen seine Lebensgeschichte zu erzählen. „Ihr seid nicht verantwortlich für das, was geschah. Aber dafür, dass es nicht wieder geschieht“, sagte er in der Diskussion mit Schülern.

Auch bei seinen Erzählungen betonte er: „Ich bin nicht hier als Richter der Ankläger, sondern als Zeuge der Zeit.“ In seinem zirka 80-minütigem Vortrag sprach er von der Entstehung des ersten Konzentrationslagers. Er beschrieb, wie er mit seiner Familie aus deren Heimat vertrieben wurde und legte seine persönlichen Erlebnisse dar. „Als ich aus dem Zugfenster blickte, sah ich Häftlinge in zerrissenen Kleidern. Wir warfen ihnen Brot zu und sie stürzten sich darauf.“

Nachdem seine Schwestern und seine Mutter bereits abtransportiert worden waren, wurden er und seine Brüder mit den anderen Deportierten aussortiert. Sie mussten jeglichen Besitz abgeben, wurden kahl geschoren und unter kalte Duschen gesteckt. Im Februar erhielten die Häftlinge nur eine dünne Uniform. „Wir zitterten nicht nur wegen der Kälte, sondern auch wegen der großen Angst. Ich sagte zu meinem Bruder, dass wir Schaufeln bekommen werden, mit denen wir unser eigenes Grab schaufeln“.  Von den mit ihm insgesamt 1000 abtransportierten Menschen, lebten am folgenden Tag nur noch 218. Unter den Überlebenden: Max Mannheimer mit seinen beiden jüngeren Brüdern.

Oft habe er ans Aufgeben gedacht, so der Zeitzeuge. Bis ihn sein jüngerer Bruder einmal gefragt habe, ob er ihn alleine lassen wolle. „Daraufhin drehten sich meine pessimistischen Gedanken um 180 Grad. Ich musste meine jüngeren Brüder beschützen.“

Sein großes Durchhaltevermögen und der Glaube an die Freiheit wurden am 30. April 1945 belohnt. Die Amerikaner befreiten das Konzentrationslager in Dachau. „Das Datum hab ich mit Hitler gemeinsam. Er ist an diesem Tag in die Hölle gefahren und ich wurde wiedergeboren.“

Nach seinen Erzählungen gab er den Schülern die Möglichkeit, Fragen zu Stellen. Er zeigte sein Häftlingsnummer und erzählte auch, dass damals nicht in jeder Uniform ein Mörder steckte. Seine heutige Gefühlslage beschreibt er wie folgt: „Hier an den Schulen sehe ich nur Positives. Aber wenn ich die ganzen Proteste gegen die Flüchtlinge aus aller Herren Länder sehe, erinnert mich das schon ein bisschen an unsere Verfolgung. Das macht mir Sorge. Macht ist etwas gefährliches. Wenn jemand an die Macht kommt, dann dauert es nicht lange, bis diese missbraucht wird.“

Peter Rink verabschiedete den 95-jährigen und dankte ihm für seine Mühen: „Lieber Max, bitte bleib gesund. Wir brauchen dich noch.“ Daraufhin erwiderte Mannheimer mit viel Witz und Charme: „Sollen wir schon einen Termin für nächstes Jahr ausmachen?“ ISA

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