„Politik kann vieles nicht auffangen“

Ilse Aigner bei Podiumsdiskussion der „Aktion für das Leben“ zu Gast

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Bild PodiumsdiskussionKRohrdorf/Wasserburg – Einen hochkarätigen Ehrengast konnte der Vorstandsvorsitzende der „Aktion für das Leben Rosenheim“, Alfred Trageser, bei der Jahreshauptversammlung des Vereins begrüßen: Die stellvertretende Ministerpräsidentin Ilse Aigner war extra nach Rohrdorf ins Gasthaus zur Post gekommen, um vor den Vereinsmitgliedern und zahlreichen Interessenten zu sprechen sowie an einer Podiumsdiskussion teilzunehmen. Die Diskussion leitete der Wasserburger Karl Königbauer.

„Sie kennt die Aktion seit ihren Anfängen und wird heute über die Themen Wirtschaft, Arbeitsmarkt und Ausbildung referieren“, so Trageser. Aigner betonte, dass die Arbeit der „Aktion für das Leben Rosenheim“ eine wesentliche Stütze für Menschen in Notlagen sei. „Dieses vorbildliche Engagement ist mit Geld nicht aufzuwiegen“, lobte sie den ehrenamtlichen Verein.

Dabei, so betonte sie, sei man in der Region Rosenheim noch sehr gut aufgestellt. „Die Ausbildungssituation hier ist gut“, sagte Aigner. In anderen Gebieten Deutschlands habe man mit größeren Problemen durch den demographischen Wandel zu kämpfen: Auf der einen Seite gebe es Betriebe, die ihre Lehrstellen nicht besetzen können, auf der anderen Seite junge Menschen, die keinen Ausbildungsplatz finden. Der Dreh- und Angelpunkt bei diesem Problem sei eine florierende Wirtschaft. Hier verdeutliche die stellvertretende Ministerpräsidentin insbesondere die große Bedeutung des Mittelstandes in der Region. „Sie sind die hidden champions, um die müssen wir uns kümmern“, sagte sie. Außerdem betonte sie den hohen Wert des Meisters: „Er ist der Garant, dass Menschen ausgebildet werden.“ Wichtig für eine gute Ausbildungssituation und eine gute Wirtschaft sei außerdem das stabile Bildungssystem. Hier plädierte Aigner dafür, auch die handwerkliche Ausbildung wertzuschätzen. „Wir müssen weiter in die Köpfe investieren“, betonte sie.

Als problematisch betrachtete sie das Thema „Erbschaftssteuer“: „Da ist nicht mit Freibeträgen geholfen“, so Aigner. Das Vermögen eines Betriebs stecke im Unternehmen – durch eine hohe Erbschaftssteuer fehle das Geld für Investitionen. Schließlich legte sie den Zuhörern nahe, in Zeiten der zunehmenden Digitalisierung nicht die direkte Kommunikation zu vergessen. „Das Zwischenmenschliche wird in Zukunft eine wesentliche Voraussetzung, auch um auf dem Arbeitsmarkt zu bestehen“, sagte Aigner.

Von Mensch zu Mensch kommuniziert wurde dann auch direkt im Anschluss bei einer Podiumsdiskussion. Unter der Leitung von OVB-Redakteur und Betriebsratvorsitzenden Karl Königbauer nahmen Landrat Wolfgang Berthaler, Ilse Aigner, „Aktion für das Leben“-Geschäftsführerin Brigitte Plank, Stadtpfarrer Sebastian Heindl und „Jugend in Arbeit“-Pate Günther Bauer daran teil.

Es ging etwa um die Frage, ob ein Kind ein „Risikofaktor“ sei. Brigitte Plank meinte, in manchen Fällen würden es die Hilfebedürftigen, die bei der Aktion für das Leben Unterstützung suchen, schon so sehen. „Sie sagen, bei all der Liebe für das Kind, dass es ihnen davor wirtschaftlich besser ging“, so Plank. Problematisch sei es vor allem, wenn Alleinerziehende durch das Raster der sozialen Sicherung fallen. Aigner betonte, dass sich politisch schon viel bewegt habe: Etwa durch das Betreuungsgeld, das Erziehungsgeld und den Ausbau der Krippenplätze. Pfarrer Heindl berichtete allerdings von sozialen Brennpunkten, die sich in einigen der Kindergärten Rosenheims widerspiegelten. „Es ist eine Kette von Ereignissen“, erklärte er. Schlechte Ausbildung führe zu einer gering bezahlten Arbeit, die Notwendigkeit von mehreren Jobs führe zu weniger Zeit für das Kind. „Hier müssen die Erzieherinnen vieles auffangen“, so Heindl, der für mehr Personal in den Betreuungseinrichtungen plädierte.

Landrat Berthaler nahm diesen Gedankengang auf. Auch an die Gemeinden kämen große Herausforderungen, weil viele Alleinerziehende überfordert seien und zum Beispiel Sozialleistungen, die sie bekommen würden, gar nicht beantragen – weil sie darüber nicht Bescheid wissen. „Hier müssen unsere Mitarbeiter in den Kommunen die Menschen bei der Hand nehmen“, so Bertahler. Außerdem sehe er einen großen Bedarf an Nachmittagsbetreuung an den Schulen. Problematisch für viele Familien sei auch der Mangel an bezahlbarem Wohnraum, diese These stelle Moderator Königbauer auf. Landrat Berthaler erklärte dazu, dass man aktuell für den großen Zustrom an Flüchtlingen viele günstige Wohnungen anmiete, um sie Asylbewerber dezentral unterzubringen. „Das mindert den Mark an günstigen Wohnungen“, beschrieb er das Dilemma.

Zum Paradox, dass es zu wenige Azubis und gleichzeitig freie Ausbildungsstellen gibt, sagte „Jugend in Arbeit“-Pate Bauer: „Das Angebot und die Nachfrage passen oft nicht zusammen.“ Außerdem hätte viele junge Menschen gar keine Visionen von ihrer beruflichen Zukunft. Aigner betonte, dass gerade manche traditionellen Berufe wie Bäcker unattraktiv seien. Als Schlusswort fasst sie zusammen, dass viele der angesprochenen Probleme nicht über die Politik aufzufangen sein werden. „Deswegen wird das Ehrenamt auch in Zukunft einen sehr wichtigen Stellenwert haben“, so Aigner.

Foto: Diskutierten über soziale Fragen: Landrat Wolfgang Berthaler, Ilse Aigner, Moderator Karl Königbauer, „Aktion für das Leben“-Geschäftsführerin Brigitte Plank, Stadtpfarrer Sebastian Heindl und „Jugend in Arbeit“-Pate Günther Bauer (von links). Text und Bild: Katharina Heinz

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