Offener Brief an den Gesundheitsminister

Ethikkomitee der RoMed Kliniken fordert Veränderungen im Gesundheitswesen

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romed_demo1Landkreis – Die Proteste verhallten wie bei dem legendären Rufer in der Wüste. Im Juni dieses Jahres protestierten die Mitarbeiter der RoMed Kliniken noch gegen drastische Kosteneinsparungen und die damit verbundenen Qualitätsverluste in der Patienten-Betreuung (wir berichteten, Foto). Auch ein offener Brief an das Bundesgesundheitsministerium blieb ohne Reaktion. Jetzt schickte das Ethikkomitee der RoMed Kliniken diesen offenen Brief noch einmal ab. In der Hoffnung, dass im Ministerium wenigstens ein Verantwortlicher während der staaden Zeit die Muse hat, um die Zeilen aufmerksam zu lesen.

Zwar wurde im November jetzt das Krankenhausstrukturgesetz (KHSG) verabschiedet und hat an einigen Stellen die im ersten Entwurf angedachten nochmaligen deutlichen Verschlechterungen für die Krankenhäuser in der Endfassung abgemildert. Eine wirkliche Verbesserung oder gar Lösung insbesondere für den Pflegedienst, auf die das Ethikkomiteemit dem Brief aufmerksam machen will, stellt es aber keineswegs dar.

offener_briefHier der Brief im Wortlaut:

Offener Brief zur Entwicklung im Gesundheitswesen

Sehr geehrter Herr Bundesminister Gröhe,

seit einigen Jahren treffen sich im Ethikkomitee der RoMed Kliniken für Stadt und Landkreis Rosenheim größtenteils langjährige und erfahrene Mitarbeiter aus vielen verschiedenen klinischen Professionen. Wir sind in ethisch schwierigen Situationen für Patienten, Angehörige und Mitarbeiter beratend da, und nehmen auch allgemein ethisch relevante Gegebenheiten und Entwicklungen in unseren Häusern wahr, und diskutieren und bearbeiten diese.

In Ausübung dieser Aufgaben stellen wir in zunehmendem Maß fest, dass die an uns herangetragenen ethischen Problematiken vielfach mit den internen Mechanismen und Möglichkeiten eines einzelnen Krankenhauses nur unzureichend bearbeitet und gelöst werden können, weil sie wesentlich ihre Ursache in der höchst fragwürdigen grundlegenden Einbettung des Gesundheitswesens in unsere Gesellschaft haben.

Vor einigen Jahren wurde die politische Entscheidung getroffen, das deutsche Gesund-heitswesen den Mechanismen des Wettbewerbs auszusetzen. Dies geschah sicher mit der guten Absicht, durch marktwirtschaftliche Prinzipien und Methoden finanzielle und qualitative Optimierungen zu erzielen, und so manche Verbesserungen und Erfolge in dieser Richtung haben sich so auch tatsächlich erreichen lassen.

Weit schwerwiegender sind nach unserer Erfahrung und Einschätzung aber die Kehrseiten dieser Entscheidung und der sich daraus ergebenden Entwicklungen:

  • Der zum Wesen einer Wettbewerbswirtschaft gehörende ständige Kosten- und Ein-sparungsdruck führt – nachdem die sicher sinnvollen Einsparungen bei Material-verbrauch und durch strukturelle Optimierungen inzwischen weitestgehend ausgereizt sind – seit Jahren zunehmend auch zu Einsparungen im Bereich des medi-zinischen und vor allem des pflegerischen Personals.
  • Gleichzeitig kommt es zu einer zunehmenden Arbeitsverdichtung durch eine ständig zunehmende Anzahl an Patienten, die in immer kürzer werdender Verweildauer medizinisch und pflegerisch behandelt und auch verwaltungstechnisch bewältigt werden müssen.
  • Parallel dazu ist der Zeitaufwand für Dokumentation und organisatorische Anforderungen durch die DRG-basierte Finanzierung und ständig zunehmende Effizienzanforderungen und Qualitätsnachweise (wie z.B. Zertifizierungen) eminent angewachsen.
  • Durch die derzeitige Art der Finanzierung unserer Krankenhäuser und den darin bewusst enthaltenen ständig wachsenden Kostendruck (mit dem Ziel, auf diese Weise einen angeblichen Überhang an Krankenhausbetten über den Markt zu regulieren) ist inzwischen ein System entstanden, das nur dadurch überleben kann, dass es jedes Jahr mehr Leistungen erbringt – und zwar vor allem im Bereich der Prozeduren, die in den DRG’s weit höher berücksichtigt sind als Kommunikations- und Beziehungsleistungen.

 

 

 

 

Diese von der Politik eingeleitete Entwicklung führt zu dramatischen Konsequenzen im klinischen Alltag, die wir auch aus ethischer Sicht für hoch problematisch halten. Auf längere Sicht wird dieser eingeschlagene Weg das gesamte Krankenhauswesen gefährden – und mit ihm die Menschen, die in ihm arbeiten:

 

  • Die oben beschriebene Arbeitsverdichtung mit gleichzeitiger Schwerpunktverlagerung hin zu immer mehr Zeitaufwand für Dokumentation und organisatorischen Tätigkeiten führt zu einem immer eklatanteren Mangel an Zeit und Kraft für den Aufbau und die Pflege einer guten Beziehungsebene mit den Patienten. Diese aber ist ein unabdingbarer Wesensbestandteil für das Gelingen des Heilungsauftrages und für das Empfinden des Patienten, entsprechend seiner (nach unserem Grundgesetz unantastbaren) Menschenwürde gesehen und behandelt zu werden.
  • Auf Seiten der Ärzte und Pflegenden führen diese Einschränkungen auf der Beziehungs- und Kommunikationsebene zu starken Verlusten bei der Arbeitszufriedenheit bis hin zu einem Grundgefühl, den eigenen inneren und berufsethischen Ansprüchen immer weniger gerecht werden zu können. Dies hat beschädigende oder gar zerstörerische Folgen vor allem für hochmotivierte und engagierte Persönlichkeiten. Wir sehen darin auch eine Infragestellung der grundgesetzlich garantierten Würde dieser für unsere Gesellschaft ungeheuer wertvollen und unabdingbar wichtigen Menschen.
  • Die eminente Arbeitsverdichtung und der harte wirtschaftliche Effizienzdruck führen des Weiteren dazu, dass gerade für ältere Mitarbeiter, die nach oft jahrelanger aufopferungsvoller Arbeit körperlich oder seelisch an die Grenzen ihrer Kraft kommen oder die durch eine Krankheit vorübergehend oder dauerhaft in ihren Leistungsmöglichkeiten begrenzt sind, kaum noch Tätigkeitsbereiche zu finden sind, die ihren Möglichkeiten und Grenzen entsprechen.

 

Oben genannte Punkte sind nur eine sehr knappe Andeutung einiger wesentlicher Aspekte, die sich noch vielfältig ausweiten und ergänzen ließen. An Dramatik wird dies alles sicher in

 

den kommenden Jahren noch zunehmen – vor allem durch die demographische Entwicklung mit ihren Auswirkungen auf die Patienten- und Mitarbeiterstruktur.

Die jetzt schon über viele Jahre anhaltenden ungeheuren Bemühungen, dem Diktat der wettbewerbswirtschaftlichen Mechanismen Rechnung zu tragen (mit all den oben an-gedeuteten negativen Konsequenzen), konnten nicht verhindern, dass zur Zeit dennoch etwa 50 % der deutschen Krankenhäuser rote Zahlen schreiben. Kann das wirklich nur die Folge von Misswirtschaft sein?

Nach unserer Wahrnehmung und Überzeugung handelt es sich hier um ein grundlegendes Systemversagen, das auf Fehlern beruht, die deutliche Korrekturen dringend erforderlich machen.

Kurzfristig scheinen uns zwei Maßnahmen unumgänglich:

  1. Eine gesetzliche Fixierung von Mindeststandards bezüglich der personellen Ausstattung unserer Krankenhäuser bei Pflege, Ärzten und weiteren in der direkten Patientenversorgung tätigen Berufsgruppen. Dabei muss der Zeit- und Kraftfaktor für die Beziehungs- und Kommunikationsarbeit unbedingt weit höhere Berücksichtigung finden, um ethischen Mindestansprüchen an ein humanes Krankenhauswesens zu genügen.
  2. Deutliche Korrekturen bei den DRG-Regelungen gerade in Hinsicht auf die finanzielle Honorierung der Kommunikations- und Beziehungsarbeit des Personals.

Mit der derzeit politisch diskutierten Krankenhausreform (KHSG) kann eine wirkliche Ver-besserung der aufgezeigten Problematik nicht gelingen. Die Finanzierung der Krankenhäuser wird sogar nochmals verschlechtert und die Pflegestellenförderung erscheint uns nur als Alibiprogramm zur Beruhigung der Kritiker inhumaner Strukturen.

 

Mittel- und langfristig scheint uns eine noch viel grundlegendere, politisch und gesellschaftlich breit angelegte Debatte unumgänglich. Fragestellungen dazu könnten lauten:

 

 

  • Welchen Stellenwert hat eine wirklich menschenwürdige Begleitung alter und kranker Menschen für eine humane Gesellschaft, die sich auf die Werte unseres Grundgesetzes beruft?
  • Wieviel sind wir bereit, auch finanziell zu investieren, um eine so wesentliche Auf-gabe unserer Gesellschaft für alle Beteiligten in guter Weise erfüllen zu können?
  • Kann es richtig sein, ein so zentrales Gut unserer Werteordnung den Mechanismen der Wettbewerbswirtschaft auszusetzen – mit all den damit einhergehenden Einbußen auf der Ebene der Ethik und der Menschlichkeit?

 

Sehr geehrter Herr Bundesgesundheitsminister, wir bitten Sie dringend, den sich immer deutlicher zeigenden Fehlentwicklungen in der derzeitigen Struktur unseres Gesundheitswesens durch geeignete Sofortmaßnahmen (s.o.) entgegenzuwirken. Gleichzeitig bitten wir Sie, eine breit angelegte, alle gesellschaftlichen und politischen Kräfte unsers Landes ein-beziehende Debatte anzustoßen, um für die Zukunft eine den im Grundgesetz verankerten Grundwerten besser entsprechende Einbettung des Gesundheitswesens in unsere Gesellschaft zu erreichen.

 

Mit freundlichen Grüßen                                                                                                         für das Ethikkomitee

 

Josef Klinger
Sprecher

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