„Narrenschiff“ holt für immer die Segel ein

Nach 13 Jahren stellt das Theater von Jörg Herwegh seinen Betrieb ein - Ein Rückblick

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seitblicklick_herwegh_kNach 13 Jahren intensiver Theaterarbeit und 92 Inszenierungen beendet Theaterleiter Jörg Herwegh den Betrieb des Wasserburger Theaters „Das Narrenschiff“. „Selbst in den vielen erfolgreichen Jahren nach der Gründung 2002 war der freie und unabhängige Theaterbetrieb ein finanzieller Drahtseilakt. In den letzten Jahren ist aber der Kostendruck bei sinkenden Zuschauereinnahmen zu stark geworden“, so Herwegh.

Der Raum Wasserburg mit seinen Nachbargemeinden weise schon seit Jahren eine ungewöhnlich hohe Dichte an kulturellen Veranstaltungen auf. Seit einiger Zeit seien gerade im Kleinkunstbereich nochmals etliche Anbieter dazugekommen. „Am Beispiel unserer kleinen Bühne Narrenkeller im Herzen der Wasserburger Altstadt lässt sich die Misere leicht erklären.“

2004 mit dem irischen Stück „Die Schönheitskönigin von Leenane“ erfolgreich eröffnet, habe man in den ersten Jahren für die Konzerte und Gastspiele bekannter regionaler Größen wie etwa Peter Ludwig kaum Plakate aufgehängen oder Werbung machen müssen. „Seit 2010, als wir über die Archive die Anzahl der kulturellen Veranstaltungen ausrechneten und auf eine Verdoppelung dieser im Raum Wasserburg seit 2002 kamen, war der Keller aber nur noch ein Zuschuss-Geschäft und wurde 2012 als Veranstaltungsbühne geschlossen“, so Herwegh rückblickend.

Beim Theaterbetrieb „Das Narrenschiff“ sei nun in den letzten drei Jahren die Verschuldung derart gestiegen, dass der Theater-Leiter aus den Einnahmen auswärtiger Engagements immer mehr die Löcher des Narrenschiffs stopfen musste. Jörg Herwegh: „Man darf ja nicht vergessen, dass ich seit jeher zusätzlich zu den lokalen Narrenschiff-Aktivitäten als Regisseur und Schauspieler etwa beim Tegernseer Volkstheater oder beim Freien Landestheater Bayern engagiert sowie als Kabarettist oder Moderator tätig war. Irgendwann kann man es finanziell und kräftemäßig nicht mehr stemmen, nur noch für den Erhalt eines aufwändigen Theaterbetriebes zu arbeiten.“

Jörg Herweghs Blick zurück ist jedoch keiner im Zorn. Im Gegenteil: Stolz kann man beim „Narrenschiff“ auf viele Erfolge zurückblicken. 2000 löste Herwegh sein Rosenheimer „Rosemble“ auf und zog mit seiner schwangeren Frau in die Nähe nach Wasserburg, um beim Theater Belacqua (damals unter der Leitung von Gerry Mierbeth) in den neu von der Stadt gebauten Räumen des Kulturforums an der Salzburger Straße als Gastregisseur und -schauspieler zu arbeiten. Die gemeinsame langjährige Zusammenarbeit beider im alten Belacqua im Greinbräu mit dem Höhepunkt 1999, als Herwegh unter Mierbeths Regie im Amphitheater am Stoa den Peer Gynt spielte, sollte fortgesetzt werden. Herweghs Regie von Werner Schwabs „Die Präsidentinnen“ sorgte 2000 für einige Diskussionen in der kleinen Innstadt.

Jörg Herwegh: „Im Frühjahr 2002 kündigte Mierbeth Knall auf Fall der Stadt Wasserburg. Für mich, der ich in die Leitung des Belacquas als Gast nicht involviert war, ein unerwarteter Schlag. Schließlich erwartete meine Frau unser zweites Kind.“ Da die Stadt Wasserburg von dieser Kündigung genauso überrascht war und das Kulturforum bald leer stand, beschloss Herwegh mit einigen alten Stammspielern des Wasserburger Theaters, eine neue Theatertruppe ins Leben zu rufen. So entstand im Herbst 2002 das Theater „Das Narrenschiff“, dem gleichnamigen spätmittelalterlichen Bestseller von Sebastian Brant entliehen. Das Narrenschiff bewarb sich bei der Stadt um das Kulturforum, mietete im Oktober 2002 dieses für einen Monat, um mit der Inszenierung von Moliéres „Tartuffe“ eine Visitenkarte abzugeben.

Herwegh: „Ich zog diese Bewerbung zurück. Auf die Gründe will ich gar nicht mehr eingehen. Heute bin ich um diese Entscheidung froh. Leider habe ich übersehen, den Geburtsfehler des Narrenschiffs zu beseitigen: nämlich eine wirtschaftlich sinnvolle Betriebsform ins Leben zu rufen, bei der nicht ich persönlich immerzu das finanzielle Risiko zu tragen habe.“

Aber mit der Theaterarbeit ging es Schlag auf Schlag und die vielen Erfolge verstellten den Blick auf wichtige grundsätzliche Entscheidungen. 2003 zum ersten Mal die kleine intime Bühne für einen Monat im Innsaal des Hotels Paulaner aufgebaut. „Mimes & More“ war geboren, Boulevard-Komödien im Rahmen eines Vier-Gänge-Menüs. 2003 der erste „Jedermann“ im Rathaus-Saal. Helge Leuchs‘ geniale Idee, den Klassiker vor dem großen Wandgemälde im Saal unter seiner Regie zu inszenieren, wurde zu einem finanziellen Erfolg und zum Durchbruch des Theaters. Herwegh: „Leider verloren wir dieses Geld wieder, weil ich Dickschädel in den Jahren 2004 und 2005 auf dem Volksfestgelände jeweils für drei Wochen ein Zirkuszelt aufstellen ließ, um im Circus Narrenschiff einen auf Tollwood zu machen.“

Im Herbst 2003 kam auch der Theatersaal in Staudham als Spielstätte hinzu. Unser größter Erfolg dort war sicher im Jahre 2008 „Dinner for one – Killer for five“ mit einer legendären Silvester-Vorstellung. 2005 ging das neue Theater Belacqua (unter Leitung von Uwe Bertram und Gerry Mierbeth) für das Sommer Open Air in die Stadt. Somit war der Weg für das Narrenschiff frei, auch im Amphitheater am Stoa alle zwei Jahre inszenieren zu können. „Die Odyssee auf Bairisch“ war ein Zuschauer-Hit. Auf dem Platz hinter der Wasserburger Frauenkirche spielte das Narrenschiff die aufwändig-groteske Zeitreise „Kini, Kaiser, Larifari“.

2011 startete die Erfolgsproduktion „Königlich Bayerisches Amtsgericht“ mit Stücken von Andreas Kern im damaligen Biergarten des alten Hotel Fletzinger. Ein Jahr später spielte das Narrenschiff zum ersten Mal Amtsgerichtskomödien aus der Feder von Jörg Herwegh. Herwegh: „Zu den schönsten Inszenierungen gehört auf jeden Fall David Mamet’s „Oleanna“ 2009 im Narrenkeller. Nach Gerry Mierbeths Ausscheiden aus dem Belacqua versöhnten wir uns. Seine hoch gelobte Regie mit der wunderbaren Julia Büche und mir – als Studentin und Professor – wurde leider zu einem Flopp. Dafür geriet ein altes Lieblinsprojekt von mir, der poetisch-märchenhafte „Pinocchio“ nach Motiven von Carlo Collodi, der teilweise im Narrenkeller und teilweise draußen am Inn spielte, 2011 zu einem unerwarteten Zuschauer-Erfolg. Auch Goldonis „Mirandolina“ 2012 am Stoa war eine feine Sache.“

Nun ist im September endgültig Schluss, auch der Narrenkeller, der immer noch als wichtiger Probenraum angemietet war, wird zum 1.Oktober geräumt. Zum Abschluss des langjährigen Kinder- und Jugendtheaters im Narrenschiff zum Beispiel mit den zwei spektakulären Teilen der „Stoawelt-Saga“ mit teilweise bis zu 30 vornehmlich jugendlichen Spielern bringt Herwegh aber noch mit seinem jungen Ensemble Anfang 2015 „Die Nibelungen erster Teil“ auf die Bühne. „Welche Bühne, weiß ich noch nicht, aber das Theater geht immer weiter“, so Jörg Herwegh. „Es war eine schöne Zeit mit vielen Erfolgen und auch vielen Fehlern.“

Nun freut sich Herwegh auf neue Herausforderungen, die ihn bis auf wenige Ausnahmen aus Wasserburg wegführen. Herwegh: „Leider muss ich deshalb einige ehrenamtliche Tätigkeiten hier beenden.“ Für den neu gegründeten Wasserburger Kulturkreis wird Herwegh in Koproduktion seines neuen Profi-Ensembles GRUUP! mit dem Theater Belacqua bei den „Wasserburger Nächten“ im Juli seinen Thriller „RIVER 1: Gefangen!“ auf der Innbühne inszenieren. Seine zweite professionelle Theatergruppe wird ein Bayerisches Volkstheater sein, dass das erfolgreiche „Amtsgerichts“-Theater fortführt.

Optimistisch meint Herwegh, dessen Organisationsbüro weiterhin in Wasserburg bleiben wird: „Es gibt viele tolle Gespräche und neue Möglichkeiten. Das Theater ist tot – es lebe das Theater!“

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