Krautäcker und Felder in der Stadt

Stadtarchiv: Archivalie des Monats und die Historie des „urban-gardening"

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abb2_KIn vorindustrieller Zeit war die unmittelbare Umgebung der Stadt  Wasserburg landwirtschaftlich geprägt. Außerhalb der Ringmauer gab es auf der Halbinsel – im Hag – kleinere Krautgärten, die die Bürger für den Eigenbedarf bewirtschaften konnten. Im Spätmittelalter und in der Frühen Neuzeit befanden sich landwirtschaftlich bestellte Flächen innerhalb des Burgfriedens in der Weitpeunt, in der Hochpeunt, in der Siechenpeunt bei St. Achatz und an der Wuhr. Weitere Krautäcker sowie größere Felder für den Ackerbau befanden sich stadtnah im Dobel und im Burgerfeld.


Bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts wurde diese „Burgfrieden-Landwirtschaft“ sicher hauptsächlich für die Selbstversorgung betrieben. Abgaben waren an die Lehensherrn zu entrichten und kleine Teile der Erträge könnten auch auf die städtischen Märkte oder in die Schranne als Handelsplatz für Getreide gelangt sein.

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Archivalie des Monats: Urkunde des Stadtarchiv Wasserburg vom 24.04.1405.

Im Jahr 1405 überließ Herzog Stephan der Stadt das Burgerfeld und den Dobel. Dafür belegte er die dort liegenden Felder mit dem Zehnt, welcher in festgelegten, ernteunabhängigen Teilabgaben und jährlich an den herzoglichen Kasten in Wasserburg und das Kloster Attel zu entrichten war. Der Stadtteilname zeigt noch heute die ursprüngliche landwirtschaftliche Nutzung des Burgerfeldes an. Nach dem Erhalt der Fluren konnte die Stadt einzelne Grundstücke und Felder, (in den Urkunden häufig Joichen genannt), für den Acker- und Getreidebau an die Bürger verkaufen.

Diese Rechtsgeschäfte waren an Bedingungen des Lehensherrn geknüpft und verpflichteten die Käufer. Beispielsweise verkaufte der Rat der Stadt Wasserburg „an freytag vor dem weissen suntag nach Christi geburd in dem fünften und vierzehen hundertistem jare“ Ulrich dem Mässen vier „Joichen“ im Burgerfeld für 40 ungarische Gulden gemäß den Bestimmungen der zwei Monate zuvor erfolgten Überlassung an die Stadt. Dies geschah im Wissen und mit Einverständnis des Herzogs. Der Käufer verpflichtete sich, die Felder alle drei Jahre brach liegen zu lassen (Dreifelderwirtschaft) sowie den jährlichen Zehnt in Höhe von 13 Wasserburger Pfennigen an den herzoglichen Kasten sowie sieben Wasserburger Pfennigen an das Kloster Attel zu entrichten.

Zum Verkauf, Tausch, zur Stiftung oder Erbrechtsverleihung von Krautgärten, Feldern und Äckern innerhalb des Burgfriedens sind knapp 130 Urkunden im Alten Archiv der Stadt erhalten und in den letzten Jahren archivfachlich erschlossen worden. Aus ihnen wird ersichtlich, dass nach 1405 in nur knapp 150 Jahren ein Flickenteppich unterschiedlicher Eigentümer aus dem ehemals zusammenhängenden Grundbesitz des Burgerfeldes und des Dobels entstand.
In vielen Fällen kamen Felder und Krautgärten, die ab dem 15. Jahrhundert Eigentum von Bürgern geworden waren, später an die Stadt zurück – nämlich als Schenkung an eine der vielen caritativen Stiftungen der Stadt oder als Messstiftung und zum Seelenheil des Stifters. Der oben erwähnte Bürger Ulrich der Mässen stiftete dem Heilig-Geist-Spital bereits 1421 einen Acker im Burgerfeld für seine Seelenmesse und gab den Grund somit mittelbar der Stadt zurück.
Aus den Urkunden selbst lassen sich keine Erkenntnisse darüber gewinnen, was genau auf den angesprochenen Feldern und Joichen des Burgerfeldes und Dobels angebaut wurde. Durch die Erwähnung der Brache, können Burgerfeld und Dobel aber ganz sicher dem Getreidebau zugeordnet werden. In der Frühen Neuzeit waren der Anbau von Roggen, Dinkel und Gerste üblich.

Die Wasserburger Krautgärten im Hag und vor der Brücke lieferten, wie der seit 1365 in Urkunden des Stadtarchivs belegte Name schon sagt, Kraut. Vermutlich wurden hier die durch Milchsäuregärung relativ einfach zu konservierenden Weißkrautpflanzen angebaut. Neben dem Getreide besaß das Sauerkraut als Vitamin-C-Spender eine wichtige Bedeutung in der Ernährung. Weitere weit verbreitete Gemüse- und Kohlsorten waren Rüben, Erbsen, Linsen, Rettich, Lauch, Kürbis, Gurken und Fenchel. Die Krautgärten im Hag wurden noch im 19. Jahrhundert regelmäßig genutzt. In Zusammenhang mit der Erweiterung des städtischen Friedhofs ist ein letztes Eigentümerverzeichnis dieser Krautgärten überliefert. Der Obst- und Hopfenbau hingegen ist für Wasserburg vor allem mit dem Schiffmeister Buchauer, der Burgau und dem 19. Jahrhundert verbunden. Jedoch lassen sich Obstgärten bereits seit dem 15. Jahrhundert im Stadtgebiet nachweisen.

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Dieses Luftbild zeigt einen Teil des Burgerfeldes, welches noch bis in die 1920er Jahre hinein zum Großteil unbebaut war. Das Foto entstand einige Jahre vor dem Bau des Innwerkes 1938. Nur im unteren Burgerfeld stehen bereits wenige Häuser, ansonsten sind freie Felder und ihre Strukturen zu erkennen. (Foto: Stadtarchiv Wasserburg, Bildarchiv).

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Wasserburger Krautgärten nördlich der Ringmauer und westlich des Friedhofes im Hag im Jahr 1813.

Die seit 1365 belegten Krautgärten sind im ersten Vermessungsplan der Stadt noch gut zu erkennen und eingezeichnet. In die langen, schmalen Parzellen, die dem Kraut- und Gemüseanbau dienten, sind Hausnummern eingetragen. Die Hausnummer zeigte an, welchem konkreten Altstadtgebäude bzw. Eigentümer die Gärten angehörten. Flurnummern gab es noch nicht. Heute erinnern noch die Klein- und Schrebergärten am Otto-Geigenberger-Weg zwischen Realschule und Unterer Innstraße sowie am Schiffsmühlenweg an diese historischen Bürgergärten der Altstadt. Wenn man allerdings daran vorbeigeht und in die Gärten blickt, kann man kaum ein Kraut entdecken. Gemüse- oder Obstbau zur Selbstversorgung: Diese Funktion haben die Gärten derzeit weitgehend verloren.

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