„Kaufmann von Venedig“ unter der Lupe

Chefdramaturg der Münchner Kammerspiele zu Gast am Luitpold-Gymnasium

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Foto Benjamin von Blomberg_kEine ganz besondere Art der Theaterinterpretation durften Schüler der Oberstufe des Wasserburger Luitpold-Gymnasium dieser Tage erleben. In Begleitung ihrer Kursleiter aus den Fächern Englisch und Deutsch hatte die Gruppe vor zwei Wochen eine Inszenierung von William Shakespeares „Der Kaufmann von Venedig“ in den Münchner Kammerspielen besucht. Am Wochenende war die Gruppe aus etwa 40 Schülern und ihren Lehrern mit dem Zug in die Landeshauptstadt gefahren, um sich die postmoderne Inszenierung von Regisseur Nicolas Stemann anzusehen. Jetzt stattete der Chefdramaturg der Münchner Kammerspiele, Benjamin von Blomberg, den Schülern in Wasserburg einen Gegenbesuch ab.

Gleich im Anschluss an die Aufführung hatte es eine kleine Nachbesprechung unter Leitung von Theaterlehrerin Eva-Maria Schwarzfischer gegeben. Auf viele der Fragen und Gedanken, die die Schüler hatten, war in diesem Rahmen jedoch noch keine zufriedenstellende Antwort zu finden.

Umso erfreuter war man allgemein über die Zusage Benjamin von Blombergs, Chefdramaturg der Kammerspiele, aus München nach Wasserburg zu kommen und mit den Schülern über die Inszenierung, die er selbst betreut hatte, zu sprechen.

An Gesprächsstoff mangelte es in den anderthalb Stunden, die von Blomberg mit den Schülern und Lehrkräften im Biologie-Übungsraum verbrachte, nicht. Zunächst berichtete der Dramaturg etwas über sich und seine Arbeit im Allgemeinen. Zur Überraschung der Schüler erklärte er etwa, dass er „zum Glück“ weder selbst jemals Regisseur noch Schauspieler gewesen sei. Er sei kein Künstler, sondern er betreue den Schaffensprozess der Künstler um ihn herum. Das mache für ihn den Reiz der Theaterarbeit aus. Er bringe die oft nicht einfachen Charaktere der einzelnen Regisseure und Schauspieler so in Einklang, dass eine gelungene Produktion entstehe.

Das ist ihm, nach Meinung der Schüler, beim „Kaufmann von Venedig“ gelungen.

Trotzdem gab es eine Menge Fragen. Warum seien zum Beispiel lauter Bildschirme auf der Bühne gewesen, von denen sowohl Publikum als auch Schauspieler den Text ablesen konnten? Warum war oft nicht zu erkennen gewesen, welcher Schauspieler welche Rolle spielte? Und mit welchem Hintergedanken war die Rolle des reichen jüdischen Kaufmanns Shylock, der ja eigentlich eine Schlüsselfigur des Stücks darstellt, ganz ohne feste Besetzung geblieben, von wechselnden Personen gesprochen worden und zuletzt ganz „verstummt“?

Spannend machte die Diskussion, dass die Gymnasiasten sich zu ihren Fragen bereits eigene mögliche Erklärungen und Interpretationen zurechtgelegt hatten, mit denen sie den Dramaturgen teilweise sogar überraschten. Von Blomberg freute sich darüber. Theater solle seiner Meinung nach nicht auf eine vorgegebene Art verstanden werden. Jeder Zuschauer eines Stücks habe einen eigenen Zugang zu dem Geschehen auf der Bühne. Die Vielseitigkeit sei ein ganz wichtiger Teil des Theaters.

Kurz vor Ende der Gesprächsrunde bat ein Schüler von Blomberg, als Dramaturg an dem Stück „Hamlet“, das die Theatergruppe der Oberstufe gerade probt, mitzuarbeiten. Eine Zu – oder Absage erhielt er allerdings noch nicht.

Mit großem Applaus wurde der Besuch dann beim Gong zum Ende der sechsten Unterrichtstunde verabschiedet. JD

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