Inklusion ist, wenn man’s nicht merkt!

Zehn Jahre Kinderkrippe Gänseblümchen in Wasserburg - Ein Gespräch

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arnoldSchon der Name Gänseblümchen ist wunderschön und passt – Anneliese und Peter Arnold (unser Foto) gehen schon lange den Weg der Inklusion in Wasserburg, weit vor der ‚allgemeinen Einführung‘. Sie gehen seit Jahren einfach offen mit allen Kindern um, sind für sie da. Die inklusive Kinderkrippe Gänseblümchen in Wasserburg im Stadtteil Burgau feiert ihr zehnjähriges Jubiläum. Ein Gespräch mit der Krippen-Leiterin Anneliese Arnold …

… das Anne Blume führte.

Die Anmeldung fürs eigene Kind in einer Kinderkrippe ist zunächst einmal die Formsache. Aber dann folgt der Schritt der ersten Trennung. Nicht selten eine echte Herausforderung für Kind und Eltern. Wird mein Kind sich dort wohlfühlen? Und welche Krippe ist überhaupt die richtige? Ist es die nächstgelegene? Die mit dem besten Personalschlüssel? Oder die mit einem besonderen Konzept?

Die Kinderkrippe Gänseblümchen im Wasserburger Stadtteil Burgau ist aus einer privaten Initiative entstanden. Anneliese Arnold hat sie vor zehn Jahren ins Leben gerufen. Ihr Ehemann Peter Arnold leitet den Kindergarten, welcher im selben Haus untergebracht ist.

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Das Besondere:
Die Gänseblümchen-Kinder bestimmen den Tagesablauf maßgeblich selbst. Nicht demokratisch, nicht antiautoritär, sondern einfach aus ihren Bedürfnissen heraus. So verläuft kein Tag, wie der andere. Diese Flexibilität ist eine große Aufgabe für Anneliese Arnold und ihr Team. Doch sie will es sich nicht leicht machen, sie will es gut machen.
04_Bild Krippe 01Anneliese Arnold lädt mich zum Gespräch an ihren Arbeitsplatz ein. Am späten Nachmittag sind keine Kinder mehr da und dennoch sind deren Spuren überall: sandige Gummistiefel im Eingangsbereich, ein liegen gelassenes Schnuffeltuch, die Fotos der kleinen Gänseblümchen an den Jackenhaken…
Wir sitzen auf winzigen Holzschemeln, also auf Augenhöhe mit denen, die zwar nicht anwesend sind, aber um die es hier eindeutig geht. Neben den Erziehungs-Ideen von Maria Montessori („Hilf mir, es selbst zu tun“) gibt Anneliese Arnold die ungarische Ärztin Emmi Pikler als ihr Vorbild an, die 1946 ein Waisenhaus für Säuglinge eröffnete und die einfache, aber damals so revolutionäre Ansicht vertrag, dass eine gesunde kindliche Entwicklung die Möglichkeit zu freier Bewegung benötige und die Geduld, die persönliche Entfaltung des Kindes abzuwarten.

Anne Blume: Frau Arnold, wie auch Emmi Pikler halten Sie und ihr Team sich bewusst zurück mit Anregungen, spricht Spiel- und Arbeitsangeboten für ihre Krippenkinder. Entsteht da nicht schnell Langeweile?

Anneliese Arnold: Nein, denn die Kleinen wissen eigentlich noch sehr gut, was sie wollen.
Sie verspüren keinen Zeit- oder Leistungsdruck. Nur wenn ihre Signale ungeachtet bleiben, kann das mit der Zeit verkümmern.

Das betrifft ja auch die Kinder mit Beeinträchtigung, die Sie als Inklusions-Kinderkrippe ebenfalls betreuen. Was sind das für Kinder?

Das ist sehr verschieden. Ein Mädchen mit Trisomie 21 war zwei Jahre lang bei uns in der Krippe und ist danach in den Kindergarten hier gewechselt. Sie ist ein lebhaftes, ganz liebes Kind, die wunderbar selbständig durch unseren Alltag geht. Ab Herbst kommt ein Kind mit einer Sehbehinderung zu uns. Wir hatten aber auch mal einen schwerbehinderten Jungen, der als Baby stark geschüttelt worden war und der kaum mehr konnte als einfach nur da zu liegen.

Was machen Sie mit so einem Kind?

Wir bemühen uns, ihm positive Reize geben: Geräusche und Berührungen, auch durch andere Kinder.

Ist das für die anderen Kinder nicht befremdlich?

In diesem Alter sind die Unterschiede zwischen dem Können eines einjährigen und eines fast dreijährigen Kindes ohnehin so gravierend, dass dies nicht so sehr ins Gewicht fällt. Alle Kinder gehören zur Gemeinschaft und werden nicht in Frage gestellt.

Sie bieten ihren Kindern einen flexiblen Tagesablauf. Wie macht sich das bemerkbar?

Wir leben weniger nach der Uhr als nach den Bedürfnissen der Kinder. Wenn die noch überschüssige Energie vom verregneten Wochenende austoben möchten, dann beginnt der Morgenkreis eben später. Es gibt auch keine feste Zeit für den Mittagsschlaf. In Absprache mit den Eltern legen wir die Kinder zu ihrer gewohnten Zeit hin. Manchen singen wir vor, andere werden im Wagen geschoben bis sie einschlafen.

Es scheint wenig Grenzen zu geben…

Ja, das stimmt. Ganz wichtig ist uns die freie Wahl des Spiels. Dazu braucht es natürlich gut zugängliche und geeignete Spielmaterialien.

Wie zum Beispiel?

Alles, das Raum für Ideen bietet, wie Stoffe, Bälle, Holzkugeln, Kastanien, aber auch Küchenutensilien, Kisten und Schachteln.

Klingt ein bisschen ärmlich, oder?

Frau Arnold lacht: Ach was! Natürlich haben wir auch Musikinstrumente, Bücher, Lego und Bastelsachen wie alle anderen auch. Nicht zu vergessen unser beliebter Turnraum mit Schaukeln, Hühnerleiter und Weichbodenmatten.

Sind Sie denn generell gegen Grenzen und plädieren quasi für eine antiautoritäre Erziehung?

Keineswegs! Kinder brauchen dringend Grenzen! Die müssen nur wohlwollend gesetzt sein.
Und auch das friedliche Miteinander erfordert klare Regeln. Ein immer wieder kehrendes Thema bei den Kleinkindern ist beispielsweise, dass sie einem anderen Kind nicht einfach ein Spielzeug wegnehmen dürfen. Anders handhaben wir dagegen das Thema Aufräumen: In diesem Alter sollte es unserer Meinung nach noch freiwillig sein. Manchmal gelingt es uns, das Aufräumen selbst zum Spiel zu machen und es geschieht mit Spaß und Eifer. Manchmal nicht.

Sie sagen, Sie nehmen die Kinder ernst. Wie geht das bei einem anderthalbjährigen Knirps, der vielleicht gerade erst laufen und noch kaum sprechen kann?

Durch Achtsamkeit! Ein großer und wichtiger Teil unserer Arbeit ist das Beobachten. Wir schauen unseren Krippenkindern aufmerksam und konzentriert zu. Ihre Haltung, ihre Mimik und auch ihre Aktionen sprechen Bände. Ein Kind, das mir seine Gummistiefel bringt, möchte selten zeigen, was für schöne Gummistiefel es hat, sondern meistens raus in den Garten.

Darf es dann hinaus?

Ja, es darf. Wir sind personell so gut aufgestellt, dass eigentlich immer jemand mit hinaus gehen kann. Und das gilt bei jedem Wetter. Regenjacke, Matschhose, Gummistiefel an und raus!

Auch wenn das nur ein Kind möchte?

Ja, auch das kommt vor. Erst neulich hat eine meiner Kolleginnen einem Jungen dabei zugesehen, wie er genussvoll und ganz in sein Tun vertieft mit einem Schöpflöffel eine große Pfütze ausgelöffelt und in einen Eimer umgefüllt hat. Das hat gut und gerne eine halbe Stunde gedauert.

Ihr Garten sieht tatsächlich etwas anders aus als in den meisten anderen Kindergärten. Irgendwie nicht so schön: Keine große ebene Wiese, eher viel Kies, Sand, Holz und Steine…

Frau Arnold lacht. Ich bin überzeugt davon, dass ein klassisches Klettergerüst viel schneller langweilig wird!

Sie machen auch viele Ausflüge mit den Kindern, richtig?

Ja, zum Teil mehrmals in der Woche. Aber die sind oft ganz klein. Die Kinder sollen die Distanzen möglichst selbst bewältigen können. Wir sind gerne am Waldrand, auch mal beim Einkaufen fürs gemeinsame Kochen oder Backen und manchmal auch auf dem Spielplatz beim klassischen Klettergerüst. (lacht)

Ich habe ihre Krippe auch während des Betriebs besucht. Es herrschte eine überraschende, angenehme Ruhe!

Das liegt sicher auch daran, dass wir Erwachsene nicht laut werden und auch nicht unbedacht miteinander Ratschen. Wir halten uns zurück und beobachten, sind da, wenn wir gebraucht werden. Wobei wir auch dann nicht immer direkt helfen.

Wie soll ich das verstehen?

Erwachsene können vorherzusehende Misserfolge von Kindern oft schlecht aushalten. Wir aber warten ab, welche Erfahrung das Kind selbst macht. Es lernt, selbstständig zu handeln und erst wenn nötig um Hilfe zu bitten. Und selbst dann verweisen wir es eventuell auf eines der größeren Kinder. Es ist wunderbar mit anzusehen, wenn sich die Kinder gegenseitig helfen!

Die Kinder kümmern sich umeinander?

Natürlich! Wenn sich ein Kind weh getan hat, laufen meist gleich mehrere andere los, um ihm ein Kühlkissen aus dem Kühlschrank zu holen. Und manchmal bringt uns ein Kind ein Kleineres, weil es bemerkt hat, dass dessen Windel stinkt.

Wickeln tun Sie aber schon noch selbst, oder?

Frau Arnold lacht: Ja, und auch da ein wenig unkonventionell. Gerade die Größeren mögen sich dazu oft nicht mehr hinlegen. In dieser Position sind sie den Erwachsenen so ausgeliefert. Deshalb wickeln wir die Kinder gerne auch im Stehen. Dabei binden wir sie in das Geschehen ein. Sie helfen mit. Und am Ende dürfen sie die Windel in unserem Eimer „versenken“.

Neben dem Badezimmer gibt es die Küche mit dem Essplatz, den Turnraum, ein Schlafzimmer, ein Spielzimmer und den Gruppenraum . Die Raumaufteilung hat Wohnungscharakter. Wäre nicht ein einziger großer Raum übersichtlicher?

Ja, das wäre auch bequemer für uns. Aber so können wir den Kindern viel Abwechslung und Rückzugsorte bieten. Denn auch so kleinen Menschen muss man manchmal Tiefpunkte zugestehen oder Privatsphäre ermöglichen. Bei uns dürfen sie auch mal eine Türe hinter sich zu machen. Unbeaufsichtigt sind sie deshalb trotzdem nicht.

In der Essecke stehen kleine Körbchen mit einfachen Zeichen daran. Wozu sind die gut?

Darin steht den Kinder ihre Brotzeit bereit. Schon die Kleinsten kennen ihr Zeichen genau und essen und trinken wann sie mögen. Auch hier lassen wir ihnen viel freie Hand. Schon oft haben wir erlebt, dass die eigene Brotzeit den Kindern das Ankommen erleichtert. Selbst wenn sie daheim gerade erst vom Frühstückstisch aufgestanden sind, setzen sich hier viele Kinder gleich als erstes an den Esstisch. Das gibt ihnen Sicherheit und ist ein prima Ort, um zu beobachten und erst einmal die Lage zu sondieren. Nur zum Mittagsessen sitzen meist alle Kinder gemeinsam am Tisch. Dabei entsteht dann wiederum ein sehr schönes Gemeinschaftsgefühl.

Dieses Gemeinschaftsgefühl scheinen Sie auch nach 10 Jahren noch sehr genießen zu können! Wenn Sie zurückblicken, was waren oder sind die schönsten Momenten ihrer Arbeit?

Eine schöne Anerkennung sind natürlich die kontinuierlichen Anmeldezahlen. Aber spontan denke ich da auch an den immer wieder spannenden Moment, wenn ein Kind in der Eingewöhnungszeit zum ersten Mal ohne die Eltern bleibt. Das ist ja nicht nur eine aufregende Zeit für Kind und Eltern, sondern auch für uns Erzieher! Und wenn ich dann merke, dass die Kinder gerne bei uns sind, dann freue ich mich durch und durch.

Dankeschön für Ihre Zeit für das Gespräch.
Die Kinderkrippe Gänseblümchen bietet zehn volle Plätze bei einer Betreuungszeit von sieben bis acht Stunden täglich (Montag bis Freitag).

In der Kernzeit arbeiten hier vier Erzieherinnen und Kinderpflegerinnen, das entspricht einem Betreuungsschlüssel von 1: 2,5. Aufgenommen werden Kinder ab etwa einem Jahr. Im selben Haus ist der Kindergarten mit 24 Plätzen untergebracht. Sowohl im Kindergarten, als auch in der Kinderkrippe gibt es Inklusions-Plätze für Kinder mit Beeinträchtigungen.

Ansprechpartner sind Anneliese und Peter Arnold, Telefon 08071/ 2198.

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2 Gedanken zu „Inklusion ist, wenn man’s nicht merkt!

  1. Schöner Bericht über diese wunderbare Einrichtung mit ihrem visionärem Erzieherteam!

    Unser Kind war selbst fast 6 Jahre dort in Krippe und Kindergarten – einen besseren Start bzw. Belgeitung ins Leben danach hätten wir uns nirgendwoanders vorstellen können!

    Respekt für so viel Achtsamkeit und Bewusstheit Kindern gegenüber, Frau und Herr Arnold!!

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    1. Diesem Kommentar kann ich mich nur anschließen. Danke für diese Einrichtung!

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