Hitzige Mauke-Nacht im Central

So verlief das bisher spannendste Public Viewing zur Fußball-WM

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P1000191Ausscheidungsspiel mit deutscher Beteiligung: das bedeutet Ausnahmezustand im Mauke-Studio im Central, Wasserburgs bekanntestem Public Viewing. Spielbeginn: 22 Uhr, doch bereits ab 21 Uhr geht das Geschacher um die Plätze los. „Ist da noch frei? Sitzt da wer? Braucht ihr den Stuhl noch?“, sind typische Fragen. Selbst die, die immer da sind, tun sich schwer, ihr Revier zu verteidigen. Allein die drei Präsidiumsplätze sind unantastbar. Heute ist es besonders schlimm, das Wetter spielt nicht mit, die Außenbestuhlung im Central wird ignoriert, drin ist es brechend voll …

 

Die Angst vor dem Ausscheiden ist latent präsent, die WM-Bilanz gegen Algerien ist ja negativ. Drei Minuten vorm Spiel: Die Tippschlange ist lang, die letzten Klogänge werden erledigt. Mauke-Bedienung Drella geht mit stoischer Ruhe die letzte Runde durchs Lokal, bevor das Spiel losgeht. Was wird passieren? „Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Sieg, Niederlage oder Unentschieden“, sagte Franz Beckenbauer einmal.

Fünf Minuten gespielt, Zeit für eine Zwischenbilanz. Das Präsidium hat erfolgreich den Pott gezählt (65 Euro), das Publikum macht sich Gedanken über die Atmosphäre („Die Stimmung ist noch recht verhalten!“) und über den Gegner („Von Algerien kennt man echt niemanden.“).

20 Minuten: die erste Drangphase der Algerier – so schlimm das klingt – ist überstanden. Die ersten Tipps („9:0 geht das nicht mehr aus!“) werden über Bord geworfen. Da kommt die erste Großchance für die deutsche Sieben und das Central wacht auf. Nebenbei werden wichtige statistische Fragen eruiert („Wo spielt Mustafi eigentlich?“ – Antwort: „Genua“). Für fünf Sekunden Schockzustand: Tor für Algerien? Nein, Abseits, aber die Unsicherheiten in der deutschen Abwehr nehmen zu. Das Public Viewing-Volk murrt...

30 Minuten: Die Gelegenheitsviewer sehen schon die Katastrophe voraus. aber auch für die Profi-Fußball-Schauer ist klar: Deutschland steht heute nicht sicher.

40 Minuten: Nach Großchancen steht es 1:1, in echt immer noch 0:0. Die ersten Gedanken kreisen um eine deutsche Niederlage. Ein Debakel? Was ist der Sieg gegen Portugal wert – bei einem Ausscheiden gegen Algerien?

Halbzeit: 0:0. Glücklich für Deutschland? Derzeit ja. Aber das Spiel dauert noch… Draußen wird diskutiert, wen rausnehmen? Wen bringen?

Wird Khedira die Rettung bringen? Muss Schweinsteiger raus? Steht die deutsche Mannschaft vor dem Aus? Die nächsten 45 Minuten bringen Klarheit!

50 Minuten: Wir sehen eine engagiertere Deutsche Mannschaft. Die Einwechslung von Schürrrle war richtig. Aber Algerien kontert gefährlich. Im Maukestudio rührt sich nix, zu groß die Angst vor dem Ausscheiden…

60 Minuten: Algerien baut körperlich ab, aber noch weiß Deutschland kein probates Gegenmittel. Die Chancen häufen sich. Präsident Steps Lossin liegt momentan goldrichtig mit seinem Tipp: 0:0. (Obacht! Der Mauke-Pott wird auf 90 Minuten gespielt; Verlängerung und Elfmeter werden ignoriert.)

75 Minuten: Das Spiel geht hin und her, die Algerier kommen aber nicht mehr zwingend vors deutsche Tor. Problem ist: Deutschland auch nicht.

Kommt die Verlängerung?

85 Minuten: Das deutsche Tor liegt in der Luft. Algerien kann nicht mehr mithalten. Fällt das Tor noch in der regulären Spielzeit?

90 Minuten: Die Verlängerung liegt in der Luft. Vier Minuten Nachspielzeit, jetzt ist auch in der Mauke Stimmung, alle wollen das Tor in der regulären Spielzeit, aber es will nicht fallen. Nochmal 30 Minuten. 

90 und noch ein paar Minuten: Das Spiel geht in die Verlängerung! Steps Lossin holt den Rekordpott. Dass Deutschland weiterkommt, daran zweifeln nur noch die Pessimisten. Trotzdem ist dies das schlechteste Achtelfinale…

91 Minuten: TOOOOOOOR!!!! Was sich 30 Minuten lang angebahnt hat, ist nun passiert. Andre Schürrrrrle hat eingenetzt. Nun heißt es 29 Minuten zittern.

100 Minuten: Schocksekunde! Algerien nach einer Ecke knapp an Neuers Tor vorbei.

105 Minuten: Schon wieder Halbzeit. Diesmal die der Verlängerung.

Nochmal 15 Minuten bis zum Viertelfinale gegen Frankreich. Freitag, 18 Uhr. Dafür muss aber nochmal eine Schippe draufgelegt werden… So wird das nix!

117 Minuten: Kurz vor Schluss nochmal Aufregung. Aber alles gut. 0:28 Uhr, alle freuen sich auf ihr Bett. Gemütlich mit dem deutschen Sieg!

118 Minuten: Mesut Özil macht alles klar, 2:0. Die zwei Minuten Nachspielzeit sind irrelevant, der Bann ist gebrochen. Deutschland siegt.

119 Minuten: Oder doch nicht? Anschlusstreffer, doch noch mal zittern… Barcelona ’99, anyone?

120 Minuten + X: Aus! Viertelfinale! Das 2:1 bringt Benzema und Co. Wir werden mit allem fertig. Oder doch nicht?

Und dann noch die Dreingabe, die wirklich niemand braucht: Nach dem Sieg fahren ein paar vereinzelte Autofahrer wie die Irren durch die Stadt und versuchen verzweifelt, so viel Gummi wie möglich auf der Straße zu lassen – minutenlang drehen Räder durch. Mit Fußballbegeisterung hat das nichts zu tun. AR

 

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