Herrgott! Warum „liked“ mich hier keiner?

Immer freitags: Neubürgerin berichtet aus Wasserburg

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Fashion models. Sketch.Wasserburg – Sie kennen Hiltrud Sander nicht? Kein Wunder. Die Dame mittleren Alters ist Wasserburger Neubürgerin – erst seit ein paar Wochen da. Was für uns Stodara ganz selbstverständlich ist, muss die gute Frau aus Münster in Westfalen erstmal erkunden und lernen. Zum Beispiel, was man an einem grauen Herbsttag bei Regen in Wasserburg so empfindet. Immer freitags wird Frau Sander jetzt von ihrem Leben als Neu-Wasserburgerin berichten. Ihr erster Eindruck auf www.wasserburger-stimme.de:

Stolz trug ich mein neu erworbenes luftiges Nichts und hatte vor lauter Aufregung jegliche Maßstäbe, meine Bescheidenheit und auch den Verstand verloren. „I own this city!“, dachte ich, während mein Blick selbstbewusst durch die Runde schweifte. Schließlich hatte mich Michael Kölbl, der zugegebenermaßen sehr fesche Bürgermeister meiner neuen Heimatstadt, mit einem herzlichen Anschreiben zu diesem Neubürgerempfang ins Rathaus eingeladen. Dem Bürgermeister die Hand schütteln, ein paar Takte mit anderen Neubürgern reden…eventuell sogar gleich Jemanden kennenlernen, so mein Anliegen.

 

Inzwischen waren ein paar Wochen ins Land gezogen. Der Elan ließ deutlich nach. Ich hatte die Straßen der Altstadt erkundet, die Umzugskisten entleert, die Waschmaschine in Gang gebracht und die Gardinen aufgehängt. Nur kennengelernt hatte ich bisher noch Niemanden. Vor meinem Fenster windete der Herbst, aber statt pittoreskem Blätterzauber vor historischen Hausfassaden gab es heute fette Dusche von ganz oben. Als Beleg für die Gefriertemperatur meiner Seele präsentierte sich auch das Wetter an diesem ordinären Freitag. Da draußen sah es exakt so deprimierend aus wie in meinem verschleimten Herzen.

 

Guten Tag, darf ich mich vorstellen, Hiltrud Sander mein Name. Ich bin die graue Maus aus der Ledererzeile 7. Dicke Augen, rote Nase und ein Bündel verfilzter Wollpullover unterm Arm. Sie fragen sich, weshalb diese dumme nicht mehr ganz taufrische Gans keine Waschmaschine bedienen kann? Nun, ich wurde erst kürzlich von meinem Langzeitfreund verlassen. Wäsche waschen, das hat mein Gundolf damals immer so lieb für mich erledigt. Lässt dieser Lustmolch mich doch glatt nach 7 wundervollen Jahren wegen einer Jüngeren sitzen. „Was hat sie, was ich nicht habe?“ Nein, dieser Frage wollte ich mich nicht stellen. Sollte er doch glücklich werden mit seiner vollbusigen Sabrina oder Samantha oder Sandy oder wie auch immer diese hirnlose Sex-Granate heißen mochte. Pah, auch andere Mütter haben fesche Söhne!

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Hals über Kopf habe ich Münster den Rücken gekehrt und mich voller Elan für eine Zukunft in Wasserburg am Inn entschieden. Nur heute war einfach nicht mein Tag und die Situation verlangte schon mittags nach einer Flasche Sekt. Meine neue Stelle als Fleischereifachverkäuferin sollte ich erst nächste Woche antreten und so gab es kein Pardon. Schwupps schmiss ich den Computer an. Ob wohl zwischenzeitlich zumindest jemand im Chatroom auf mich aufmerksam geworden war? Wissen Sie, es ist nämlich gar nicht so leicht, in Wasserburg Kontakte zu knüpfen. Diese Bayern… prachtvolle Burschen, aber ein Völkchen für sich. Ulf aus Bremen hingegen ist voll auf mein Profil abgefahren! Ulf, Ulf, Ulf… naja, allein der Name meines virtuellen Gigolos verursachte mir Brechreiz. Kurzerhand beschloss ich diesen Typen zurück ins World Wide Web zu schicken. Nur Ausgehen und ein perfekter Flirt können mich noch retten. Spontan schicke ich mein Schamgefühl in den Feierabend, zwinkere meinem verheulten Spiegelbild verführerisch zu und google wo und wann die nächste Ü30 Party im Umland stattfindet!

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Ich bin mir sicher, wir hören voneinander….

 

Ihre Hiltrud „Hille“ Sander

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