Gelebte Integration: Ein Beispiel aus Wasserburg

Betreuungszentrum verstärkt Pflegeteam mit Bosniern wegen Fachkräftemangel

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hilfe 1Wasserburg – Kompetent und fürsorglich: Haris Becirovic (unser Foto) liebt seine Arbeit. Der Krankenpfleger des Betreuungszentrums Wasserburg kümmert sich gerade um eine alte Dame, die im Rollstuhl sitzt. „Ich helfe einfach gerne“, sagt er in recht gutem Deutsch. Dass der gebürtige Bosnier unsere Sprache nicht perfekt spricht, verzeihen ihm die Senioren des Alten- und Pflegeheims gerne. Für sie zählen andere Dinge: eine gute Pflege, Zuwendung und Fürsorge zum Beispiel. Fachkräfte, die das beherrschen, sind hierzulande allerdings schwer zu finden. Deswegen hat man im Betreuungszentrum die Suche eigenhändig bis nach Südosteuropa ausgeweitet – trotz einiger Hürden letztlich mit großem Erfolg …

„Der Fachkräftemangel in der Pflege bei uns hat sich extrem verschärft“, erklärt Thomas Geßner, der Leiter des Betreuungszentrums. Für seine Einrichtung sei eine Quote von 50 Prozent an examinierten Pflegekräften vorgeschrieben, doch der Arbeitsmarkt gebe das einfach nicht her. „Im Extremfall könnte die Heimaufsicht einen Aufnahmestopp verordnen“, erklärt er. Dann müssten pflegebedürftige Senioren abgewiesen werden.

Dabei gibt es außerhalb Deutschlands ein großes Potential an Pflegekräften. Zvjezdana Durdevic ist eine davon. Sie kommt aus Fojnica in Mittelbosnien. Das Städtchen ist ein Luftkurort mit großen Kliniken. Doch nach ihrer vierjährigen Ausbildung zur Pflegefachkraft war keine Anstellung in Sicht. Die wirtschaftliche Lage ist in Bosnien so schlecht, dass junge Menschen keinen Job bekommen. „Es gab keine Zukunft, keine Möglichkeit, mich weiter zu entwickeln“, sagt Durdevic. Also hat sie begonnen, Bewerbungen zu schreiben. Die schickte sie bis nach Deutschland.

Dass man den Bedarf in Deutschland mit ausländischen Kräften decken kann, das hat auch die Bundesagentur für Arbeit erkannt. Sie bietet seit 2014 eine Vermittlung von Pflegefachkräften aus EU- und Nicht-EU-Ländern an. Das Problem: Hierbei fallen für die Einrichtungen erhebliche Kosten an. Pro vermittelten Arbeitnehmer werden 3.700 Euro berechnet. Dafür wird die ausländische Arbeitskraft bei der Integration, dem Spracherwerb und dem Anerkennungsverfahren begleitet.

Im Betreuungszentrum hat man sich entschlossen, das lieber selbst in die Hand zu nehmen. Mit Pflegedienstleiter Hamo Merdan gibt es dafür in der Einrichtung den idealen Mann. Merdan stammt selbst aus Bosnien und begab sich vor Ort auf Arbeitskraft-Suche. „Wir haben die Leute direkt in Bosnien ausgewählt oder mit den dortigen Arbeitsagenturen zusammengearbeitet“, erklärt Merdan. Sechs geeignete Kandidaten wurden nach Deutschland eingeladen.

Auch Haris Becirovic hat sofort zugesagt. Er hatte sich in Bosnien als ausgebildeter Krankenpfleger sechs Jahre lang mit Kurzzeitverträgen über Wasser gehalten. Für eine Arbeit in Deutschland war er bereit, einige Mühen auf sich zu nehmen. „Es war schwer, weil ich die Sprache nicht konnte und niemanden kannte“, erinnert er sich. Ein großes Hindernis war die so genannte „Anerkennung“. Ausländische Fachkräfte müssen diese erlangen, damit ihre Abschlüsse als vergleichbar mit deutschen Examen angesehen werden. Neben sehr guten Sprachkenntnissen der Stufe „B2“ müssen sie eine Kenntnisstandprüfung für ihr Fachgebiet ablegen. Für die Vorbereitung und Prüfungen haben sie ein Jahr Zeit.

Größtmögliche Unterstützung gab es vom Arbeitgeber. In den ersten Wochen wohnten die bosnischen Arbeitskräfte in einem Apartment im Betreuungszentrum, bekamen Hilfe bei der Wohnungssuche und Vorschüsse für die Provision und Maklergebühren. Neben entsprechenden Kursen an der Volkshochschule hat man zusätzliche Seminare im Haus organisiert. Nachmittags wurden die Arbeitskräfte auf den Stationen des Betreuungszentrums eingesetzt. Dort haben auch die Kollegen und Bewohner beim Lernen mitgeholfen. „Ohne die große Geduld und Hilfe der deutschen Kollegen wäre das nicht möglich gewesen“, sagt Becirovic dankbar. Alle hätten an einem Strang gezogen, damit die Integration klappt.

Doch die größte Herausforderung war die Bürokratie

Dokumente mussten doppelt übersetzt und beglaubigt werden, viele Behördenbesuche, ein immenser Schriftverkehr und lange Wartezeiten waren die Regel. Besonders problematisch: Nachdem die bosnischen Arbeitskräfte die Anerkennung bestanden hatten, mussten sie teils drei Monate auf die dazugehörige Urkunde warten. Erst mit dieser konnten sie aber als Fachkräfte eingesetzt und bezahlt werden.

Haris Becirovic hat seine vor zwei Wochen bekommen. „Mir ist ein Stein vom Herzen gefallen“, sagt er. Immerhin lebe man während der ganzen Zeit in der Ungewissheit, ob man vielleicht doch wieder nach Bosnien zurück müsse. Auch Zvjezdana Durdevic kann inzwischen als Fachkraft am Betreuungszentrum arbeiten. Ihre Zukunft sieht sie ganz in Deutschland. „Hier habe ich eine gute Arbeit, tolle Kollegen und viele neue Freunde gefunden“, freut sie sich. Beruflich hat sie noch einiges vor. Aktuell macht sie eine Weiterbildung zur Gerontofachkraft.

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Unser Foto: Pflegedienstleiter Hamo Merdan (rechts) mit den neuen Pflegefachkräften des Betreuungszentrums Wasserburg: Zvezdana Durdevic und Haris Becirovic aus Bosnien.

 

 

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