Flüchtige Musik und schweres Eisen

Ausstellung mit Arbeiten von Rainer Devens und Franz F. Wörle im Kulturhaus Holzapfel eröffnet

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P1070711Wasserburg/Tacherting – Im Kulturhaus Holzapfel in Tacherting wurde dieser Tage eine Ausstellung mit Arbeiten des Wasserburger Malers Rainer Devens und des Bildhauer Franz F. Wörle eröffnet. Zu den schweren Eisenskulpturen von Wörle fügen sich die malerischen Musik-Impressionen von Devens kontrapunktisch ein.

Eigentlich ist es unmöglich, Musik durch Bilder darzustellen. Künstler Rainer Devens versucht es mit seinen Arbeiten dennoch. So wie ein Musikstück eine tonale Färbung, Rhythmus und ein Thema hat, finden sich Entsprechungen in den Bildern des Künstlers. Dabei sind seine einem Musikstück gewidmeten Bilder keine Illustrationen sondern Wiedergaben eines Endrucks, den der Künstler mit der Auseinandersetzung eines Musikstücks bekommen hat. Die „Kunst der Fuge“ von Bach ist in Brauntönen gehalten und das Kontrapunktische der Komposition kommt durch die regelmäßig angelegten Strukturen zum Vorschein. Die Musik bekommt eine Gestalt und wird nicht nur für die Ohren, sondern auch für die Augen erfahrbar.

Der in Wasserburg lebende Rainer Devens ist Musikenthusiast und fügt seine beiden großen Leidenschaften in seinen Arbeiten zusammen. In der Ausstellung im Kulturhaus Holzapfel werden auch seine Bilder zur Winterreise von Schubert zu sehen sein. Auf beeindruckender Weise hat er den Liederzyklus bildlich umgesetzt, ohne ihn nur zu illustrieren. Die wesentliche Stimmung der einzelnen Lieder hat er treffend wiedergegeben, hat das Melancholische, Verletzte und Leidende des lyrischen Ichs in Farben umgesetzt. Die Besucher können in der Ausstellung auch die Winterreise hören und auf diese Weise Bild und Musik in sich zusammen führen.

Versucht Rainer Devens, das Flüchtige der Musik bildnerisch festzuhalten, so schafft Franz F. Wörle mit seinen Eisenskulpturen Werke, die lange Zeit überdauern werden. Seine schweren Arbeiten greifen archaische Architekturformen auf, er vermeidet aber alles Pathetische und bindet sie an das menschliche Maß. „Seelenhäuser“ nennt Wörle, der in Straußdorf bei Grafing lebt und arbeitet, eine Werkreihe. Letzte und finale Ruhstätte, inspiriert von seinen Aufenthalten in Nordafrika.Das ewige der menschlichen Seele wird das vorgeblich „ewige“ des Materials Eisen beigefügt.

P1070820Doch Eisen rostet und in diesem Zustand des langsamen sich Auflösens, belässt der Künstler seine Skulpturen. Die Oberfläche mit ihrer porösen Struktur gleicht der menschlichen Haut. Darin liegt das Faszinosum, das die Arbeiten von Wörle beim Betrachter auslöst. Vordergründig stehen die Werke ganz für sich, fast abweisend scheinen sie zu sein, doch bei weiterer Auseinandersetzung mit ihnen entdeckten wir uns selber in den Arbeiten. Genau das nimmt den Skulpturen ihre Schwere und macht sie uns auf eine überraschende Art und Weise vertraut.

Die Ausstellung ist noch bis 7. November im Kulturhaus Holzapfel, Oberbrunnham 20, Tacherting jeden Freitag von 16 bis 20 Uhr und Samstag und Sonntag von 15 bis 20 Uhr zu besichtigen.

 

Über das Kulturhaus

Über die Künstler

Die Eröffnungsrede:

 

„malerische musik impressionen & skulpturen“

Kulturhaus Holzapfel

 

Lässt sich einer unserer Sinne durch einen anderen ersetzen? Natürlich nicht und alle Versuche, dies zu tun müssen zwangsläufig fehlschlagen. Ich kann ihnen erzählen, wie wunderbar fruchtig ein Wein schmeckt, im Abgang nach Waldbeeren und frisch geschlagenem Kiefernholz, schmecken können Sie ihn dennoch nicht. Unsere Sinne arbeiten sich ergänzend, auf unglaubliche Weise untereinander vernetzt und in unser Gehirn eingebunden. Kant vergleicht unsere Sinne mit  Fischernetzen, die nur das einfangen können, was nicht durch ihre Maschen schlüpft. Die Maschengröße bestimmt das, was wir hören, sehen, fühlen, riechen und schmecken, kurz wie wir die Welt um uns herum wahrnehmen. Alleine die Sinneseindrücke reichen nicht aus, die Welt zu verstehen. Es braucht unseren Verstand dazu, die gewonnenen Informationen zu bearbeiten. „Der Verstand vermag nichts anzuschauen, und die Sinne nichts zu denken. Nur daraus, daß sie sich vereinigen, kann Erkenntnis entspringen“ , sagt Kant. Und weiter:

„Verstand und Sinnlichkeit verschwistern sich bei ihrer Ungleichartigkeit doch so von selbst zu Bewirkung unserer Erkenntnis als wenn eine von der anderen, oder beide von einem gemeinschaftlichen Stamme ihren Ursprung hätten.“ Ich möchte den Begriff „verschwistern“ an dieser Stelle aufgreifen. Ein fast banales Wort, „verschwistern“ also „Geschwister sein“, viele von uns haben Geschwister, haben Kinder, die Geschwister sind, alltäglicher geht es gar nicht. Und trotzdem liegt diesem „Verschwistern“ etwas ganz Besonderes zu Grunde. Wir alle kennen die Familienbande,die Geschwister aneinanderbindet, sie verbindet trotz ihrer offensichtlichen Unterschiedlichkeit. Auch hier ist es der „gemeinschaftliche Stamm“, von dem Kant spricht, der Geschwister auf von außen nicht nachvollziehbarer Art und Weise verbindet. Bei allem Unterschied besteht diese geheimnisvolle und tiefe Beziehung. Kant stellt fest, dass es „wenigstens für uns unbegreiflich ist, wie das Ungleichartige aus einer und derselben Wurzel entsprossen sein könne.“

Ein Bild ist etwas anderes als ein Musikstück. Grundsätzlich sind beide verschiedenen Sinnen zuzuordnen und so ist das eine durch das andere nicht möglich auszudrücken. Warum also versucht Rainer Devens genau dieses? Ein Grund liegt in der naturgegebenen Überheblichkeit der bildenden Künstler. Sie meinen mit Farbe auf einer Leinwand die Welt darstellen zu können. Sie meinen, die Grenzen unserer Sinne sprengen zu können und auf diesem Wege sich wie ein Computer- Hacker in das Netzwerk aus Sinnen und Gehirn hineinzuschmuggeln. Kunstwerke sind wie Trojaner, die sich in unser System einschleichen und dann in uns das Arbeiten anfangen. Kunst wirkt in uns.

Devens geht mit seinen Musik-Bildern noch ein Schritt weiter. Er will die Musik nicht in Bilder umformen, sondern adäquat durch Bilder ausdrücken. Er selber ist vorsichtig in seiner Formulierung und nennt sie „malerische Impressionen“. Ihm ist bewusst, dass man Musik nicht bildnerisch darstellen kann.

 

Dass hier eine grundsätzliche und unüberwindbare Grenze zwischen den Sinnen, dem Hören der Musik und dem Sehen des Bildes besteht. Und trotzdem wagt er sich daran, diese Grenze wenn nicht zu überwinden, dann wenigstens auszuloten. Sich ihr mit Farben und Formen zu nähern um sie mit seinen Bildern gewissermaßen sichtbar zu machen. Devens bedient sich der Form, der Farbe und dem Rhythmus, um seinen ganz persönlichen Eindruck eines Musikstücks wieder zu geben. Dabei ersetzt nicht der Pinsel den Taktstock, auch das wäre eine Möglichkeit der Umsetzung, sondern es ist ein durch den musikalischen Verstand gefilterter Ausdruck einer durch Musik angeregten Empfindung. Spannender Weise lässt sich diese Empfindung für den Betrachter nachvollziehen und Musik und Bild fügen sich zusammen.

Musik muss auch jemand machen. Sie muss komponiert werden und sie muss gespielt werden. Darum hat sich Devens auch den Musikern in ihrer ganz typischen, durch das Instrument ihnen aufoktroyierte Haltung gewidmet.

Der Künstler selber spielt Klavier, und wenn man ihn fragt, wie gut, dann antwortet er  lapidar: „Meine Frau hält es aus“. Musik ist für Devens Lebenselexier, und eine Notwendigkeit. Genauso wie die Kunst. „Als Kind bin ich mit Bleistift und Papier ruhig gestellt worden“, sagt er.

 

Das hier ist ein Bild und das hier ist Musik, doch beide sind miteinander verschwistert wie die Sinne mit dem Verstand. Musik und Kunst haben denselben gemeinschaftlichen Stamm, von dem ich eingangs sprach. Daher ist es nicht aberwitzig sondern legitim, sich dem einen durch das andere zu nähern. Von beiden Seiten wurde sich dem jeweils anderem versucht zu nähern, man denke nur an Kandinsky und Klee auf der einen Seite oder Mussorgskys Bilder einer Ausstellung auf der anderen. Bei Mussorgsky spricht man von Programmmusik, nehmen wir Devens Bilder zur Schubert´schen Winterreise, dann könnte man parallel von „Programmbildern“ sprechen.

Nicht  illustrativ setzt er den Text und die Stimmung in den Bildern um, sondern nähert sich der gemeinsamen Wurzel. Wie Positionslampen erscheinen die im Text vorkommenden Dinge wie die Wetterfahne, die Gräber oder die Krähe nicht plakativ sondern vorsichtig und ahnungsvoll, ganz dem Wehmut der Komposition folgend. Sie zeigen dem Betrachter an, wo er innerhalb des Liedes steht und wo sich das lyrische Ich befindet und beide verbinden sich im Idealfall. Wer die Lieder kennt, kann in den Bildern die Musik wiederfinden oder besser gesagt sich wieder erinnern. Wer die Winterreise nicht kennt, also ohne musikalische Erinnerung die Bilder betrachtet, wird trotzdem die Stimmung intuitiv erfassen. Das ist etwas ganz Wesentliches bei den Arbeiten von Rainer Devens. Sie sind eigenständige Bilder, die ohne die Verbindung zur Musik „funktionieren“. Seine Bilder berühren unser ästhetisches Empfinden und sind eigenständige Werke, die für sich stehen können.

 

Ich möchte bei dem von Kant verwendeten Begriff der „Verschwisterung“ bleiben. Mir scheint er geeignet, den grundlegenden Aspekt der Arbeiten von Franz Wörle aufzuzeigen. Franz Wörle ist ein Bildhauer. Das Ergebnis seines Schaffens sind Eisenskulpturen. So weit so gut. Doch so einfach macht es der Künstler uns Betrachtern nicht. Denn sind es wirklich Skulpturen oder ist es nicht eher Architektur, die er baut? Zugegeben kleinformatige Architektur, aber dennoch Architektur. Das Grundproblem jeglicher Architektur ist jenes: Wie bekommt der Mensch eine Senkrechte auf die ansonsten horizontale Erde? Auf dieses Problem lässt sich Architektur reduzieren. Wir Menschen stehen senkrecht in der Landschaft und müssen uns, seitdem wir von den Bäumen der Savanne Afrikas gestiegen sind, um adäquate Unterbringung kümmern. Dieser Aspekt der Senkrechten bestimmt die Arbeiten von Franz Wörle. Seine Stelen sind Architektur. Mir persönlich ist es unmöglich, seine Arbeiten als abstrakt aufzufassen. So sehr ich mich auch anstrenge, sie als abstrakte Skulpturen zu sehen drängen sich die architektonischen Elemente in meiner Anschauung immer in den Vordergrund. Auch komme ich nicht umhin, den Begriff „archaisch“ zu verwenden. Eben weil er die grundlegenden Fragen der Senkrechten in der flachen Welt behandelt, sind Wörles Architekturskulpturen archaisch zu nennen. Sie berühren sehr alte Bereiche in unserem Gehirn, die schon zu jener Zeit aktiv waren, als wir wie gesagt, in Afrika von den Bäumen stiegen und erste Architektur fertigten. Wir Menschen heute sind näher an unseren Vorfahren, als wir gerne wahrhaben wollen. Dass hier die Aufenthalte von Franz Wörle in Nordafrika wesentliche Inspirationsquellen waren, ist so offensichtlich, dass man es im Grunde gar nicht erwähnen muss.

Die archaischen Urformen schlummern immer noch in uns.  Genau deswegen sprechen uns die Arbeiten von Wörle so unmittelbar an, da die Formen und die Proportionen uns Menschen schon sehr lange bekannt sind. Ahnungsvoll sehen wir in den Arbeiten zurück in der Zeit.

Das macht die Faszination aus, die von ihnen ausgeht. Die Ursprünglichkeit berührt uns unmittelbar, weil sowohl die Architektur als auch die Bildhauerei ebenfalls auf den gemeinschaftlichen Stamm zurückzuführen sind, beide miteinander verschwistert sind. Darum ist es müßig bei Wörles Arbeiten zu fragen, welcher Anteil Architektur und welcher Skulptur ist. Geschwister kann man nicht trennen, die Familienbande sind zu stark. Erkenntnis entspringt erst aus dem Zusammenspiel beider Anteile.  „Nur daraus, daß sie sich vereinigen, kann Erkenntnis entspringen“, hatte ich eingangs Kant zitiert. Welche Erkenntnis liefern also die aus der Verschwisterung entstandenen Arbeiten? Wir sehen uns selber in ihnen gespiegelt. Trotz des schweren Materials und der geradlinigen Formen haben die Arbeiten von Wörle ein menschliches Maß. Sie sind dem Menschen angemessen. Die poröse, rostige Oberfläche nimmt dem Metall seine Härte und gibt dem vordergründig ewig haltbarem Material etwas Vergängliches.

 

Die Skulpturen werden ephemer, es ist nur eine Frage der Zeit, dann werden sie sich auflösen. Allerdings werden wir das nicht mehr erleben. Das heißt, wir erkennen in den Arbeiten die Vergänglichkeit der Dinge und damit unsere eigene Endlichkeit. Vielleicht die wichtigste Erkenntnis überhaupt, die wir Menschen machen können. Und sollte am Ende unsere Seele einziehen in eine der Seelenhäuser Wörles, dann scheinen sie mir ein durchaus passender Ort dafür zu sein.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich wünsche Ihnen eine die Sinne und den Verstand gleichermaßen anregende Auseinandersetzung mit den Arbeiten in dieser Ausstellung. Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.

 

 

Christoph Merker

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